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vierzehn tage später

Ich muss mich unbedingt rasieren. Ok, nennen wir es den Bart stutzen. Also, jedenfalls das, was man – nein, MANN (!) mit so einem Haarschneidedingens macht. Ist das Rasieren? Ich weiß es nicht. Na hut, nennen wir es Rasieren.

Yep, „Na hut“. Zugegeben, ich wollte „Na gut…“ schreiben, hab ich aber nicht. Übrigens hat das alles nichts mit irgendwas zu tun. Außer vielleicht damit, dass ich mich kurz entschuldige, weil ich ja den Bart stut-, mich rasieren will.

Natürlich verfolge ich damit ein höheres Ziel, natürlich geschieht das alles nur zum Wohle der Menschheit, natürlich ist dieser Satz Unsinn. Aber ich mag Unsinn!
Da ich jedoch vor vierzehn Tagen einigermaßen faul war, habe ich Euch dahingehend manipuliert, mir ein paar Texte für meine BlockpostTM zu liefern. Weil ich aber nicht übermäßig fies erscheinen möchte, habe ich das ganze in ein „Uuuh, schaut mal, Fotos! Da könnt IHR ja kreativ sein und euch INSPIRIEREN lassen!“-Päckchen mit affektiertem Luftzufächeln gepackt.

Ich weiß, Ihr habt das sofort durchschaut. Deshalb bin (in Reihenfolge des Eingangs der Texte) Pandorra Birdie Saralonde, Veronika Bärenfänger und hollingtonsmum sehr dankbar, dass sie mitgespielt und so getan haben, als wäre das eine coole Idee gewesen. Ok, durch Euch ist es eine coole Idee geworden. 🤓

Was macht 1 kleinkünstler nun mit diesen Einsendungen?
Na, mit Euch teilen, is‘ ja klar, oder? Aber… mit einem kleinen Twist.

Ihr könnt diese kleinen Geschichten nämlich nicht nur lesen, sondern auch hören.
Ich habe mir die Frechheit herausgenommen, die Geschichten laut zu lesen, während ein Mikrofon, angeschlossen an meinen Computer, welcher bestückt ist mit Software zur Bearbeitung von Audiodaten, diese gesprochenen Versionen der Texte (bisher drei) mittels Kondensator, Wandler und hier-schön-schwarz-Mikrofonkabel an Software übermittelt.
Außerdem bitte ich um Verzeihung für diesen grauenhaften Satz.

How auch ever, die ersten drei Geschichten zu eins gibt’s hier und hier und jetzt, also gönnt Euch!
So nach und nach gibt es dann auch die anderen Geschichten zu lesen und zu hören. Und wer weiß, möglicherweise bekommt ja noch jemand Lust darauf, sich an den dreizehn geschichten zu beteiligen.

In diesem Sinne,

Have a nice Wochende!


dreizehn geschichten – eins (13/eins)

13/1_(Mittwoch)

Ein Mädchen mit einem Dreirad fuhr mittags spazieren. Das tat sie jeden Tag, denn während ihre Eltern ihren Mittagsschlaf abhielten, musste das Mädchen raus. Es war Mittwoch und sie fuhr weiter als sonst. Plötzlich hielt sie an. Vor ihr war eine offene Türe. Das war das erste, was sie sah. Dann wanderte ihr Blick weiter. Ein Dach! Es kann nicht reinregnen, dache sie. Aber Fenster konnte sie keine sehen. Na gut, dann kann ich nicht rausgucken, aber reingucken kann auch niemand. Sie stellt ihr Dreirad ab und lief auf die Türe zu. Dunkel war es drinnen. Aber dunkel war es auch irgendwie um sie herum. Also ging sie hinein. Ihre Augen konnten wenig sehen, aber ihr Herz umso mehr. Oh, da in der Ecke steht ein Puppenhaus. Und daneben ein schönes weiches Bett. Und an der Wand ein Regal mit wunderbaren Bilderbüchern. Sie lief zu dem Puppenhaus und sah hinein. Da saßen zwei Eltern und ein kleines Mädchen an einem Tisch. Dann setzte sie sich auf das Bett. Ach war das himmlisch weich. Nur ein wenig hinlegen, dachte sie. Und tat es. Etwas rüttelte sie unsanft an der Schulter. Erschrocken riss sie die Augen auf und starrte in das Gesicht ihrer Mutter. Dann sah sie sich um. Sie lag auf dem Boden, um sie herum nur Schutt und Dreck. Aber für ein paar kurze Momente, war alles, wie es eigentlich sein sollte. Die Hand der Mutter ergriff ihre und zog sie mit sich. Sie würde wiederkommen, das wusste sie. Schon morgen, wenn die Eltern ihren Mittagsschlaf halten würden.

von Pandorra Birdie Saralonde


13/1_(Kielka)

Der Fahrer wandte sich zu ihr und sagte, »Wir sind da!«

Zögernd stand sie auf, griff ihren Rucksack und ging zu ihm nach vorne.

Etwas ungläubig blickte sie hinaus, auf die staubige Straße.

»Hier?«, fragte sie.

»Das ist Kielka. Du wolltest doch nach Kielka. Was ist jetzt? Ja oder Nein?«
Lia nickte und der Fahrer öffnete die Tür.

Vorsichtig stieg sie die Stufen hinab und nachdem sie den zweiten Fuß auf den staubigen Boden gesetzt hatte, blickte sie noch einmal zurück.

Der Fahrer nickte ihr zu, drückte den Knopf und die Tür schloss sich.

Mit einem Pfeifen setzte sich der Bus in Bewegung.

Lia stand wie angewurzelt da und blickte ihm hinterher. Schon lange konnte sie ihn nicht mehr sehen.

Der Staub, den er aufgewirbelt hatte, lichtete sich langsam und gab den Blick auf ein Gebäude frei.

Der Rucksack glitt ihr langsam aus der Hand. Verzweifelt suchte sie nach etwas Greifbarem, etwas, was ihr sagen würde, alles ist gut. Aber nichts war gut.

Dieses Haus vor ihr war schon lange verlassen. Die Fenster zur Straße zugemauert, bröckelte überall der Putz. Die Ziegel hatten sich zum Teil schon gelöst und eine Eingangstür existierte nicht mehr. Hier war niemand mehr.

von Veronika Bärenfänger


13/1_(Mutig)

Sie hatte schon ansehnlichere Toiletten aufgesucht.
Aber was wollte sie machen. „Was muss, das muss.“, dachte sie sich und Schritt mutig über die zertretene Schwelle.

von Moi


© 2020 albert sadebeck

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dreizehn geschichten

Vorwort

Meine Faulheit hat eine neue Dimension erreicht, denn dieses Mal habe ich tatsächlich NICHTS geschrieben.

Außerdem gab es jetzt schon so lange kein MitmachanklickgedönsTM.
Na ja, und da dachte ich so… vielleicht schreiben wir mal was zusammen?

Ihr findet also in diesem Beitrag dreizehn Blöcke mit Bildern, zu denen Ihr Eure Gedanken, Assoziationen, Geschichten und Anekdoten oder was Euch sonst so einfällt, aufschreiben könnt. Wenn Ihr möchtet.
Oder… Ihr schaut Euch einfach ein paar Fotos an und genießt die Stille.

Viel Spaß und vielen Dank fürs Anschauen, Mitmachen und appaturTM sein!


eins


zwei


drei


vier


fünf


sechs


sieben


acht


neun


zehn


elf


zwölf


dreizehn


Hört leider nicht auf, wichtig zu sein:

Seid keine Nazis! Wählt keine Nazis! Unterstützt keine Nazis! Wählt keine Unterstützer von Nazis! Unterstützt keine Wähler von Nazis! Lasst Euch nicht von Nazis unterstützen!

Seid keine Arschlöcher und helft Menschen in Not, auch wenn sie Nazis sind und/oder unterstützen!*

*) Das ist nämlich höchst appaturTM! 🙃

#blacklivesmatter


© 2020 albert sadebeck

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[der_tisch]

Vorrede

„Das Wetter ist schuld.“

Ist doch klar, oder? Das Wetter ist schuld daran, dass ich keinen neuen Text für die BlockpostTM geschrieben habe.

„Blödsinn! Du bist nur zu faul!“, brülle ich mich mental selbser an.

Ja, „selbser“. Hab mich vertippt, fand’s witzig und lasse es deshalb so.
Und es stimmt ja auch nicht wirklich. Zu faul bin ich nicht, nur zu…

…t r ä g e.

