Pfützen und Pfefferminz

Es regnete. Sein Blick wurde trüb, glich dem wolkenverhangenen Himmel. Die buschigen Augenbrauen sanken in Richtung der schwer geknitterten Augenlider. Jede einzelne der ledrigen Falten ächzte unter dem zusätzlichen Druck. Es ist Donnerstag und normalerweise sein Lieblingstag. Er fuhr seit 57 Jahren donnerstags die gleiche Route. Jahr um Jahr kamen neue Häuser mit fremden Gesichtern dazu. Ab und an zog eine Familie weg. Doch eines hatten sie alle gemeinsam.
Sie produzierten Müll.

Donnerstags war die knifflige Runde mit den verwinkelten Gassen und dem uralten Kopfsteinpflaster, das sich widerspenstig hob und senkte, als wollte es seinem Wagen ein Bein stellen. Er wurde durchgeschüttelt, unkontrolliert nickend wie ein Wackeldackel, dennoch war es seine Lieblingsfahrt. Seine Vorfreude wuschen die tristen Bindfäden jedoch aus seinem Gesicht in die Rinne des Bordsteins. Sie verschwand zusammen mit dem ausgespülten Dreck der Straße in der nächsten Kurve im Gully. Lustlos stieg er in seine Uniform, schnaufte die 3 Stufen zum Fahrerhäuschen empor und ließ sich mit einem erschöpften Grunzen fallen. Auch der Sitz gluckerte maulend vor sich hin, ächzte unter seinem Gewicht. Der Schlüssel drehte sich im Schloss, die Scheinwerfer suchten einen Weg durch die Nässe, der Scheibenwischer kämpfte seinen sinnlosen Kampf gegen die Tropfen auf der Scheibe. Klick Klack. Klick klack. Klick klack. Klick klack. Fast war er gewillt, sie auszuschalten. Schienen sie ihm höhnisch zuzuklackern. Er konnte es nicht verstecken.

Er war traurig.

Als er sich durch den dichten Regen kämpfte, vorbei an gräulich grünen Pfützen, beschloss er, seine Laune zu erhellen.
Er versuchte es mit einem Pfefferminzbonbon. Irgendwo in der Schublade des Beifahrers müsste doch… ach da. Das klebrige Stück Zucker ließ sich nur widerwillig aus dem angelaufenen Papier locken. Die langen Fäden, die es mit der Hülle verbanden, luden nicht wirklich zu Genuss ein. Er grummelte, schüttelte das vergessene Bonbon aus vergangenen Jahrzehnten aus der Hand und beobachtete, wie es durch die Fahrerkabine hüpfte. Dass es nicht kleben blieb, erstaunte ihn. Auch der Radiosender rauschte heute nur unmutig vor sich hin. Wie ein Sturzbach glitt das monotone Geräusch durch seinen Kopf und schien sich mit dem Scheibenwischer zu verbinden.
Er mochte sein Auto heute nicht. Und er mochte seinen Beruf heute nicht.
Müll. Wer umgibt sich schon gern mit Müll. Gedankenverloren bog er, immer noch traurig, in diese besondere Straße ein und konnte kaum glauben, was er sah. Stoßartig zog er die Luft ein und hob die Augenbrauen hoch auf die Stirn. Die buschigen Haare kitzelten ihn fast am Haaransatz, so sehr freute er sich, dass sie trotz dieses miesen Wetters da waren.

