kleines wörterbuch der kundigkeit, folge einsPunktfümmf

Es ist Freitagabend im Frühjahr. Wie so oft in den letzten 10 Jahren sitze ich ausnahmsweise vorm TV und schaue einen Trashsender, von dem ich sonst nicht viel halte. Dieses Format jedoch gewann mein Herz schon seit Beginn der Ausstrahlung. Menschen, die sonst eher nicht tanzen, versuchen Schritte, Bewegungen und Figuren zu lernen, sich auf einer ungewohnten Bühne fallen zu lassen und über ihre Grenzen zu gehen. Abgesehen von Musik und glitzernden Outfits mag ich die Geschichten, die ihre Choreografien erzählen und die Entwicklung, die die mehr oder weniger prominenten Menschen mit ihren Profitänzern hinlegen. Äußerst appaturTM ist auch die Jury. In den aller-, allermeisten Fällen gibt es eine faire Bewertung, konstruktive Kritik, Übungshinweise und Lob.

Zu keiner Zeit hat man das Gefühl, die Darbietung dient dem Spott oder einer Vorführung fehlenden Talents. Gute Tänzer werden gern auch überschwänglich gelobt. Und dann sieht man es: Nicken, Stottern, Ungläubigkeit. Die Worte anzunehmen fällt schwer. Die eigene Leistung tatsächlich anerkennen zu lassen und auch selbst anzuerkennen, eine Herausforderung.

„Das hast du gut gemacht“

„Mir gefällt deine Idee“

„Wie schön du (hier beliebiges Verb einsetzen) kannst.“

Lob.

Komplimente.

Ehrliche Anerkennung.

Netter, respektvoller Umgang miteinander…

Nett zu anderen zu sein lernt man vlt gerade so. Zu teilen, ein liebes Wort zu verlieren, konstruktive Hinweise auszusprechen, all das bekommt man, wenn man Glück hat, vlt durch Elternhaus, Freunde oder fähige Lehrer mit. „Sei nett zu anderen“, „Teile deine Sachen, wenn es dir möglich ist“, „lobe deine Freunde, wenn sie was Gutes tun“

Sätze, die man als Mutter wie eine Schallplatte mit Riss wiederholt.

Ob diese Worte fruchten, wird sich erst später bemerkbar machen. Immerhin spiegelt sich auch das eigene Verhalten in der kindlichen Wesensstruktur wider. Man kann 20 Mal erbitten zu loben, wenn man selbst vorrangig schimpft und sich auf Negatives konzentriert. Hier liegt der Hase vlt begraben. Zwischen Absicht und Umsetzung könnten aus Versehen Welten liegen. Was also, wenn man tatsächlich in die Situation eines spontanen aber ernst gemeinten Kompliments kommt?  Man hat gelernt, wie man nett ist. Wie man hingegen mit derartiger Freundlichkeit umgeht, wenn sie zurück kommt…. das ist schon schwieriger. Nicht wenige Menschen gaben in Gesprächen zu, nervös zu schwitzen, wahllose „danke gleichfalls“ zu murmeln und die Überforderung mit einem zuckenden Auge panisch weg zu atmen.

Man möchte nicht überheblich wirken, sich aber dennoch erkenntlich zeigen. Irgendwie Dankbarkeit ausdrücken, ohne etwas Dummes zu sagen. Ohne böse Absicht hat man mit der falschen Reaktion das bisher von einem angetane Gegenüber beleidigt (die Möglichkeiten hierzu sind quasi unendlich… selbes Talent nicht bemerkt und damit herabgewürdigt, eigenes Talent heruntergespielt „das ist doch total einfach“ und das Gegenüber damit als unfähig bezeichnet etc pp)

Es ist mehr als verständlich, dass man mit der Situation eines Lobs (vor allem wenn es ausführlich und überschwänglich ausfällt), und sei es noch so gerechtfertigt, überfordert ist und anfängt panisch zu stottern. Wenn man selbst eher der bescheidene Typ ist oder selten gelobt wurde, hat man vlt einfach nicht gelernt wie man adäquat auf liebe Worte reagiert und steht nun mit schwitzigen Händen allein umher. Die Situation ergibt sich ja doch nicht alle Tage, ein wirkliches Üben ist daher kaum gegeben.

Wie nun also dieses Problem lösen?