Ich habe (k)eine Ahnung, was mir die Synapsen lähmt und mich vom Schreiben abhält.
Während ich hier sitze und zumindest versuche, etwas Widerstand gegen die mich ergreifende Lethargie zu mounten, werde ich mir der Sinnlosigkeit dieses Unterfangens bewusst. Und da ich nicht in Versuchung geraten möchte, Roger Willemsens großartige Erklärungen für Misserfolg zu kopieren…

Kopiere ich einfach mich! Oder besser einen Text von mir. Ganz klassisch mit Strg+C und dann Einfügen mit Strg+V.

Der Text, den es heute zu lesen gibt, ist schon etwas älter und inzwischen Teil eines Kleinkunstprogramms mit dem treffenden Titel KEIN[SZENEN]PLAN. Und da das zurzeit ja nicht vor Publikum gespielt werden kann und eventuell 1 bis fümmf Leser*innen auch sonst Schwierigkeiten hätten, sich das hier anzuschauen…
Nun ja, genug der Vorrede.


Doch bevor es losgeht, hier noch eine Lese-/Hörhinweis:
An zwei Stellen ist ein Musikstück eingfügt.
Für höchsten BlockpostTM-Genuss bitte an den entsprechenden Stellen das Musikstück abspielen und weiterlesen.
Vielen Dank.


[der_tisch]

Donnerstag…

Die konkrete Zuordnung des Tages zu einem Namen erfordert eine erstaunliche Anstrengung meines Geistes.

Der Tisch inmitten der Filiale einer Caféhauskette ist gerade groß genug, um eine Tasse und meine Schreibutensilien, ein Notizbuch und einen Bleistift mit integriertem Radiergummi zu beherbergen. Ja, Sie ahnen es, ich bin zum Schreiben hierhergekommen.
Er, der Tisch, wackelt als wollte er sich mit einer „Mir-geht-es-auch-nicht-so-gut“-Geste meine Sympathie erkaufen.
Vielleicht hat es einen Grund, dass es der einzige freie Tisch im gesamten Café ist, bis ich an ihm Platz nehme. Zwei achtlos zurückgelassene Tassen und ein Trinkbecher zeugen vom hastigen Aufbruch ihrer Benutzer. Wer sie waren, worüber sie redeten, der Tisch hüllt sich in Schweigen.

Seit Tagen spreche auch ich mit niemandem. Nicht, weil ich mich Gesprächen verweigern würde, es finden einfach keine statt. Vermutlich, weil ich niemanden treffe, der sich mit mir unterhalten möchte.

Nun bin ich nicht unbedingt als jemand bekannt, der stets und ständig Gesellschaft bräuchte, ganz im Gegenteil. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich einige Tage nur mit mir zu tun hatte.

Ich mag keinen Lärm. Er bereitet mir physische Schmerzen. Das Abfahrtsignal der Straßenbahn schneidet mir ins Hirn, die zu Verkaufsförderung eingerichtete Beschallung diverser Bekleidungsgeschäfte und Supermärkte plärrt ungefragt in meine Ohren, die in maximaler Lautstärke geführten Telefonate in Zügen, auf der Straße, am Tisch nebenan (!) führen jede Diskussion um Privatsphäre und Datenschutz ad absurdum.
Hinzu kommen „laute Menschen“. Sie zeichnen sich durch die im Social-Media-Zeitalter wohl für überlebenswichtig gehaltene Fähigkeit grenzenloser Selbstdarstellung aus, die das Zurschaustellen ihrer Laptops, SnobPhones und Tablets zu einer eigenen Kunstgattung zu steigern scheint.
Warum sitze ich also ausgerechnet hier, umgeben vom Lärm klappernden Geschirrs, der sich mit der Dauerberieselung durch Wohlfühljazz vermengt, im Zentrum in Endlosschleife ablaufender Vergleiche von YouTube Clips, Instagram und Facebook Posts, Twitter News und Tinder Swipes?

Ich widerstehe der aufkeimenden Versuchung, den Tisch zu fragen.

Ob mich allerdings die Kenntnis gesellschaftlicher Normen, die öffentlich geführte Gesprächsversuche mit leblosen Objekten mindestens als Zeichen einer gewissen Merkwürdigkeit betrachten würden oder aber das eigene Wissen um die Sinnlosigkeit eines derartigen Unterfangens von eben diesem abhalten, ich weiß es nicht.

Und noch etwas anderes bleibt vorläufig ein nicht zu lösendes Rätsel:
Wieso werde ich zum wiederholten Mal gefragt:
„Entschuldigung, sind hier noch zwei Plätze frei?“

Ich bin eigentlich der Meinung, dass meine derzeitige Ausstrahlung nicht wirklich als Einladung an meinen Tisch zu verstehen sein kann.
Aber ganz offensichtlich ist für manche Zeitgenossen der Gedanke zu abwegig, dass ein allein an einem Tisch sitzender Mittvierziger, der in ein Notizbuch schreibt, selbstverständlich nicht gestört werden möchte. Und vor allem nicht gestört werden sollte!

Die Frage nach freien Plätzen wird wahrheitsgemäß beantwortet:
„Technisch gesehen ja, aber… nein.“

… was mich, wenn ich die darauffolgenden Blicke richtig deute, wirklich sehr merkwürdig erscheinen lässt, aber auch den gewünschten Erfolg nach sich zieht.
Der Tisch, wackelig, zu klein und völlig zerkratzt, mein Refugium, ist verteidigt!

Nur allzu gern würde ich das Klischee des auf der Suche nach Inspiration in einem Café sitzenden Schriftstellers, oder in meinem Fall Kleinkünstlers, vermeiden. Doch es passt so vortrefflich zu den anderen Klischees von Mittellosigkeit und solitärem Dasein.
Und als wollte sie dem Vorwurf des Nicht-anwesend-seins entgehen, schlägt sie, ganz Klischee, unbarmherzig zu – die Schreibblockade.

Ich starre auf den Tisch, die Kaffeetasse längst geleert.

Warten.

Stimmengewirr. Wohlfühljazz. Tassenklappern.

Doch dazwischen –

Nichts.


© 2015/2020 albert sadebeck

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fünfundzwanzig

Wir sitzen im silbernen Passat. Die Sonderausgabe mit Blue Emotion. (Die Anzeige des Tachos leuchtet in hellem Blau. Die Werbung verspricht damals, blau mache glücklich, sie hatte recht.) Wir fuhren wortlos, aber nicht unangenehm schweigend. Einem Paralleluniversum gleich schirmte der Wagen mich von der Außenwelt und ihrer Realität ab. Ein Paralleluniversum, das nach Vanilleduftbäumchen und Autoamatur duftet.

Ich hatte mich wie immer auf dem Beifahrersitz eingekuschelt und keine Erwartungen an unser Ziel. Hauptsache wir fuhren. Ab und zu kicherten wir über die Namen der Ortschaften. Poppenhausen stand immer hoch im Kurs. Seinen Humor mochte ich sehr. Nicht unbedingt die Inhalte, aber die Art und Weise wie er verschmitzt lächelte, sein Gesicht zu leuchten begann und sich über banale Dinge freute. Dass er lächelte zählte eher zu den seltenen Momenten.

Er mag eher die Berge. Das Meer ist ihm zu voll, zu sandig, zu unordentlich. Auch auf Tiere kann er in seinem Alltag gern verzichten. Sie fusseln und schnuppern an ihm rum. Er ist von breiter, trainierter Statur und stemmt, wenn es sein muss, mal eben Bauteile für unser Haus oder aber unseren Alltag. Er besitzt ein Etikettiergerät und hat es etikettiert.

Als Kind durfte ich in den Sommerferien Inliner in seiner Betriebshalle fahren. Diese Erinnerung ist mein Inbegriff von Sorglosigkeit. Sorglosigkeit auf 8 Rollen, abgesichert von diversen Schützern an Knie und Handgelenk und seinem wachsamen Blick. Über 20 Jahre arbeitete er dort, um die Familie zu ernähren, um die Dinge am Laufen zu halten. Über 20 Jahre Pendeln, über 20 Jahre Wochenendswillkommens und Montagsabschiede. Die Beständigkeit zierte sein starkes Kreuz und umgab ihn wie die stete Mischung aus Zuversicht und Sorge.
Als es die Möglichkeit gab, überraschte er mich mit Spontanität, die seinesgleichen sucht. Kündigung. Umzug quer durchs Land. So richtig. Von Süd nach Nord. Gemeinsames Arbeiten, gemeinsame Spaziergänge am Strand in der Mittagspause. Gemeinsamer Ausflug in die Therme. Vor allem aber ein gemeinsames nach Hause gehen. Umzug zurück in die Heimat, die er bis dahin immer nur als Reisender besuchte.