Er öffnete langsam seine Augen. Es war gerade dämmrig und die Vögel kündigten wild zwitschernd den herannahenden Tag an. Er blinzelte ein paar Mal, schnalzte verschlafen mit der Zunge und kletterte aus seinem Bettchen. Mit nackten Füßen patschte er über das Parkett in Richtung Mama. Sie hörte ihn schon von weitem, stellte sich zwar schlafend, grinste jedoch innerlich schon über die nahende Attacke. Mit einem großen Sprung landete er auf ihren Beinen, zog die Decke zu sich herunter und patschte übermütig auf ihren Bauch. Sie gab auf und lachte laut. Ihm war heute nicht nach kuscheln, auch puzzeln oder lesen wollte er nicht. Sie konnte ihn kaum zum Frühstücken überzeugen, offenbar wusste er, was heute für ein Tag war. Mit Ach und Krach kam sie im Bad eine Runde am Waschbecken vorbei, nippte zweimal an ihrem Kaffee und sah dann ein, dass es keinen Zweck hatte. Es half nur anziehen und dem kleinen Wirbelwind, der wild gestikulierend am Fenster stand und „da, ma, da, daaaaa“ forderte, ein regenfestes Outfit überwerfen. Zum Glück hatte sie zu jedem Wetter die passende Kleidung, denn draußen verbrachten sie am liebsten ihre Vormittage. Es gab so viel zu sehen in ihrem kleinen Dörfchen. Vom Spielplatz mit seiner Sandkiste, zur Baustelle mit ihren Geräten und Baggern bis zu dem kleinen Bachlauf mit seinen Kieselsteinchen kannten sie jedes Grashälmchen auswendig.
Doch heute war ein besonderer Tag. Es war Donnerstag und obwohl es regnete, rannte ihr Kind voller Vorfreude die Gässchen und Kurven auf seinem Laufrad entlang. Zum Glück hatte sie keinen Aufwand in ihre Frisur gesteckt, die dicken Tropfen, die auf sie niederprasselten, hätten sämtliche Bemühungen zerstört. Sie störte sich nicht weiter am Wetter und sah voller Freude, wie aufgeregt ihr Sohn umherflitzte und voller Ungeduld die Straßen absuchte. Erst als er sich sicher war es bisher nicht verpasst zu haben, ließ er sich bremsen und in der gewohnten Straße anhalten. Hier standen sie nun, voller Hoffnung wartend.

Nach einer gefühlten Ewigkeit näherte sich das dumpfe Grollen, dem er so sehnsüchtig entgegenfieberte. Das Müllauto! Weit weg war es nicht mehr und er blickte mit strahlenden Augen nach oben, um sicher zu gehen, dass auch sie dem Gefährt gebührend Aufmerksamkeit schenkte. Sie nickte ihm liebevoll zu und hielt seine Ungeduld an der Kapuze zurück. Sicher ist sicher…

Seit Wochen verfolgten sie nun die Arbeit der Männer im orangenen Auto, liefen nebenher, beobachteten die Hebel und Knöpfe. Donnerstag war Müllautotag und daran konnte auch ein Regenguss nicht rütteln. Er freute sich so sehr, sie trotz der widrigen Temperaturen zu sehen, dass er kurzerhand ausstieg und seinem größten Fan anbot, sie durch den Regen nach Hause zu fahren. Sie würden in der Kabine platznehmen und alles mal von einer neuen Perspektive, von innen und oben ansehen können. Wenn man die beiden sah, wusste man nicht, wer von beiden sich mehr freute. Der alte Mann, der endlich einen Sinn in seinem Job sah, oder der kleine Junge, der sein Laufrad auf dem Fußweg zurückließ und mit leuchtenden Augen IN das Müllauto kletterte.

Zum Glück musste er ihm kein Bonbon anbieten, um ihn zu erfreuen. Nicht mal die blinkenden Lichter und Knöpfe waren Anlass seiner ausgelassenen Freude, nein, die pure Tatsache, dass er mitfahren durfte, machte seinen Morgen zum Highlight des Tages. Sie war so froh, dass ihr kleiner Weltenentdecker so liebe Menschen im Alltag um sich hatte und mit so wenig und gleichzeitig so großen Gesten glücklich zu machen war. Sie hoffte, dass er seine Neugier noch lange behielt und freute sich auf einen warmen Kaffee im gemütlichen Zuhause.

Es regnete. Und es war ein guter Tag.


© 2020 hollingtonsmum

Ein Kommentar zu „Pfützen und Pfefferminz

  1. Einfach nur lieb, wie Du das für uns aufgeschrieben hast.🥰 Ich sehe gedanklich richtig: wie die kindlichen Augen gefunkelt haben.😃Und mein Herz hüpft dabei genauso aufgeregt wie seines + fühlt sich so behaglich warm an, wie das des Müllfahrers! Da bin ich gleich noch glücklicher ein Opa zu sein🤗 DANKESCHÖN

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