Spaghetti zum Frühstück

Jedes Mal, wenn ich auf das weiße Plus im orangen Kreis meiner Notiz App drücke, bin ich nervös. Themen, S(chachtels)ätze, Wörter… trifft Hirn den richtigen Ton? Ist es halbwegs interessant, bewegt oder lässt ein Lächeln im Sonntag?

Auf die Frage, ob ich regelmäßig schreiben würde, kam mir sofort Zweifel ins Sichtfeld galoppiert: Was, wenn du aber mal nichts zu sagen hast? Wenn du kein Thema findest oder einfach nicht weißt was sich aufschreiben gelassen haben hätte können?

Der heutige Tag fängt den ängstlichen Mustang mit aber sowas von einer Vorlage ein, dass er nun im Lasso zappelnd, wie ein hilfloser Esel wirkt, über den Hirn hinwegblicken kann. Nicht nur das. Das Thema, welches dieser Maisonntag mir um die Ohren wirft, lässt Hirn sogar voller Freude und Elan die Fingerknöchel knacken!

MUTTERTAG. Ein Tag für Mütter. Wie Geburtstag, nur nicht so individuell. Kollektivfeier fürs Muttersein.

An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass es für jede Frau die auswelchengründenauchimmer gerne eine Mutter wäre, aber keine ist, wohl kein Top Ten Tag des Jahres ist. Ich frage mich manchmal, ob man die Herzen, Blumenangebote und Werbeslogan ohne Tränen übersteht, wenn der Tag einen permanent darauf hinweist, dass ein Wunsch eben nicht…. 😔
Daher sei ab hier vlt eine Triggerwarnung ausgesprochen??

Folgender Text enthält eine Prise Humor, einen Teelöffel Ironie, ein halbes Pfund Selbstkritik und eine cremige Füllung fellbällchenkotzigerTM Gedanken. Ob das Ergebnis später in die Tortenecke wandert bleibt abzuwarten, dazu befindet sich das Rezept noch zu sehr in seiner Testphase.

Mutterschaft.

Als ich vor 3 Jahren auf einen 2. Streifen dieses komischen Plastikstifts starrte, wusste ich nicht was ich empfand.

Ich konnte das Gefühl nicht definieren, das mich überkam. Heute, einige graue Haare später weiß ich, dass in diesem Moment meine zerebrale Steuerzentrale um einige komplexe Knöpfe erweitert wurde.

Da wäre mal die am häufigsten blinkende Abteilung der Angst. Unterschiedliche Facetten, von Existenz-, über Versagens-, bis hin zu den sehr fiesen Verlustängsten schwappten in der Sekunde des positiven Ergebnisses Welle um Welle Panik um meine Knöchel (nein ich habe nicht neben das Klo gepinkelt…  das war metaphorisch gemeint Mensch…), das Meer aus Warnblinksignalen vor meinem inneren Auge toste ebenso wie die Ungläubigkeit und die simple Feststellung der Unwissenheit im Bereich „Baby“. Ich konnte keine Zimmerpflanze länger als 3 Wochen am Leben erhalten. Die Kompetenzmessung sprach sich eher gegen mich aus. Auch die Gewissheit, es muss da raus, ob ich will oder nicht, trug keinesfalls zur Beruhigung bei. Im Gegenteil, Selbstmitleid ob des baldigen körperlichen Kontrollverlusts (haha ich hatte ja keine Ahnung) und der bevorstehenden Schmerzen (hahahaha ich lache immer noch… mein armes unwissendes Vergangenheits-Ich) breitete sich aus.

Doch neben all den wilden Neonleuchten gab es auch eine kleine Ecke Dunkelheit, die bisher unbemerkt vor sich hin finsterte. Mit der Gewissheit von Veränderung in meinem Leben entbrannte plötzlich ein kleines Birnchen der Freude. Ich sollte lernen das diese Ecke des Hirns sich im Laufe der Zeit zur hellen Schönheit mausern und sich mit zahlreichen Lichterketten schmücken würde, chaotisch, aber herzlich. Wie ein Weihnachtsbaum geschmückt von einer Kinderhand.

Der Grundstein für die neuen Empfindungen war am Tag der Erkenntnis gelegt. Die Emotionen reiften Stück für Stück mit diesem WirbelschlumpiTM mit.

Nichts und niemand hätte mich auf den Selbstzweifel vorbereiten können, der mich seit Beginn meines Mutterdaseins regelmäßig angreift. Er wickelt sich wie eine wütende Schlange um meinen Hals, nimmt mir die Luft und schlimmer noch die Stimme, sodass ich lautlos an die Wand gedrückt in der Luft schwebe, die kalten Steine im Rücken, die nicht stützen sondern drücken, der feste Griff um die Kehle, ausgeliefert an die Übermacht des Unterbewussten, des Anklagenden. Gefährlich drohend züngelt der Spiegel der eigenen Entscheidungen an die Wange und kostet die bitteren Tränen des Versagens.

Nicht gut genug.

Lässt der innere Hinterhalt nach, gibt es oft genug Attacken von außen. Bewertungen, Maßstäbe, Tabellen, Richtlinien, Zeiträume… alles muss in Normen und messbar und sowiewirdasschonimmergemachthaben gemacht worden sein. Kritisch gehobene Augenbrauen, spöttische Aaaach, und das klappt???!!!s, gut gemeinte Jaabermachsmallieberso’s

Hat man endlich innere Standpunkte gefunden, kommt 100% jmd, die alles hinterfragt. Selbstvertrauen ade. Scheide tut auch eh immer noch weh (bitte sagt mir, dass Ihr das Lied kennt, sonst war das peinlich jetzt) Druck, Scham, Anpassung an das Übliche.