Wir laufen über einen Feldweg und schnattern. Ununterbrochen quillen die Wörter aus ihr. Sie tanzen zwischen uns, bevor sie sich auf den langen Weg zur Erinnerungszentrale machen. Die Natur beginnt Kraft für den Sommer zu sammeln und schickt erste grüne Anzeichen, dass es nun bald wieder voller Energie in die langen Tage geht. Frühling umgibt uns. Und die Geschichte, die kein Ende, dafür 25 Zwischenebenen kennt. Ich kann sie mir merken, kenne ihren Erzählstil und freue mich über all die Details, die sie in dieses eigentlich unaufgeregte Ereignis einbaut. Ihre Augen glühen und ihre Zunge tanzt einen Quickstep. Unterbrochen wird sie von sich selbst. Wie so oft musst sie plötzlich pullern. Es ist eigentlich kein echter Spaziergang, wenn sie nicht wenigstens einmal zwischendurch pullern war.

Sie liebt das Meer. Die Wärme der südlichen Strände ist ihr eigentliches Habitat. Es kann gar nicht lässig genug zugehen. Einen frischen Ananasshake in der Hand, eine Hängematte im Schatten zweier Palmen und sie ist der glücklichste Mensch auf Erden. Sie liebt Tiere. Die ein oder andere Nahtoderfahrung haben wir in ihrem Auto dank fremder Pferde, die wichtiger waren als der Blick auf die Straße nur knapp überlebt.

Sie hasst Autofahren. Es stresst sie ohne Ende zu lenken, zu schalten, zu blinken und rechts vor links zu beachten. In diesem Paralleluniversum klammere ich mich ängstlich an den Türgriff und hoffe, es steht keine rote Ampel im Weg. Lachend kämpfen wir uns zum Ziel und schnaufen erleichtert als wir es unversehrt geschafft haben. Ein Merkmal, welches sie auszeichnet wie niemand anderen. Sie schafft es. Egal wie. Egal was. Sei es der Alltag, den es mit drei Kindern allein zu managen gilt, die Seminarfacharbeit, die 20 Minuten vor Abgabe gebunden werden muss oder aber die Ausbildung, zu der sie sich nebenbei entscheidet. Die Wochenenden als Lichtblick des Wiedersehens. Auftanken für die neue Woche mit grossen und kleinen Katastrophen, die sie rettet.

Die zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben sind so verschieden wie es nur sein kann.

Autofahren, Urlaubsziel, Tiere, Ordnung, Kochen, ausgehen … die Liste ist endlos. Während es die eine in die Welt zieht, will der andere lieber den gewohnten Alltag, den Rahmen, den er kennt. Fragt man ob Rollo rauf oder runter, man bekommt definitiv beide Antworten zu hören.

Und dennoch haben ausgerechnet diese beiden zueinander gefunden. Seit mittlerweile 25 Jahren entscheiden sie sich tagein tagaus füreinander und finden Kompromisse. Die Tiere, die sie mag, achten die Grenzen, die er braucht (sie dürfen ins Haus, aber nicht in die Küche, nicht ins Schlafzimmer).

Manchmal ergänzen sich diese Gegensätze auch ganz fantastisch: Sie hasst es zu kochen. Er tut es gern. Einige Probleme von allein gelöst.

Das wichtigste dabei: Sie wollen es beide. Sie haben sich füreinander entschieden und seither stehen sie dazu. Sie kommunizieren auf ihre eigene Art und Weise, harmonieren unscheinbar. Die Belastungsproben, die sie gemeinsam aushielten hätte jede Fassade in Stücke gesprengt. Diese beiden hat es zusammen geschweißt. Wie Kaugummi der in Haaren klebt. Untrennbar. Entscheidungen treffen sie gemeinsam, von Problemen berichten sie sich. Ihre Stärke ist ihre Treue. Die Basis, die sie sich geschaffen haben, ein seltenes Paradebeispiel wie man es richtig macht.

Meine Kindheit wurde zu einem Ort des Friedens, das Gefühl gewollt und geliebt zu sein umgab uns wie eine Aura aus Feenglanz. Sie wurden nie müde mit uns zu spielen, Geschichten für uns zu entdecken, mit uns Höhlen zu bauen und Magie aus dem Gewöhnlichen zu kitzeln. Umgeben von Beständigkeit und Sorglosigkeit. Sie trugen die Verantwortung ohne zu murren, versteckten Sorgen hinter Falten vor uns und hielten Probleme weit von unseren Kinderseelen. Ihre Liebe zueinander spiegelte sich in uns wider, die Gewissheit, sie sind für uns da, ließ uns friedlich schlafen. Wie selbstlos sie unser behütetes Aufwachsen begleiteten, wird mir erst sehr viel später bewusst. Ihre ehrliche Freude und die Entscheidung zu uns zu stehen fühlte ich jedoch als Kind schon mit jeder Pore. Ich kann mir nun nur noch vorstellen wie viele Tränen, Sorgen, Alpträume und Ängste sie aushielten und Blicke selbst mit Tränen der Dankbarkeit zurück auf das was sie geschafft haben. Zusammen. Gemeinsam. So oft getrennt, so oft mit verschiedenen Komfortzonen und dennoch mit demselben Ziel. 25 Jahre schauen sie sich an und brauchen nicht viel sagen. 25 Jahre regen sie sich manchmal auf und lachen dann darüber. 25 Jahre basteln Sie ein Heim für ihre Familie das so viel mehr ist als 4 Wände und ein Dach. Gemeinsam haben sie einen Ort geschaffen, der Zuflucht bietet. Ich habe leider schon testen müssen, wieviel Zuflucht er tatsächlich erträgt und war jedes Mal geplättet von der wahrhaftigen Herzlichkeit. Kein Fehltritt wurde angekreidet. Und sagen wir mal, Fehltritte kann ich… Oft habe ich Enttäuschungen nach Hause getragen. Dennoch wurde mir der Kopf gestreichelt und eine Lösung gefunden. 25 Jahre Liebe.

Es wurde an einem Freitag den dreizehnten besiegelt. Es existieren genau 5 Fotos der Zeremonie. Sie trug ein schwarzes Kleid. Sie tauschten Ringe und Küsse, Blicke und Lächeln. Und das Versprechen, gemeinsam weiterzugehen. Und scheisse, sie haben es gerockt. Denke ich an Liebe, sehe ich die Blumen, die immer mal auf dem Tisch stehen, die Schokolade, die eigentlich zu teuer ist, die Gedanken, die sie sich machen, um den anderen mit Bewusstsein zu überraschen.
Sie kennen sich. Und mögen sich wirklich. Kein Abschied ohne einen kleinen, fast unscheinbaren Kuss. Kein Abend ohne ein Gute Nacht. Man muss hinsehen, um ihre Verbindung auch tatsächlich zu sehen und gleichzeitig ist sie so glasklar zu erkennen, dass man nur augenrollend „nehmt euch ‘n Zimmer“ murmeln möchte. Kein Bereuen, kein voneinander genervt sein.
In unserer Familie darf man ‘ne Macke haben, darf man schlechte Laune haben (und ja, die haben wir. Ist dann nicht witzig. Vergeht aber wieder)


Ich könnte nun hier aufhören zu schreiben und behaupten: Ihr lieben Leser habt verstanden, worauf ich hinaus will. Aber eine schrecklich schöne Geschichte habe ich vor Augen, wenn ich an meine Eltern denke. Und die gibt’s jetzt noch.

Ein Geburtstag. Irgendjemand aus seiner Familie wird älter. Man sitzt zusammen und trinkt. Der Alkohol lockert wie so oft erst die Stimmung, dann die Hirnwindungen. Es kippt und jemand aus seiner Familie beginnt auf ihr rumzuhacken. Sie sei arrogant, hätte nie um Hilfe gebeten. Eine zweite Person fällt ein. Sie sei immer schon überzeugt gewesen, dass sie nicht die richtige für ihn ist.
Sie sitzt erschrocken und mit Tränen kämpfend am Tisch und hört sich die Gemeinheiten an.
Er steht auf. Fragt, ob noch jemand ein Problem habe mit ihr. Schweigen.
Er kippt sein Glas aus, erwähnt, dass der zuvor besprochene Taxiservice nicht mehr nötig sei, nimmt ihre Hand und verlässt die Party.

