Frühstücksbrettchenweisheiten… verdammt 😖

Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Wenn du älter wirst, ist alles vergessen.

So schlimm war es doch gar nicht. Steh‘ einfach wieder auf.

Hör auf zu weinen.

Und mein ganz persönlicher Favorit:
Zeit heilt alle Wunden.

Da kommt mir das leise Kotzen. (Bitte verzeiht diesen so bildhaften aber durchaus ungefiltert ehrlichen Ausdruck)

Woher will denn jemand wissen, ob es „gar nicht so schlimm war“, wenn er es nicht selbst erlebt? Vlt ist der Schmerz auszuhalten, aber die Situation war trotzdem so unerwartet, dass der Schreck noch durchaus in den Knochen sitzt?

Wie übergriffig ist bitte ein „hör auf zu weinen“?! Kennen wir doch alle das reinigende, heilende Gefühl eines … Gefühlsausbruchs, eines echten Weinens und der Erleichterung danach. Was kommt denn beim Gegenüber bei einer derartigen Aussage an?
Hör auf deine Gefühle zu zeigen. Hör auf du zu sein. Hör auf dich zu öffnen.

Es spiegelt die eigene Überforderung. „Lass das“ als Strategie, die Schmerzen zu umgehen. Aber wird es davon wirklich besser?

Wieso ist in unserer Gesellschaft Schmerz überhaupt so negativ belastet? Dient er nicht eher als Wegweiser, als Alarmanlage?
Hier läuft etwas schief, sieh‘ doch mal genauer hin. Das war jetzt doof, das machste besser nicht nochmal.

Eine unserer wichtigsten Schutzfunktionen und dennoch bekommen wir von klein auf beigebracht: Ignorieren ist besser als Durchfühlen.

Man fühlt sich machtlos im Angesicht fremder Tränen. Der Umgang mit Schmerz und Trauer erfordert Kraft und eigene Energie. Da ist ein Abwinken oft leichter als ein Zulassen.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Schmerz. Jeder will auf seine Weise gehört, gefühlt und verarbeitet werden. Ein ungefragtes „wird schon wieder“ hilft dabei allerdings in den seltensten Fällen.
Und was auch in einigen Fällen kein Stück hilft, ist Zeit. Dem Nächsten, der mir mit dieser scheiss überbewerteten Floskel eines Frühstückbrettchens kommt, haue ich letzteres um die Ohren. Es gibt Schmerzen, die nie an Intensität verlieren. Beispiele sind hier absolut überflüssig, denn jeder wird seine eigenen Erfahrungen haben und diese hier zu bewerten oder viel schlimmer abzuwerten, wäre durchaus vermessen.
Weshalb quatscht sie dann an diesem bisher so ruhigen Sonntag davon und ruiniert die Laune?

Nun zwei Gedanken möchte ich mit auf den Weg gegeben wissen:

1. Redet Schmerz nicht klein.
Wenn Ihr ihn selbst fühlt, wenn er an Euch ran getragen wird. Er ist nichts, wofür man sich schämen muss, was man zurückhalten sollte oder was von allein besser wird. Wir sind nun mal keine Indianer.
Bitte pustet auf das nicht verletzte Knie nach einem Sturz. Das Kind fühlt sich danach besser, denn Ihr habt es ernst genommen und hattet Zeit für seine Sorgen und seinen Schreck.

Nehmt die beste Freundin in den Arm, wenn sie einen scheiss Tag hatte. Auch wenn Euch die Worte fehlen. Oft braucht es keine. Hört der Omi zu, die ihre Liebsten vermisst. Sie wird sich weniger allein fühlen, wenn sie von ihrem Schmerz berichten kann.

2. Habt keine Angst vor Schmerz.
Er hat einen Sinn. Er warnt vor schlimmeren Verletzungen, zeigt dem Körper, was er vlt gerade braucht (auch mental, Pausen, Wasser, Therapie etc.) und ist dazu da, etwas mit ihm anzufangen. Seht hin, wo es weh tut. Seid aufmerksam, wann es weh tut. Nehmt ihn an und lasst die Wunden, die nicht mehr heilen, Euch daran erinnern, dieses Leben zu genießen bevor es vorbei ist.

Könnte auch auf nem Frühstücksbrettchen stehen. Verdammt.

In diesem Sinne: hier ein Pflaster mit Autos für Euch und Eure Wehwehchen, tiefen Wunden und chronischen Schmerzen. Auf das Ihr Heilung findet an diesem neuen Tag ♡


© 2020 hollingtonsmum

2 Kommentare zu „Frühstücksbrettchenweisheiten… verdammt 😖

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