Nicht gut genug.

Neben der unzähligen Ängste kommt erschwerend eine Ohnmacht der Verantwortung hinzu.
Von nun an betrifft JEDE Entscheidung, die man als Mutter trifft, immer mehr als nur sich selbst. Für mich, die nicht mal weiß ob sie zum Frühstück gern Kaffee oder nicht trinkt, ist diese Bürde eine kaum erträgliche. STÄNDIG die Frage: ist das in seinem/ihrem Sinne? Und hier schleicht sich auch schon die erste Falle ein. Da lernt man über die Zeit für das Kind zu entscheiden und dann wächst es. Das Kind kann am Anfang nicht reden. Das heißt aber nicht, dass es willenlos auf die Welt kommt. Ja, Ihr habt viele Entscheidungen erstmal ohne Rücksprache mit dem Kind getroffen. Aber vergesst bitte nicht, dass es wächst. Es wird Euch mit 2 genau sagen können, welche Farbe sein Rucksack haben soll. Ihr müsst es nur fragen. #muttiklugscheissermodusoff

Aber mal im Ernst. Die anfängliche Unsicherheit, das einfach mal machen, trotz völliger Planlosigkeit… es wird besser. Wenn man die Ängste spürt, aber nicht füttert. Wenn man hinsieht, zuhört und nachfühlt, wo es weh tut. Man lernt die eigenen Wunden kennen, die latenten Unterdrückungen, die Forderung zu funktionieren. All die verletzenden Worte. Die kleinen Vertrauensbrüche. Übergriffige Entscheidungen. Es wird einem bewusst, was man selbst erlebt hat, wie viel „Erziehung“ man in sich trägt.

Nicht gut genug.

Und dann kommt da dieses Kind. Dieses wilde, wunderschöne Wesen, das die Würgeschlange im Genick greift und ihr die Augen ausdrückt vor Übermut. Laut lachend unbeschwert und selbstsicher. Seht sie Euch an, die Kinder, die fröhlich und laut vor sich hin singen!
Bis Mama sagt: Pppsssssst, sei nicht so laut.
Bis die Gesellschaft sagt: Der Text geht aber anders.
Bis der Lehrer sagt: Die Melodie ist falsch.

WARUM?! Warum denken Menschen die Macht zu haben, ein Lied zu korrigieren? Und ja, dieses Lied steht stellvertretend für das gesamte Kind. Wenn ich in diesen 3 Jahren etwas gelernt habe, dann folgendes: meine Aufgabe als Mutter ist es, meinem Kind das Gefühl von Gewollt sein, Gesehen werden und Sicherheit zu geben. In Zeiten von Unsicherheit der Hafen zu sein, der die aufkommenden Zweifel abwiegelt. Hierfür ist es aber wichtig sich selbst in diesen Hafen getragen zu haben.

Tobt das Kind? Schreit das Kind? Provoziert das Kind?

Das Kind ist nie das Problem.

Probleme sind:

  • die oben genannten übermannenden Gefühle
  • fehlende Pausen
  • Schlafmangel

Und eine daraus resultierende Überforderung. Wie sollte ich auch ein tobendes Kind beruhigen, wenn in mir selbst ein Orkan wütet.

Was hat dieses Muttersein mir also beigebracht? Der kleinen Glühbirne mehr Beachtung zu schenken. Mich mitzufreuen. Die pure, reine Freude des Kindes zu bestaunen und ein Stück weit zu übernehmen. Auf seine Fähigkeiten zu vertrauen. Ihm seine Entscheidungen zu lassen, um zu sehen, was es für ein Mensch ist. In der Hoffnung, in ihm eine Sicherheit zu manifestieren, die ihm die nötige Achtung vor sich und anderen gewährt, Dankbarkeit und Freundlichkeit zu erhalten und dieses unbändige Leuchten, das eindeutig aus seiner Freudesecke pulsiert. Meine Aufgabe als Mutter ist es, diese Ecke der Zuversicht bei mir und damit spiegelnd auf ihn zu erhalten und zu pflegen, durch Pfützen zu springen, weniger nein zu sagen und Spaghetti zum Frühstück zu essen.

Ach so, das macht man nicht.


© 2020 hollingtonsmum

3 Kommentare zu „Spaghetti zum Frühstück

  1. Die schönste und treffendst in Worte gewandelte Zusammenfassung meiner Gefühle vor fast 30 Jahren, als ich einfach spürte, daß ich nicht und nie mehr allein bin (guuut, manch Einer der hier Lesenden wird jetzt denken HMM 🤔, SO RICHTIG ALLEIN WAR SIE JA NOCH NIE und sich dabei, meine geistige Zurechnungsfähigkeit anzweifelnd (jawohl, Hirn wurde eins diagnostiziert) ins Fäustchen lachen)… wo war ich???
    Ach ja… beeindruckend wunderbar geschrieben… und ein beeindruckendes Plädoyer für unsere Kinder (ohne die wir Mütter schließlich keine Mütter wären!)!

    Gefällt 2 Personen

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