Sie beginnt zu weinen. Das Zuhause ist nur 5 Kilometer entfernt, dennoch ermuntert er sie die Tränen zu stoppen. Sie seien auf einem guten Weg und fast da. Sie bleibt stehen, sieht ihn an und versichert sie weine nicht wegen der Worte. Ihre Tränen kullern aus Dankbarkeit über seine Reaktion.

Liebe Leute. Ich weiss nicht viel über Liebe. Aber eins weiss ich. Wenn Ihr jemanden findet, der euch ansieht wie er sie ansieht, haltet ihn fest.


© 2020 hollingtonsmum

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Pollunder und andere Kuriositäten

Sie zuckelte müde und lustlos durch den Nieselregen und betrachtete wie jeden Morgen den Hund. Er hüpfte umher und tat, als wäre es der schönste Tag seines Lebens. Weder die Nässe noch der Grauschleier, in den die Umgebung sich gehüllt hatte, schienen ihm was auszumachen. Sie hatte dieses Tier schon immer für seine Leichtigkeit bewundert. Trotz kontrastlosem Himmel und halb im Nebel versteckten Bäumen steckte er seine Nase neugierig in taunasse Grasbüschel, schleppte für eine Weile ein Stöckchen mit federndem Gang umher und schwänzelte lebenslustig um ihre Beine. Halb angeekelt vom nassen Fell, halb erfreut über die Nähe, schubste sie ihn liebevoll mit einem bestimmten „Iiiiih!“ von sich. Die Hose würde den Rest des Tages also nicht erleben und stattdessen in der Waschmaschine landen…

Wäsche waschen, aber erst die Runde zu Ende gehen. Versuchen, nicht in den Bach zu rutschen, den Hund füttern, frühstücken, die Kälte gegen Elan tauschen und dann….

Ein ungewöhnliches Geräusch unterbrach den Trott ihrer Gedanken.

„Platsch“

Was war denn das? War sie schon in den Bach gefallen? Sicherheitshalber sah sie bewusst nach. Nein. Der Morgen klebte zwar mit unzähligen Tropfen an ihrer Kleidung und in ihren Haaren, ihre Füße standen jedoch nässegesichert in lila Gummistiefeln sicher entfernt vom Ufer.

Ihr fiel beim Blick nach unten auf, dass sie der einzige Farbkleks in dieser trostlosen Sonnenaufgangssuppe war. Lila geschnürte Gummistiefel mit bunten Metallösen, ein Pullover in Sonnenblumenfeldgelb, dessen Kragen sich schützend an ihren Hals kuschelte und ihre wilden Locken auffing, eine lila Regenjacke und passende Halbfingerhandschuhe in Pastelllila, damit sie zwar gewärmt, aber nicht abgeschirmt von der Natur durch den Spaziergang kam. Einzig ihre Jeans verschwamm mit dem grauen Hintergrund und sog emsig jeden Tropfen der erwachenden Wiese und des Fells ihres vierbeinigen Freundes auf… Sie hatte förmlich darum gebettelt im Regen zu ertrinken. Die Waschmaschine war demnach ihre gerechte Strafe…

Die nasse Nase ihres Hundes stupste sie freundlich und fragend an. Die kalte Berührung riss sie erneut aus ihren Gedanken. Offenbar waren sie heute Morgen nicht allein unterwegs und ihr tierischer Begleiter wartete auf eine Anweisung für passendes Verhalten gegenüber dem Fremden. Er schien ihr genaues Gegenteil zu sein. Ein langer schwarzer Mantel, eine schwarze Mütze und schwarze Stiefel sorgten nicht wirklich für Farbenfreude.

Augenscheinlich war er bemüht, weder den Morgen noch die Natur zu berühren und so schnell es ging unauffällig zu verschwinden. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass es regnete, oder ignorierte die Tatsache gekonnt. In seiner Hand hielt er ein kleines Glas mit Schraubdeckel und Luftlöchern.

Sie wies ihren Hund an, sich ruhig zu verhalten und abzuwarten. Als der Mann außer Sichtweite war, warf sie einen Blick über die Wiese und verfolgte angestrengt die Fußspuren im tropfmüden Gras. Sie führten geradewegs zum Bach und ihr fiel das merkwürdige Geräusch ein. Hatte er etwas los werden wollen? Die beiden sahen nach.

Eine Weile starrten sie unsicher in den kleinen Bach, der sich unermüdlich durch den Nebel schlängelte. Hier und da plätscherte er vor sich hin, gurgelte unverständliche Lieder und verschluckte zischelnd die ein oder andere Note. Sie kannte und schätze seine Melodie. Ihr fiel nichts Ungewöhnliches daran auf. Auch dem Hund wurde das Warten zu langweilig und er schlenderte davon. Sie hockte noch eine Weile lauschend am Wasser, bis sie bemerkte wie unangenehm die Hose nun doch an ihr klebte. Als sie sich zum Gehen verabschiedete und der Bach mit seinen zarten, grünen Pflänzchen zum Abschied winkte, sah sie ihn.

Einen kleinen flinken Fisch. Er schien schneller zu schwimmen als alle anderen im Bach. Aufgeregt flitze er mal mit, mal gegen den Strom, schwamm Zickzack und Kreise und kam nicht zur Ruhe. Ihr dämmerte es. Er gehörte hier nicht hin. Seine Schuppen schillerten nicht, auch sonst wirkte er abgesehen vom rasanten Schwimmstil eher matt. Das ihr bereits bekannte Es-ist-viel-zu-früh-zum-aufstehen-grau zierte auch seinen Körper und anders als ihr Hund schwamm er alles andere als lebensfroh umher. Sie beobachtete ihn noch eine Weile und erkannte den Anlass der matten Färbung. Verzweiflung. Der Fremdling hatte den armen Fisch hier in den kalten Bach gekippt. Ausgesetzt wie einen Tannenbaum nach Weihnachten. Sie sprach eine Weile zu den sich kräuselnden Wellen und der Fisch begann in größeren Kreisen, und ruhigeren Linien zu schwimmen. Sie erzählte ihm vom Wind, den er unter Wasser nicht spürte, vom Tau, den er nie sah und beschrieb so gut sie konnte die Umgebung, in der er nun festsaß. Sie entschuldigte sich für den tristen Eindruck, den alle lieferten und versicherte, dass es durchaus auch lauschige Ecken, fröhliche Blümchen und knallige Farben auf der Wiese gäbe, sowie die Sonne sich durch die Wolkendecke gekämpft hätte. Er müsse nur Geduld haben. Sie berichtete von den anderen Spaziergängern, die regelmäßig am Ufer entlang flanierten, und ihren verschiedenen Absichten hinter dem immer gleichen Weg dieser Menschen. Hunderunde, Anwohner, Gartenpächter, Burnout Kandidaten auf der Suche nach dem Fluss des Lebens und innerem Gleichgewicht. Sie versprach ihm, am Abend noch einmal nach ihm zu sehen, sollte er sich entscheiden für eine Weile hier zu bleiben.

Das verwaschene bunte Mädchen mit den braunen Locken verschwand, nachdem es Uhrzeiten und Schritttempo der nun folgenden Besucher angekündigt hatte. Und sie behielt Recht. In von ihr vorhergesagter Reihenfolge erschienen die Menschen entlang des Ufers und würdigten den Bachlauf keines Blickes. Einer der Pächter pumpte illegal Wasser aus dem sowieso ums Überleben kämpfenden Bächlein und schmälerte das zur Verfügung stehende Wasser, um seinen Salat zu gießen, um eine beträchtliche Menge. Er schwamm ein Stück mit jedem Menschen, der vorbei huschte. Niemand bemerkte seine Anwesenheit. Müde von all der Ignoranz kuschelte er sich in eine Alge und wartete auf den Abend. Sie hatte versprochen zurückzukommen.

Beim Abendessen schmierte sie zwei Brote mehr als üblich. Niemand am Tisch stellte Fragen, überraschender Besuch war keine Seltenheit im Leben ihrer Tochter. Doch heute wollte sie besuchen. Sie hüpfte konzentriert über all die Maulwurfshügel und Mäuselöcher, um nicht der Länge nach im Kleebett zu landen, welches sie schon so oft mit einem vierten Blatt beglückt hatte. An der Stelle von heute Morgen angekommen, krümelte sie vorsichtig eines der beiden Sandwiches ins Wasser und tatsächlich, der bisher fremde kleine Fisch kam und lutschte an den Bröckchen herum.

