Erzähl‘ mir doch keinen vom Herd

Boar, ich bin so froh, wenn ich die Kinder bald wieder abgeben kann.

Dieses ganze „zuhause bespaßen“ nervt.

Jaaaaa, ich hatte ja das Glück, meinen in die Notbetreuung schieben zu können.

Ach, du arbeitest?

Nö, aber das muss ich im Kindergarten ja nicht sagen.


Ich sitze auf dem Spielplatz, genauer gesagt am Sandkasten, und höre unweigerlich dieses Gespräch der zwei Mütter auf der Bank im Eingangsbereich mit.

Traurig atme ich durch. Schon wieder… schon wieder dieses meine-kinder-nerven-mich-thema. 
… mein impulsivster Gedanke dazu: wieso haste denn dann Kinder, liebe Alman-Annette…
Hirn feuert sofort los und ich muss gleichzeitig auch ein bisschen über mich selber grinsen. Herrlich, wie der Defense-mode anspringt und ich mich sammeln muss, um nicht ins fremde Gespräch zu quaken.

Gleichzeitig fällt mir aber auch ein, wie oft ich mich verstelle. Wie oft mir in letzter Zeit ungefragt Beileidsbekundungen ausgesprochen wurden, weil ich den Lockdown mit 3 Kindern verbringe. Wie kritisch mein Status und meine Jobsituation hinterfragt wird. Auch der Stein, der seit ein paar Wochen in meiner Magengegend umherdümpelt und mich an die unangenehmste aller Feststellungen erinnert:
Ach du bist zu Hause, ja? Und dafür hast du studiert?!
Eine hochgezogene Augenbraue begleitet den vorwurfsvollen Ton. Die Worte hallen Tag ein Tag aus in meinem Kopf umher.

… und wieso hast du so viele Sprachen gelernt, wenn du jetzt nur hinterm Herd stehst?

Wow.

Hirn entnimmt der Mimik und der Tonlage einen Hinweis auf Fehlverhalten und passt die Antwort an: Ich bin ja nur vorübergehend zuhause, bis die Kindergärten wieder aufmachen.

… achsoooo, das Virus zwingt dich dazu. Na Mensch, das tut mir ja leid.

GesichtspauseTM

Was ich eigentlich sagen wollte:
Ich liebe es. Ich liebe es, den Kindern beim Wachsen, beim Lernen, beim Streiten, beim Konfliktlösen, beim Umherspringen, beim Ausprobieren und vor allem beim Lachen zuzusehen. Ich liebe es, Lösungen zu bieten und Wege zu suchen. Zu überlegen, was jeder braucht, wieso jemand weint, wo etwas fehlt und wie wir es geschaukelt bekommen. Nicht nur das eine, nein alle drei Kinder, die seit mittlerweile 9 Wochen täglich zuhause sind.

Was ich nicht liebe:
– Wäscheberge
– Kochen für viele Personen (was wenn es nicht reicht)
– unfaires Verhalten, was anderen Familienmitgliedern schadet (dazu gehört vom Stuhl schubsen der Kleinen, aber auch Schreien oder Drohen der Erwachsenen)

Dennoch gehört es dazu. Die Wäsche will gemacht werden. Hunger haben auch ständig alle (überhaupt lebe ich zurzeit von Obstpause zu Zwischensnack, damit keiner unterzuckert) und unfair wird es immer dann, wenn jemand grob überfordert ist.

Beispiel? Kein Ding: Die Mittlere klettert auf den Kindertisch und hüpft voller Mut und Selbstsicherheit zu Boden. Der Kleine ist beeindruckt, klettert hinterher, stellt fest-scheiße, das ist hoch und zögert. Das dauert Midi zu lange, sie fackelt nicht und bolzt ihn getreu ihrer Art um. Er fällt vom Tisch und weint.
Zu fragen, ob er runtergehen könnte etc., war in ihrem zarten Alter von unter 5 einfach zu viel. Kein Kleinkind ist derart reflektiert. Was sie aber mittlerweile gelernt hat: man kann Fehler mit einem „Entschuldigung“ und einem Aufhelfen einsehen und das Gegenüber trösten. Was im Tisch Unfall tatsächlich geholfen hat.

Diese Erkenntnis erlangt ein Kind jedoch nicht alleine. Und ich freue mich tierisch über diese Wahrnehmung und die Fähigkeit, die sie da an den Tag legt. Ein bisschen klopfe ich mir dafür selbst auf die Schulter. Aber ich stehe ja nur hinterm Herd.

Neben der Köchin bin ich auch Berater für Mode und Wettervorhersagen, Spaßbremse wenn’s zu waghalsig wird, Fotografin, Herrscherin über Fernbedienung und Tablet, Spielsachenhinterherschlepperin, Blumenfee, GuteNachtGeschichtenErzähler und müde.

Wieso bin ich nur ständig so müde? Ich stehe doch nur hinterm Herd

Du lebst ja gar nicht emanzipiert und unabhängig! Voll 1950! Und der Mann? Der kann auch mal was helfen!!!

