Vom Lernen und Sein


CN: Der folgende Text befasst sich mit Fragen von Körperwahrnehmung, Körperbildern und mentaler Gesundheit. Diese Themen können bei einigen Menschen (re)traumatisierend wirken. Weiterhin enthält dieser Beitrag visuelle Darstellungen von Nacktheit. Bitte lies nur weiter, wenn Du Dich dazu in der Lage fühlst. Solltest Du Dir nicht sicher sein, lies diesen Text am besten gemeinsam mit einer Person Deines Vertrauens, die Dir helfen kann, das gelesene einzuordnen. Vielen Dank! 🙂


Da sitze ich nun und grüble. Ja / Nein / Ich weiß nicht … Die arg verkürzte Antwort auf die Frage „Schäme ich mich für meinen Körper“. Doch was ist mein Körper und warum sollte (oder sollte ich mich eben gerade nicht) für ihn schämen?

Selbst bei nur kurzem Nachdenken komme ich schon zu der Erkenntnis, dass so ein Körper – und damit auch meiner – ‘ne ziemlich coole Sache ist. Zunächst einmal ist er, also meiner, in einem technisch erstaunlich guten Zustand. Es fehlen keine Extremitäten aka irgendwelche Zehen und Finger oder gar ganze Beine oder Arme. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber jenen, für die Treppen, Stufen, Türklinken oder gar Schwingtüren ganz offensichtlich nicht gebaut worden sind. Nach meinem aktuellen Kenntnisstand sind auch alle inneren Organe vollzählig vorhanden und funktionieren ohne größere Probleme. Ok, die Augen brauchten schon beizeiten externe Hardware (er meint „als Kind eine Brille“), um mir die Welt nicht nur in unscharfem 240p anzeigen zu können. Dafür sind die bei mir verbauten Mikrofone (Ohren, Junge! Sag einfach „Ohren“!) nicht die ganz billigen Modelle aus der Wühlkiste der Evolution. Die Energiegewinnung zeigt auch keine größeren Auffälligkeiten, wenn man mal davon absieht, dass ich beim Genuss einiger weniger Biersorten überdurchschnittlich viel niesen muss. Eine manchmal nervige, oft aber auch unfassbar witzige Nebenwirkung.
Man kann mit Fug und Recht sagen, dieser Körper kann erstaunlich viel. Zum Beispiel kann er mich mittels meiner unteren Extremitäten von einem zu einem anderen Ort bringen. Zugegeben, sowohl die maximale als auch die durchschnittliche Geschwindigkeit sind nichts, womit es sich zu prahlen lohnt, aber für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben sind beide Werte völlig ausreichend.
Und dann die Hände! Was sind das eigentlich für abgefahrene Multifunktionstools? Sensoren, Werkzeuge und Kommunikationsmittel in einem! Man muss sich das mal vorstellen, mit einem einzigen Finger kann ich die Temperatur einer beliebigen Oberfläche erfühlen, mehrere Noten eines Klavierstücks spielen und den Neoliberalen der Leistungsdruckgesellschaft zeigen, was ich von ihnen halte! Eventuell merkt man das nicht so richtig, aber ich bin ganz kurz mal begeistert.
Die Sensoreinheiten für die Bestimmung der chemischen Beschaffenheit von Atemluft und Nahrung (warum schreibt er nicht „Nase“ und „Mund“?) verrichten ihren Dienst genauso zuverlässig, wie die Schutzhülle (Haut, Junge! Es ist die Haut!) Informationen über die Außentemperatur oder gar Interaktionen mit der physischen Umgebung (Berührungen, es ist nicht so schwer) liefert. Ich fände es zwar gut, wenn meine Haut darauf verzichtete, meine aktuelle Gefühlslage ausgerechnet für alle Welt sichtbar zu machen, wenn mir etwas peinlich ist oder ich mich anderweitig ertappt fühle, aber den Gefallen kann oder will sie mir einfach nicht tun.

Klingt alles so, als wäre ich mit meinem Körper im Großen und Ganzen zufrieden, oder?

Oder?!