Als er so vor sich hin mümmelnd still hielt, erkannte sie, dass der Neuzugang bibberte. Er zitterte am ganzen Körper und schien fürchterlich zu frieren. Sie bot an, ihm eine kleine Jacke zu organisieren.
Er nickte eifrig und freute sich über den seltsam salzigen Geschmack im Maul.
„Erdnussbutter“ erklärte sie und verschwand.

Am nächsten Morgen stand sie am Ufer und hatte sämtliche Utensilien eines Schneiders dabei. Sie vermochte nur grob, seine Größe zu schätzen, pflückte mal hier, mal da eine Wasserpflanze und knüpfte halbwegs geschickt etwas zusammen.
Der Hund kam dazu und wedelte.
„Es tut mir leid kleiner Fisch. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man Ärmel für Flossen flechtet. Damit du nicht untergehst hier also ein Pollunder, der dich wärmt“

Voller Freude schlüpfte der Fisch in das Gewand aus Bachkräutern und schwamm vor Dankbarkeit einen Salto. In dieser Nacht fanden beide lächelnd in den Schlaf und auch ihr Hund schnaufte zufrieden. Die Zeit verging, die Wiese wurde sattgrün und saftiger, wilde Blumen sprossen empor und der Bach wärmte sich an den sommerlich anklingenden Tagen. Das gemeinsame Abendessen festigte sich und die Besuche mit Sandwiches waren die strahlendsten Momente für den kleinen Fisch aus weiter Ferne. Auch der Hund wurde über den Frühling zum Freund und schubste vergnügt Zweige in die Strömung, die der Fisch sofort zurück brachte.

Als der Sommer seine heißesten Tage auspackte erlebte das Mädchen eine große Überraschung.

Ob der großen Hitze wärmte sich auch das Wasser im Bach um einige Grad auf und ihr kleiner Freund begann zu schwitzen. Eines Tages kam sie wie immer mit Abendessen im Gepäck zur Biegung des Wassers, als sie ihren Augen kaum traute. Der Fisch hatte den Pollunder abgelegt und entblößte seine neu gewonnene Farbe.

Hätte er sprechen können, hätte er ihr erzählt, wie sehr sie ihn gerettet hatte. Nicht nur mit den Erdnussbutter Sandwiches und dem Pollunder, sondern auch mit ihren Geschichten und ihrer Zuversicht, dass der Sommer kommen würde. Wie recht sie hatte! Der Bach hatte sich in ein lebendiges buntes Zuhause verwandelt und als Zeichen der Verbundenheit wählte er ihre Farben als neues Schuppenkleid.

Seither schwimmt ein kleiner gelber Fisch mit lila Punkten in ihrem Garten umher und ist trotz der Freiheit pünktlich zum wöchentlichen Abendessen anwesend.


MitmachanklickgedönsTM

So. Jetzt wollte wissen, wie der kleine Fisch wirklich aussieht? Kein Problem. Zeichnet, knetet, verkleidet Euch, etc… laut der Beschreibung im Geschichtchen und sendet Eure Version an:

platsch@sadebeck.net

Als Dankeschön bekommt Ihr das Originalabbild des kleinen Platschs digital zurück gesendet 🙂

Viel Spass


© 2020 hollingtonsmum

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Zeit.doc/-Spiel

Vorwort

Die Welt stellt sich anders dar als noch vor ein paar Tagen. Sie fühlt sich anders an, irgendwie… gedämpft. Meine Gedanken bewegen sich durch verschiedene Ebenen von Zeit und Raum und Leben und finden keinen Halt, manifestieren sich nicht in der Art, dass ich heute eine gänzlich neu erdachte BlockpostTM schreiben könnte.

#staysafe #stayhome #flattenthecurve #bekind

Zeit…
Ein Thema, was mich schon vor vielen Jahren zu beschäftigen begann. Das aus diesem Prozess des Denkens und Schreibens entstandene Mini-Feature „Zeit-Spiel“ gibt es hier nun in zwei Fassungen:

Erstens als Kopie des unveränderten Original Skripts mit der Audiospur des fertigen Features.
Aufgabe hier: Hören und Mitlesen und dabei nicht von den Abweichungen aus dem Tritt gebracht werden.

Und zweitens dann als Video, so wie es schon ein paar Jahre auf meinem YouTube-Kanal Staub ansetzt.

Doch nun erst einmal:


Zeit.doc

Zeit-Spiel (Hörfassung)

R= rational/sachlich
E= emotional

R: Zeit

E: Dieses unfassbare…was auch immer sie

R: (grammatikalisch betrachtet)

E: oder es

R: (natürlich betrachtet)

E: oder er?

R: (hypothetisch betrachtet)

E: sein mag. Sie…

R: oder es

E: oder er? …rinnt, fließt, nagt, heilt, vergeht, ist zu kurz, zu lang,

R: nie zu breit, hoch oder schmal.

E: Ist zu wenig vorhanden, ist im Überfluss vorhanden, nicht greifbar, nur zählbar, fiktiv und real,

R: ist messbar

E: aber nicht sichtbar, unmittelbar unerklärbar

R: Zeit ist eine physikalische Größe.

E: Zeit läuft, verfliegt,  steht still,

R: ist linear

E: ist Geld

R: ist neutral

E: ist unsichtbar, geruchlos, geschmacklos, lautlos, schwerelos, gefühllos, wertlos,

R: berechenbar

E: Zeit ist nicht warm, nicht kalt, ist nicht hart oder weich, ist weder rund noch eckig,

R: ist die 4. Dimension

E: Zeitpunkt… Zeitlinie… Zeitebene… Zeitraum?

R: Raumzeit.

E: Zeitraum…

N.N.:  
Zeitabschnitt, Zeitabstand, Zeitangabe, Zeitansage, Zeitarbeit, Zeitaufwand, Zeitbegriff, Zeitbombe, Zeitdauer, Zeitdifferenz, Zeitdokument, Zeitdruck,  Zeiteinteilung, Zeitersparnis, Zeitfolge, Zeitform, Zeitfrage, Zeitgefühl, Zeitgeist, Zeitgenosse, Zeitgeschehen, Zeitgeschichte, Zeitgeschmack, Zeitgewinn, Zeitguthaben, Zeitkarte, Zeitlupe, Zeitmangel, Zeitmaß, Zeitmesser, Zeitnehmer, Zeitnot, Zeitrechnung, Zeitschrift, Zeitspanne, Zeitstrafe, Zeitumstände, Zeitunterschied, Zeitverlust, Zeitverschwendung, Zeitvertreib, Zeitwert, Zeitwort, Zeitzünder

N.N.:  
jetzt, später, gerade eben, zurzeit, niemals, tagsüber, gestern, heute, morgen, nachts, vormittags, mittags, nachmittags, abends, bald, früh, rechtzeitig, Sekunde, Minute, Stunde, Tag, Woche, Monat, Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend,

N.N.:  
Auszeit, Bronzezeit, Brutzeit, Eiszeit, Steinzeit, Gründerzeit, Verfallszeit, Freizeit, Arbeitszeit, Karenzzeit, Schulzeit, Ferienzeit, Urlaubszeit, Kaffeezeit, keine Zeit, Schlafenszeit, Teilzeit, Vollzeit, Gleitzeit, Halbzeit, Halbwertzeit, Jahreszeit, Rechenzeit, Bauzeit, Erntezeit, Uhrzeit, Startzeit, Ankunftszeit, Abfahrtszeit, Öffnungszeit, Laufzeit, Fahrzeit, Flugzeit, Reisezeit, Todeszeit, Lebenszeit, Wartezeit, Anfangszeit, Endzeit, Mahlzeit, Standardzeit, Sommerzeit, Aufbauzeit, Abbauzeit, Spielzeit, Besuchszeit

E: Zeit ist allgegenwärtig und verändert und beeinflusst unser Leben, unseren Alltag, Empfindungen,

R: Entscheidungen

E: Hoffnungen, Wünsche, Träume, Ängste auf eine Weise, die sie/

R: es/

E: ihn(?) zu einer (fast) realen Person werden lässt. Doch manchmal….

Vielleicht laden wir zu viel Schuld auf ihr/

R: ihm/

E: ihm ab, geben ihr/

R: ihm/

E: ihm Macht, die wir für uns beanspruchen sollten, verstecken uns vor und hinter ihr/

R: ihm/

E: ihm, nutzen nicht ihre/

R: seine/

E: seine Kraft,

vergeuden…

uns.