Der erste Schritt zur angemessenen Reaktion besteht vor allem in Akzeptanz. Ein „Quaaaatsch“ mit abtuender Handbewegung hilft weder einem selbst noch dem Menschen der mutig genug war, seine Bewunderung in Worte zu fassen. Auch wenn man selbst anderer Meinung ist, sollte man immerhin die Sichtweise des Gegenübers akzeptieren können. Sollte man mit der Begeisterung überfordert sein, hilft es einfach, einen kleinen Tanz aufzuführen. Das zaubert nicht nur einem selbst, sondern auch allen Umstehenden ein Lächeln ins Gesicht! Tanzen gilt seit jeher als Ausdruck der Freude und Lebenslust. Und was wäre eine angemessenere Reaktion auf Lob?

AkzepTanzTM, der:

kleiner Ausdruck der Akzeptanz und eventuell  Freude. Unauffällig mental zu vollführen oder körperlich darstellbar in sämtlichen Situationen und Umgebungen.

Als Reaktion auf Überforderung in Situationen ausgelöst durch z.B. Lob.

Keine Vorbereitungen nötig, auch sonderliches Tanztalent nicht erforderlich.

Wichtig ist nur, dass sich die ursprüngliche Aufregung in ehrliche Freude, die Unsicherheit in ein Bewusstsein der Anerkennung wandelt und der Körper sich Stück für Stück hin zur Leichtigkeit rhythmisch (oder eben nicht) dem Beat (Telefon schlägt „Beate“ vor und ich breche weg vor Lachen) des freudigen Herzens anpasst. Sei es nur ein Wippen der Fußspitzen oder eine hüpfende Eskalation bis in die Haarwurzeln, jeder ist mit seiner eigenen Form des AkzepTanzTM  ausgestattet. Tief einatmen, Lob annehmen,  Losgelöstheit genießen und tanzen.

In diesem Sinne: geht Komplimente verteilen, nehmt welche an, AkzepTanztTM und nehmt wahr, was Ihr alles Geiles könnt.

Ausser Ihr seid Nazis.

AkzepTanzTM – ein Beispiel (Sound On!)

© 2020 hollingtonsmum

4 Kommentare zu „kleines wörterbuch der kundigkeit, folge einsPunktfümmf

  1. Ich liebe den AkzepTanz™ schon jetzt… benutze ihn sogar bereits hin und wieder, wie mir jedoch eben, beim Lesen und Videoschauen (großartig übrigens!!) erst bewusst ist.
    Toller Text, toller Grundgedanke!
    Selbst bin ich ein großer Fan, Lobe zu verteilen, erfreue mich wahnsinnig an der Reaktion meiner Enkelkinder… vor allem die Große strahlt dann verdient gaaanz stolz. Jedoch hab auch ich nie wirklich gelernt, mit Lob umzugehen, hab es immer für Du-verklappst-mich-doch & das-kannst-du-unmöglich-ernst-meinen gehalten. Gerade deshalb wahrscheinlich lobe ich gern… es tut einfach gut und ist sooo schön!
    Und nun wird dazu auch bewusster geAkzepTanzt™ 😁😁

    Schöner lesen mit hollingtonsmum, paßt zum schönen Sonntag. Und den wünsch ich euch nun ☀️👋🏼👩🏻‍🦳

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  2. Einen bewundernden FreudenTanz auf das von Dir in uns Allen entdeckt und dann so tief aus der Seele nach oben Geschriebene!!! Es mit einem AkzepTanz™ zu verbinden…👍🏻
    Einfach nur schön + von Euch göttliche vorgeführt…!…🤗-> mehr davon Biiiiiitte🥰
    Und den Herrn S. möcht ich in jeder Flockpost™ dann AkzepTanzen™ seh‘n!!!

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  3. Gelesen habe ich das schon heute Vormittag. Und mir mehrfach an die Nase gefasst. Wie gut kenne ich das. Und wie toll hast du das geschrieben! Diesen Begriff AkzepTanz, werde ich wohl nie wieder vergessen und live praktizieren. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Jawohl! Ich danke dir herzlichst dafür. Und die tausend anderen begeisterten Worte werde ich einfach still vor mich hin brummeln. Denn wenn ich begeistert bin, dann halte dich fest.. Aber.. dank deiner Blockpost, werde ich schön sachlich bleiben. Dennoch, wirklich gut, wirklich wunderbar, einfach phenomä… verflixt.. Schulterklopf..

    Gefällt 2 Personen

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