Ja / Nein / Ich weiß nicht

Natürlich schäme ich mich für meinen Körper. Er hat Haare an Stellen, wo keine hingehören. Er hat (nicht nur graue) Haare an Stellen, wo keine hingehören. Wie, „sagt wer“? Sag ich! Oder kann mir jemand erklären, wieso ich vor ein paar Jahren plötzlich (mit Mitte, Ende Dreißig) einen Bedarf für Haare auf den Ohren entwickelt haben sollte? Zumal die zu nichts zu gebrauchen sind! Halten die warm?! Nein. Sind sie dekorativ?! Auch nicht. Offensichtlich sind sie nur dazu da, um mich zu ärgern. Was ist das überhaupt für ein Konzept, behaarungstechnisch so eine Zwischenstufe der Evolution zu sein?! Am ganzen Körper Haare, die aber nicht dicht genug sind, um als wärmendes Fell dienen zu können! Dafür erhöhen sie nicht nur signifikant den Duschgelverbrauch, nein, ich brauche auch noch zwei große Duschtowels, um nach Bad oder Dusche ausreichend getrocknet das Bad verlassen zu können. Nur am Hinterkopf, da sind natürlich nicht genug. Warum?!
Um mich nicht wie einen Mönch aussehen zu lassen?! Die einen tragen als Zeichen ihres Glaubens Kreuze, ich möchte doch einfach nur keine naturgewachsene Tonsur tragen! Dabei regt mich das gar nicht so auf, wie es jetzt den Anschein hat. Mit meinem dritten Knie hab‘ ich schon vor einer ganzen Weile meinen Frieden gemacht. Warum gelingt mir das also nicht auch mit dem Rest, nein … mit dem ganzen Körper?

Weil es mir auch nicht gelingt, mit meinem unsichtbaren, nicht greifbaren Inneren Frieden zu schließen?

Not for a lack of trying, though.

Es war eine Phase großer mentaler Instabilität, in der ich das Laufen für mich entdeckt bekam. Einer dieser Tipps, die mal helfen, mal alles schlimmer machen können. „Geh doch mal Laufen! Macht den Kopf frei.“

Stimmt.

Manchmal jedenfalls.

So fing ich also mit dem Laufen an. Beschäftigung für meinen Körper zur Entlastung meines (geplagten) Geistes. Lief anfangs gut (hö-hö), die Lunge meckerte und animierte mich zum Rauchstopp. Mittlerweile war ich zwei- bis dreimal die Woche zwischen 10 und 12 km im Laufschritt unterwegs. Und mit der einsetzenden Erholung der Lunge und der wachsenden Ausdauer meines Bewegungsapparats verminderte sich allmählich auch das Gewicht.

Bis zum nächsten mentalen Einbruch. Auf einmal schaffte ich nur mit allergrößter Mühe fünf, sechs Kilometer am Stück, von zwei-, dreimal die Woche ganz zu schweigen. Eventuell hatte ich meinem langsam alternden Körper zu viel zugemutet, vielleicht war es auch nur Kopfsache, die Schmerzen in Knie und Schulter bremsten mich zunehmend aus.

Zunehmend… ja, das trifft es am besten. Spätestens dann, wenn die eigentlich weite Hose nicht mehr zugehen will und das dazugehörige Hemd nur überm Bauch spannt, hat man wohl ein Paar Kilogramm zugelegt. Ich bin vielleicht nicht „fett“ geworden, aber dennoch… zu fett? Zu fett für was? Klar, zu fett, um ein paar bestimmte Kleidungsstücke tragen zu können. Abseits davon jedoch…

Abseits davon jedoch bin ich zu fett, um gut auszusehen. Aber wer zum Geier legt das fest? Natürlich, ich kann immer sagen „Das ist eben meine Meinung, mein Geschmack, so sehe ich mich halt!“ und niemand dürfte mir widersprechen. Das perfekte Totschlagargument!
Bei genauerer und vor allem ehrlicher Betrachtung müsste ich jedoch zugeben, ich belüge damit alle, am meisten mich selbst. Ich weiß nämlich (noch) gar nicht, wie ich mich selbst sehe. Ich bin erst noch dabei zu lernen, mich selbst zu sehen. Bisher habe ich nur gelernt, wie ich mich anderen zu zeigen habe. Sowohl äußerlich als auch mein Inneres. Immer kontrolliert, bloß kein Unwohlsein bei anderen riskieren. Trainigsfoto-Posen, kein Problem! Ist ja irgendwie auch sexy. Mit Schwabbelbauch im Schwimmbad? Bitte nicht, „das will ja niemand sehen.“

Ja, wir sind wohl alle (mehr oder weniger) in den Dauerbewertungsmechanismen eines auf permanente Selbstoptimierung getrimmten Systems gefangen, dass uns am liebsten nach Fuckability bewertet. Die Fitness-App fordert uns dazu auf, uns zur „Version 2.0“ unseres Selbst zu trainieren, weil 10 Kilo zu viel ja nicht sexy sind, der Schrittzähler behauptet, es müssten täglich mindestens 10.000 Schritte sein (dafür gibt es absolut keine wissenschaftliche Basis!) und unsere christlich-abendländisch geprägte Erziehung legt fest, wieviel Haut wir zeigen dürfen oder eben nicht.