Und hier nun die filmische Umsetzung:

MitmachanklickgedönsTM


Immer noch wichtig!

Seid keine Nazis! Wählt keine Nazis! Unterstützt keine Nazis! Wählt keine Unterstützer von Nazis! Unterstützt keine Wähler von Nazis! Lasst Euch nicht von Nazis unterstützen!

Seid keine Arschlöcher und helft Menschen in Not, auch wenn sie Nazis sind und/oder unterstützen!*

*) Das ist nämlich höchst appaturTM! 🙃

#staysafe #stayhome #flattenthecurve #bekind #pleasedonttellanyoneiwatchdisneymoviesonmyown

© 2009 / 2020 albert sadebeck

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Blockpost™ stories

Halbmondschlaf

Und es macht müde. Schritte werden schwerer, Atmen… einfach weiter atmen und der Puls beginnt zu-

Er reißt seine Augen auf. Nichts zu sehen, nur das dumpfe Rauschen des Sturms draußen, das in seine Ohren drängt. Irgendetwas schimmert hinter diesem Rauschen, nicht von draußen. Nein, es kommt von innen, ist beinah verweht. Ein ferner Hall scharf brennender Worte, die nie gesagt worden wären, wenn nicht-


Worte, die nie gesagt worden sind.

Nie.

Niemals?

Jedenfalls nicht so.

Es gab keinen Streit, kein letztes Gift, kein Scheiden im Zorn. Wärme, Zuversicht, Hoffen ohne morgen.

Alte Wunden flackern auf. Konnten nicht, können nicht vernarben. Und dennoch, keine bösen Worte sind gefallen. Nicht in diesem noch unerkannt wichtigen Moment jedenfalls…

Die Augen drücken noch ein bisschen, die Seele scheint zu tränen als er erkennt, das ist nicht seine letzte Erinnerung an sie. Die Nacht hat auf den ungeraden Pfaden zwischen Traum und Halbmondschlaf gedichtet ohne Reim und stellt ihm Fragen, nicht ohne Sinn, doch ohne Ziel, denn ein Zurück ist nicht mehr möglich.

Er wusste nicht, dass er sie das letzte Mal gesehen hatte. Der Moment war ihm entglitten, lange bevor er ihn erkannte. Doch was hätte es geändert, dieses Wissen?  Hätte er wirklich all die verschütteten Empfindungen, Gedanken, Bilder, Klänge… hätte er in diesem einen Moment die Teile seiner Seele, die nur ihr gehörten, zusammensetzen können? Zeigen können?

Sie war nicht immer da für ihn.
Sie war nicht immer da für ihn, wie sie es hätte sein müssen.
Es war nicht ihre Schuld und alles andere als ihre Absicht, aber das Fehlen ihrer Liebe, manchmal über Monate hinweg, hat ihn geprägt und bei ihr und ihm Spuren hinterlassen.

Warum er ihr versagte, was er damals hätte geben wollen, er weiß es nun. Auch wenn es seine Scham nicht mindert, seine Schuld nicht tilgt. Nicht tilgen kann.

Womit er nie gerechnet hat, dass er die Scham eines Tages würde aushalten, die Schuld tragen können. In seiner Vorstellung ging es immer darum, beides loszuwerden. Teile seines Selbst loszuwerden. Heute weiß er, ein törichter Gedanke. Den Schmerz kann er nicht ablegen wie alte Haut, aus der er sich gern schälen würde. Er muss ihn fühlen. Nicht mit Genuss oder in fehlgeleiteter Absicht der Selbstabsolution, nein, mit Geduld und Würde.

Die Morgensonne schiebt sanft die Nacht beiseite, lächelt fast, scheint milde. Er hat sie nicht beschimpft und im Streit zurückgelassen, es war nur ein in Schuld getränkter Albtraum.
Und während er so liegt, im Tränen seiner Seele, denkt er an jene, die er liebt, egal wo sie jetzt sind…

…und lächelt.


Immer noch wichtig!

Seid keine Nazis! Wählt keine Nazis! Unterstützt keine Nazis! Wählt keine Unterstützer von Nazis! Unterstützt keine Wähler von Nazis! Lasst Euch nicht von Nazis unterstützen!

Seid keine Arschlöcher und helft Menschen in Not, auch wenn sie Nazis sind und/oder unterstützen!*

*) Das ist nämlich höchst appaturTM! 🙃


© 2020 albert sadebeck

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Blockpost™ it's all fun and games ('til someone cries) stories

Krümel, Schokoladenpapier und … Fragen

Es ist Samstag und ich behalte die Uhr im Auge. Nicht, weil ich es besonders spannend fände wie die Zeiger sich immer gleich im Kreis drehen, eher, weil sie mir – nach endlos langen Überlegungen – zeigen, wie lange ich noch habe bevor ich das Auto irgendwo abstellen muss, um die neue BlockpostTM zu lesen. Für 15 Uhr war sie angekündigt, ich konnte meine Route aber nicht vor oder nach den Nachmittag schieben und muss die Fahrt daher nun unterbrechen. Pausen tun dem Hirn ja sowieso gut. 7 Minuten… ich versuche zu berechnen wie viele Kilometer ich bei 130 km/h in 7 Minuten komme und ob der ausgeschriebene Parkplatz in Reichweite liegt, oder vielleicht noch einer drin wäre…

… ich verdrehe die Augen, setze den Blinker und fahre auf den Rastplatz… was weiß ich, wieviel 7 Minuten sind.


Schätzt mal!*

(Taschenrechner benutzen ist laaaaangweilig!)

*) Zwischenbemerkung des kleinkünstlers


Da ist sie also. Die neue BlockpostTM. Ein neues Stück Gedankenwelt, Hirngespinste, Seelenfarbenspiel (ok, das war FellbällchenkotzigTM) des Herrn Kleinkünstlers, der so gern mit dem Kopfkino seiner Leser spielt, Wörter verdreht und Zeitformen genutzt gehabt haben werden kann. Ich überfliege die Einleitung und möchte direkt like drücken:

Seid keine Nazis! Wählt keine Nazis! Unterstützt keine Nazis! Wählt keine Unterstützer von Nazis! Unterstützt keine Wähler von Nazis! Lasst Euch nicht von Nazis unterstützen!

Helft Menschen in Not, auch wenn sie Nazis sind und/oder unterstützen! *

*) Das ist nämlich höchst appaturTM! 🙃

What he said!!! ☝🏻


Ich lese, nicke, schmunzle, fühle mich angesprochen, finde ich nehme mich zu wichtig, rätsle noch so vor mich hin, als plötzlich ein eindeutiges: Hallo! Geht an dich! Im Text steht.

Das Wort Türstopper springt mich an. Es leuchtet förmlich aus dem Textblock heraus und zeigt mit dem digitalen Finger auf mich: ha, damit hat er dich gemeint!

„Wozu braucht man Türstopper eigentlich wirklich“

Ich lasse mein Telefon sinken. Schaue mich langsam um. Ein Auto voller Krümel, Schokoladenpapier und Fragen. WOZU tja Herr Kleinkünstler. Hier der Versuch einer Antwort.


Türstopper also.

Jeder kennt sie, jeder hat sie mal gesehen, viele besitzen sie, der ein oder andere ist vielleicht schonmal über einen gestolpert.

Sie sind praktisch, sie sind unauffällig und sie sind günstig. Es gibt sie in verschiedenen Formen und Farben. Es gibt die schweren kleinen Metall Zylinder, die die Türen davon abhalten gegen die Wand zu donnern. Oder aber die kleineren Varianten die an der Wand kleben. Weiße Halbkreise, die unermüdlich die Türklinken abfangen.

Scheint erstmal logisch. Zweckentfremdete Helferlein, die man nebenbei in der Wohnung verteilt, vielleicht ungeliebte Figuren oder Stehrümmchen, die man emotional noch nicht loslassen kann, die aber eben auch zu hässlich für die Vitrinen sind. Oder es hängen Erwartungen daran. Wenn Tante Anne-Liese zu Besuch kommt und das Geschenk nicht im Sichtfeld steht, entstehen sonst unschöne Situationen und das Erbe gerät in Gefahr. So mancher Türstopper wandert also unfreiwillig in den Besitz über. Und dann gewöhnt man sich daran. Man tritt kontinuierlich davor, oder läuft routiniert jeden Morgen verschlafen dran vorbei und nickt ihm beiläufig, halb genervt, halb anerkennend zu. Immerhin hält er die Tür kommentarlos in Position. Die Wand, die Tür, das Schloss… alles zuknallsicher.