An alle Muttis und Alleinerziehenden, die niemanden haben, der mit anfässt:
Krasse Kiste!
Ich verstehe, dass ihr müde seid und froh über eine Pause.
Ich verstehe, dass der Druck zu Arbeiten und DA zu sein immens ist und man ohne Erholung daran zerbricht.
Ich verstehe, dass es Tage gibt, an denen man keine Lust hat. Zu nix.

Ich habe da gottseidank großes Glück. Ich mache das nicht alleine. Wenn ich eine Pause nötig habe, muss ich das in den wenigsten Fällen sagen, sondern bekomme nach einem aufmerksamen Blick kommentarlos die Autoschlüssel gereicht, um zum Pferd oder mit lackierten Fingernägeln zum Mädelsabend zu fahren.

An anstrengenden Tagen (und ja, es ist verdammt anstrengend, alle auf dem Schirm zu haben) kommt ein „danke, dass du das so toll machst“.
Und Hirn so „aaaach, dafür doch nicht“ und dann fällt mir das Spielplatz Gespräch ein und mir wird klar: eine positive Grundeinstellung zur Kinderbetreuung ist leider doch nicht selbstverständlich.

Die Kinder sollen ruhig sein, stillsitzen, alleine spielen, leise malen, brav schlafen und der Tag soll schnell vorbei gehen. Einer unserer Ministerpräsidenten meinte neulich im TV: er hoffe die Eltern nutzen diese Phase der Einschränkungen, um ihre Kinder wieder besser kennen zu lernen.

Tja, und ein Fünkchen Wahrheit ist da ja auch dran. Das heißt nicht, dass jeder, der im Sandkasten nicht direkt mit buddelt, seine Kinder nicht kennt und liebt.
Auch ich denke mir oft „boar, spiel mit den anderen Kindern, deswegen sind wir doch hier“ und merke dann: Es wird Zeit die Akkus zu laden, um nicht unfair zu werden.
Die Pause auf dem Spielplatz ist also eine willkommene Abwechslung zum Spielen zuhause (sinnvoll im Lockdown sei mal dahingestellt) und zum einfach mal stumpf umhersitzen. Was aber, wenn das Kind einfach immer der Störfaktor ist? Da fällt mir ein Satz ein, den ich in Stresssituationen Mantra-artig vor mich herbete:
Das Kind ist nie das Problem.

Es tut nichts, um mich vorsätzlich zu ärgern. Es äußert seine Bedürfnisse und Gefühle um seinetwillen. Und ich bin der Mensch, zu dem es überfordert, traurig, wütend oder aber überglücklich kommt und sich mitteilt.

Ein stückweit scheint die liebe Alman-Annette das vergessen zu haben.

Ein Bewusstsein für Kinder und Familie, Bedürfnisse und persönliche Grenzen, Belastungssituationen und Unfälle, Rollenverteilung und Aufgabenbereiche, Anerkennung und Fehlersuche, Gutmütigkeit und Dankbarkeit zu entwickeln … das hat wohl alles was mit hinterm Herd stehen zu tun.

Ich für meinen Teil mache all die lästigen Aufgaben, ohne zu nörgeln. Weil ich sie nicht machen muss. Schaffe ich es aus irgendwelchen Gründen 4 Tage nicht, die Wäsche abzunehmen, kann ich mich darauf verlassen, dass sie am Wochenende gefaltet im passenden Schrank liegt. Ich muss mich nie mit Mundschutz durch Kassen schlängeln und ich werde am Abend gefragt wie der Tag war und wie es mir geht.
Vlt ist Alman-Annette auch frustriert, weil sie das nicht gefragt wird. Weil sie nicht gesehen wird. Weil niemand mit ihr spielen …ach ne das war ja Kind.

Ich fühle mich nicht wie 1950. Und ist es nicht auch emanzipiert zu sagen „Ich bin gerne Mutter und möchte das nicht verpassen.“?
Ich brauche gerade keine Karriere und Verantwortung im Job. Wir verhungern nicht, wenn ich nicht sofort 60 Stunden die Woche arbeite, sondern zuhause bleibe. Immerhin helfen die Kinder sogar bei der Wäsche… sie kloppen sich förmlich darum, wer den Startknopf drücken darf.

Wenn mich jemand sucht: Ihr findet mich hinterm Herd.
Glücklich eigentlich.


© 2020 hollingtonsmum

2 Kommentare zu „Erzähl‘ mir doch keinen vom Herd

  1. Na Dein Beitrag ist ja eine Wucht1 So reflektiert und mit gut beobachtet. Manche habens schwerer, jedoch hat jeder Mensch die Chance, zu lernen wo seine Grenzen sind und auf seine Bedürfnisse zu achten. Ich habs erst in meinen 60er Jahren langsam begriffen und bin immer noch dabei es zu lernen. Alles Gute und (wenns erlaubt ist) Gottes Segen!

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