Liegt es also an meiner Erziehung, Sozialisation, der Zeit, in der ich aufgewachsen bin oder einfach daran, dass ich nicht der schnellste (hö-hö) oder hellste (Gesichtspause™) bin, dass ich erst mit Mitte vierzig angefangen habe, mich ernsthaft mit meinem Körper und meiner Haltung zu diesem auseinanderzusetzen? Zuerst habe ich (ganz ehrlich!) nicht verstanden, warum sich bei mir immer mehr Nackt- und Akt-Selfies zu sammeln begannen. Anfangs betrachtete ich diese noch mit ziemlicher Scham, um sie alsbald zu löschen. Immer lauerte der Gedanke daran, „was wohl die anderen denken“, sollten sie durch Zufall irgendwann über diese Bilder stolpern. Sie, in diesem Fall Freunde, Geschwister, eine vielleicht mal wieder vorhandene Partnerin…
Die Scham ließ nach und kam wieder, in unregelmäßigen Abständen. Erst hatte ich Angst, Auslöser dieser gelegentlichen Solo-Shootings sei eine seltsam verquere Form von Eitelkeit oder gar einer krankhaften, „unnormalen“ Sexualität. Und ja, es hat auch eine gewisse erotische Spannung, sich zu entkleiden und anschließend zu fotografieren. Aber, und das ist wichtig, es geht dabei eben nicht um Sex oder sexuelle Handlungen! Auch nicht um die Aussicht darauf. (Boar, meine unfreiwilligen Flachwitze und Anspielungen machen mich noch fertig heute…) Es ist … über den Blick auf den Körper ein Blick in das eigene Innere. Und langsam, sehr langsam lerne ich wie wichtig es für meine mentale Gesundheit ist, ein Bewusstsein für meinen Körper zu entwickeln, gibt er doch viele Hinweise darauf, welche Signale des Wohl- und auch Unwohlseins mein Geist auszusenden versucht.

Ich bin gerne nackt. Nicht jeden Tag, nicht jede Minute, aber sehr oft. Ich liebe es, den kühlen Boden unter meinen Füßen zu spüren und finde mich dabei etwas peinlich, weil ich zu viel Angst davor habe, mich auch im Freien barfuß zu bewegen. Vielleicht ist es aber auch verständlich, denn in selbst in einer Stadt wie Stinkytown läuft man (hö-hö) immer Gefahr, in eine Glasscherbe oder ähnliches zu treten.

Ich bin gerne nackt und habe im Frühjahr / Sommer die Fenster geöffnet, um den Wind auf meinem Körper spüren zu können. Um meinen Körper spüren zu können. Um mich besser spüren zu können, ohne das Korsett von Kleidung, das einen in eine wie auch immer für akzeptabel gehaltene Form pressen möchte.
Abseits juristischer Gegebenheiten, will ich mich so in der Öffentlichkeit zeigen? Sicher nicht. Ich renne schließlich auch nicht durch die Gegend und erzähle den Leuten im Supermarkt, am Gemüsestand, im Drogeriemarkt alles, was so in meinem Kopf vorgeht.

Ich bin gerne nackt, weil ich auf diese Weise lerne, dass sich Schönheit nicht über die Form des Körpers definieren lässt.

Dass eventuell sogar ich schön sein könnte?!

Wie gesagt, ich lerne noch.

Es gibt, gewissermaßen als Gegenbewegung zu Body- und Fatshaming das Konzept der „Body-Positivity“. Anfangs fand ich das sehr gut, sollte es doch mehrgewichtige Menschen zu einer positiven Wahrnehmung ihres Körpers verhelfen. Inzwischen ist mir aber der Begriff „Body-Awareness“ (Körperbewusstsein) deutlich lieber, verzichtet er doch darauf, Körper überhaupt erst bewerten zu wollen. Mir ist irgendwann klar geworden, dass der Schlüssel zu einem gesund(er)en Verhältnis zu meinem Körper nicht darin liegt, ob ich ihn mit Gewichtsverlust und Muskelaufbau auf der Fuckability-Skala ein paar Stufen nach oben befördere. Nichts spricht dagegen, ihn fit zu halten oder wieder fit machen zu wollen, weil z.B. die Treppen ab Etage 5 zu anstrengend werden. Aber das entscheidende für mich ist, ihn aus diesem System der permanenten Beurteilung und Bewertung herauszunehmen und ihn unabhängig davon kennen- und schätzen zu lernen, ihn und seine Bedürfnisse zu begreifen (ja, auch physisch), ihn anzunehmen, ihn sein zu lassen. Denn so ein Körper hat in erster Linie nicht irgendwas oder irgendwie zu sein.
Es reicht völlig, wenn er ist.


© 2021 albert sadebeck

Ein Kommentar zu „Vom Lernen und Sein

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