Die Wohnung ist dann ebenfalls schön leise. Gepuffert. Keine störenden Geräusche, bei denen man zusammenzuckt oder aus dem Schlaf hochfährt, völlig verwirrt vom Tag(traum), unklar welches Jahrhundert gerade zu Ende geht.

Abgesehen vom rein praktischen Nutzen, ist es auch mental sehr angenehm, dieses Stück almane Sicherheit zum Schutze des Mobiliars zu haben. Man muss nicht aufmerksam jede Bewegung der Tür beobachten, kann sich darauf verlassen – der Türstopper bremst sie schon. Überschwingliche Ausrutscher Richtung Wand werden automatisch verhindert. Die Tür wird nie aus dem Rahmen fliegen solange sie dermaßen konstant abgestoppt wird. So pendelt sie im vorgegebenen Radius vor sich hin und her, erlebt nichts, erfährt keine Ausreißer aus der Routine, hängt gesichert umher.

Sicherheit. Man braucht Türstopper also für ein gewisses Maß an Sicherheit. Man kann sich hinter ihrer unscheinbaren Präsenz herrlich ausruhen und so tun als hätte man alles im Griff. Gerade die Tür wähnt sich gern in Kontrolle, hängt der Griff doch an ihr. Solange sie sich auf Altbewährtes verlassen kann, es klare Strukturen gibt und die Wand in sicherer Entfernung wohnt, schwingt alles seinen Gang.

Was aber, wenn der Türstopper auf der anderen Seite steht und sie daran hindert ins Schloss zu fallen? Wenn er ihr sozusagen im Weg steht. (Sinnloses Verweilen im Dachgeschoss ausgeschlossen. Der Türstopper ermöglicht einen 2. Check, ob man die Schlüssel tatsächlich dabeihat.) Wenn die Tür dann plötzlich feststellt – das stört sie mehr, als es sie absichert. Wenn sie auf der Suche nach Lösungen sieht, dass es noch andere Arten Türen gibt, die keine Türstopper mehr brauchen. Was, wenn sie eine Schiebetür kennenlernt und begeistert ist von der Vorstellung, nie wieder mit diesem ohrenbetäubenden Knall zufallen zu müssen. Geschmeidiges hin und her gleiten. Elegant und appaturTM, eine Traumvorstellung von sich selbst als gelassene, in sich ruhende Variante der Raumteilung.

Wäre da nur nicht diese Angst, sich am Ende der Veränderung im Kreis zu drehen. Eine Drehtür. Puh, das wäre bitter. Oder zu fallen. Eine Falltür. Auch nicht die rosigste Aussicht. Nun also weiß sie nicht recht. Bleiben, wo sie hängt, mit den ihr vertrauten Aufgaben, gesichert und gleichzeitig blockiert vom Türstopper, der sie, so wie er auf der falschen Seite platziert ist, nicht mehr von der Wand, sondern vom Rahmen und somit von sich selbst fernhält. Oder suchen, was da noch in ihr schlummert. Sich schließen, um dann befreit und ohne Sicherung erneut dem Leben eine Öffnung zu gewähren. Ergebnis unklar.

Wie trifft man so eine Entscheidung? Wieviel Sicherheit braucht man im Leben? Was, wenn man doch gegen die Wand knallt?

Der Leser fragt sich gerade völlig zurecht, wie oft die Autorin wohl gegen die Wand geknallt sein mag, immerhin schwafelt sie von Türen mit Bewusstsein… dazu kann ich nur sagen: ich hatte diesen Türstopper rumstehen und ich habe mir mehrfach den kleinen Zeh daran gebrochen. Irgendwann habe ich versucht, etwas zu ändern und mich für die Plastikvariante entschieden, die den Griff bremsen soll. Zehsicherheit ging vor. Das diese Teile tatsächlich „Bumms“ in großer und „Bummsinchen“ in kleiner Form heißen hat mich immer sehr belustigt. Denn ausgerechnet dazu kann man sie offenbar nicht so gut verwenden….  irgendwann war ich so genervt, dass ich es gewagt habe den kleinen weißen Knubbel, der da nie wirklich hinpasste, von der Wand zu kratzen. Ein Rest Kleber wird dieses Stück Tapete wohl immer zieren. Es wird mich daran erinnern wie sehr ich an der Sicherheit hing, wie sehr ich mich für sie verbogen habe, wie sehr ich mich aufgab und in ihr verlor.

Und das bringt mich zum eigentlichen Sinn eines, meines! Türstoppers: er lässt mich überdenken wer ich bin, wo ich stehe, ob ich überhaupt stehe, gerade eher eine Schiebe- oder Drehtür bin und vor allem lehrt er mich, nicht grundlos ins Schloss zu donnern und mit diesem lauten Knall Personen zu verletzen, die nichts für meine Wut, meine Abweisungen und meine Unzufriedenheit können. Er lässt mich prüfen, ob ich zufrieden mit mir selbst bin, ob ich etwas ändern muss, um nicht mehr auf derart einengende Sicherheit angewiesen zu sein und fordert mich heraus, meiner Angst vor Ungewissem in den Hintern zu treten.

Türstopper also. Sie sind vielleicht doch nicht ganz so unwichtig, wie ich persönlich das gern hätte. Wenn ich jetzt in mein Auto steige, sehe ich all die Krümel und das Schokoladenpapier. Ich freue mich, dass es sie gibt, denn ohne den Türstopper hätte ich ein sauberes Auto und sehr viel weniger Fragen, die es zu beantworten gilt.

Dennoch werde ich nie wieder welche aufstellen oder ankleben. Soll sie doch zukrachen, die Tür. Hatte dann bestimmt einen guten Grund. Ich habe keine Angst mehr vor Kontrollverlust. Und wenn doch, schließe ich die Tür ganz bewusst.

Zusatz:

Ich entschuldige mich hiermit bei allen Türstoppern in meinem Leben. Es tut mir leid, dass ihr meine Launen, meine Abwesenheit, mein Schweigen und vor allem mein unreflektiertes Hin- und Herpendeln abfangen musstet. Der ein oder andere wurde wohl arg von mir zerdellt. (Über zerdellte Seelen soll es aber an dieser Stelle erstmal nicht gehen. Das übernimmt Alma dann mal).
Immerhin kann ich aber ruhigen Gewissens behaupten, nie vorsätzlich jemanden derart in die Wand gekloppt zu haben, dass es keine Rettung mehr für ihn gab.
In diesem Sinne:
Schwingt, dreht, fallt und schiebt euch gut durch die nächste Woche. Wir lesen uns dann hier.


© 2020 hollingtonsmum

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Blockpost™ stories

008) N***t für Geld

…und plötzlich steh‘ ich da und mache N***taufnahmen! Allein. Von mir.
Ich kann nur hoffen, dass niemand meinen Cloud-Zugang hackt…


0.190.222222 Nanosekunden zuvor:

Aus… Gründen muss ich meine Einkommenssituation verbessern. Das ist schon länger so und falls meine Vorgesetztinnen hier zufällig mitlesen, ja, ich habe nicht vergessen, dass ich vor… ‘ner ganzen Weile schon nach mehr Lohn gefragt habe.
Es stehen nämlich eine ganze Reihe an Investitionen an:

1 Lampe für gemütliches Licht in Küche bzw. Schlafzimmer (hab nämlich keine Lust, das olle brummende 12-Euro-Ding immer hin und her zu schleppen), 1 Mülleimer (sieht einfach netter aus als ein Beutel, der am Waschmaschinenanschluss hängt), 1 Schrank für die Küche (das Zeugs steht da in ‘nem ollen Regal und in Kisten vom Umzug und wehe jemand fragt „Von welchem?“), 1 bis Mehralseins neue Unterhosen und Socken(paare), Rundfunkbeitragsraten (jaaaa, ich hinke deutlich hinterher), 1 Miete (fehlt auch noch, glaube ich), TelefonInternetSoftwareAboPrimeFlixTV+ und dann ist der Wein auch fast alle!

Gut, ich könnte natürlich versuchen, etwas nebenbei zu verdienen. Dazu müsste ich allerdings mein Ego in den Griff bekommen, welches mir das Drehen von Hochzeitsvideos oder ähnlichen kommerziellen Scheiß strikt untersagt.

„Das ist würdelos, nicht Dein Niveau, zu anspruchslos, Mainstream und außerdem lassen die sich spätestens in 2 Jahren sowieso scheiden, was Dein schönes Video zu einem Dokument falscher Erwartungen, enttäuschter Hoffnungen und gebrochener Biografien macht.“

Blödes Ego. Macht mir keine Freunde, ich sag’s Euch.


Ernsthaft erschüttert war ich allerdings, als eine… nennen wir sie mal Freundin, na ja, wir unterhielten uns eben so und sie erzählte mir von ihren Sorgen und da geht’s auch um Geld, das irgendjemand haben will und die Summe ist recht hoch und da schlug sie halb im Scherz und ganz verzweifelt vor, sie hätte da ja „ein paar Fotos“ (ganz offensichtlich meinte sie N***taufnahmen) die könne man „im Internet bestimmt“ für ein paar Kröten, die Bilder seien ja quasi „Kunst“…

Buffering…

System versucht Neustart…

.

…. .. ………….. .. biep…

Palimmm!

Nachdem ich meine Gesichtszüge wieder auf normal gestellt und die (durchaus schönen) Bilder in meinem Kopf ins Nebenzimmer geschickt hatte, kam ich ins… Nachdenken.

Aus ganz offensichtlichen Gründen kann ich nicht mit ‘nem Haufen Kohle aus dem Geheimfach hinter mein-, äh… zur Lösung des Geldproblems beitragen. Aber ich will mich auch nicht damit abfinden, dass sie zum einen das Risiko eingeht, von irgendwelchen notgeilen Oppas im Internet angegafft zu werden (Bäh! Einfach nur BÄH!) und zum anderen… also, eigentlich reicht das schon als Begründung da einschreiten zu woll- müssen. Müss-ssen!


Da erinnere ich mich an einen Auftritt in einem Seniorenheim. „Wir singen keine Weihnachtslieder“ hieß das Programm. Hammer Gag, die Vorstellung fand in irgendeinem Sommer statt. Wir (also eine Dame, ein Herr und 1 Kleinkünstler) hatten uns für diesen Auftritt ein Büro in der Nähe der „Bühne“ im Seniorencafé als „Garderobe“ erbettelt. Nach dem Aufbau öffnen wir also die blickdichte Tür in den Korridor, in dem unmittelbar hinter der ersten Tür rechterhand die Tür zur „Garderobe“ lag. Da warten, schön auf ihre Rollatoren gestützt, drei Ommas. Im Korridor, nicht im Büro. Sie warten darauf, dass sie für das Programm im Café Platz nehmen können.
Die Tür zur „Garderobe“ ist geschlossen.

„Wollnse zu Herrn Blablabla Däor is‘ni döh.“, fragt die eine Omma
„Däor hat ‘n Schlissl“, erwidert die andere.
„Waaaas?“, ergänzt die in der Mitte.

„Nein nein, alles gut. Herr Blablabla kommt gleich, und- “

„Unn Sie schbiel‘n dann heude des Deahdor? Wonn gäjtsnlos?“

„Gleich. Em, wir zieh‘n uns nur noch um und-“

„Ach?! Sollmor den jung‘ Männorn ‘n bisschen hellwn?“
„Das gönntme mach’n, Inge.“
„Waaaaas?“

Ommagiggeln und Hustenattacke auf der einen, GesichtspauseTM auf der anderen Seite.

Aufmerksamen Leser*innen der BlockpostTM ist sicher nicht entgangen, dass es nichts Gutes verheißen kann, wenn ich ins Nachdenken komme. And here’s why…

Back innse hior ännd naou habe ich DIE. I-DEE! Da ja zumindest bei Frauen Ü50 noch was zu gehen scheint… kann man das nicht irgendwie… nutzen? Kann Mann! Und zwar so:

Sie bietet meine Dienste als (Tadaaa!) N***tputze an! Sie hat den Gewinn und verliert nicht ihre Würde! Ich kann keine Würde mehr verlieren und habe scheinbar kein unüberwindbares Problem damit, mich n***t zu zeigen also… Win-Win! Wenn genug übrig bleibt damit ich meine Wohnung behalten kann… fürchte nämlich um meinen Job, mit dem ich diesen kleinen Luxus bezahle.

Angebot:
1 Kleinkünstler, 1 Stunde N***tputzen (Preis: mind. *** EUR pro Putzvorgang)
Zielgruppe:
Weiblich, Ü50 – unterv-, frustrierte Arzt-/Anwalts- oder Professorengattin (schwer reich und gelangweilt) – alternativ auch schwer reich, gelangweilt und alleinstehend (der Beziehungstatus der potenziellen Mieterin! Leute! Nicht die Funktionsbeschreibung meines-)
Putzvorgang:
wahlweise Staubsaugen oder Wischen mit dem Wischer / Arbeit mit dem Laubbläser im Garten (ein sog. BlowJob), Gehörschutz muss bereitgestellt werden!
Catering: Rotwein (nach Bedarf)
Regeln sind klar: Museum!

Museum? Ja, Museum. Gucken, aber nicht anfassen. Erhobener Zeigefinger!

Konzept steht, würde ich sagen. Jetzt Vermarktung! Schnell ‘ne Website mit Online-Shop und, ganz wichtig, Instagram– und Facebook-Pages anlegen!

Im Online-Shop findet man dann die verschiedenen Dienste, die man buchen kann. Für Neugierige, die „nur mal gucken“ wollen, gibt es ein paar nette Teaser-Bildchen, in nicht allzu hoher Auflösung. Schwarzweiß natürlich, dann ist es Kunst (!), was juristisch von Belang sein könnte.

Wer „was sehen“ will, die muss schon ein kostenpflichtiges Kundenkonto anlegen. Aber keine Sorge, verehrte Dame, bei zahlungspflichtiger Buchung erhalten Sie natürlich einen Rabatt! Und Bilder in Farbe!

Für Kundinnen mit PlatinCreditExtremeCard gibt es exklusive Demo-Videos, die aber nur ganz kurz sind und keine Standbildfunktion haben. Die Damen sollen ja schließlich die sündhaft teuren N***tputzstunden buchen!

Ich würde ja auch ein Jahresabo anbieten, wenn es denn die Kundschaft vergrößerte, aber ich fürchte, das würde meine Kapazitäten sprengen. Jaaa, auch die zeitlichen.
Außerdem, so sagte sie mir, drängt es doch ein bisschen mit der Kohle, also muss das alles relativ schnell gehen. Ok, „schnell“ dürfte für einen Mann jetzt keine Herausforderung sein oder haha washabenwirgelacht, Witzniveau Poebene.

Der Fluss!
In Italien!
Meine Fresse…


Sie hat natürlich zu keinem Zeitpunkt wirklich daran gedacht, mich ob ihrer Geldsorgen arbeiten zu schicken, so ehrlich muss man schon sein. Ganz geknickt war sie und müde von den schlechten Nachrichten um sie herum, als sie sich aus der Texterei bei (hier beliebigen Messenger einsetzen) verabschiedete. Schließlich ginge das ja alles nicht, weil aus Gründen und so. Na ja, da dachte ich so, ok, kannste ja wenigstens 1 BlockpostTM draus machen, vielleicht liest sie diese ja zufällig und findet sie möglicherdings sogar etwas witzig und…

…und plötzlich steh‘ ich da und mache N***taufnahmen! Allein. Von mir.

Ich kann nur hoffen, dass niemand meinen Cloud-Zugang hackt. Wobei, mit dieser Blockpost ist es jetzt auch egal. Gibt’s jetzt halt N***taufnahmen von mir im Netz.
Oder?
ODER?!
Vielleicht ist ja alles nur Fake?
Eventuell bin ich auf diesen Fotos gar nicht zu sehen?

Maybe sieht man aber auch, weshalb ich Single bin… sorry, anderes Thema- obwohl… vielleicht bekomme ich ja jetzt ’ne völlig neue Fanbase auf Instagram, neue Leserinnen hier und kann mich vor Angeboten nicht oh es „Plinnng!“-t das SnobPhone. Es plingt nochmal. Und nochmal und nochmal und… eine Sinfonie des „Plinnng!“s.

Es sind Instagram, Facebook, Twitter, meine Website… Die Likes und Followerzahlen wurden aktualisiert.
0 Follower.

Noch ein „Plinnng!“. Eine E-Mail. Meine Vorgesetztinnen bitten zum Gespräch…

P.S.: Es ging ja nicht darum, für Geld *** oder s***elle Gefälligkeiten anzubieten. Das wäre ja…
Ja, Frage an die Juristen unter Euch: Wäre das eigentlich illegal?!
Frage für einen Freun-… für mich.


© 2020 albert sadebeck