Schiller – aka Chillivanilli – aka Killischilli – aka Vanillischilli


Dieses kleine erdfarben/lehmrote Wesen findet also den Weg in ihr Leben. Sie mag keine Katzen. Sie ist eher der Hundetyp. Loyal und rudelfähig. Kein Töten aus Spaß. Kein plötzliches, unangekündigtes Kratzen oder Beißen. Dennoch ist es nun da. Das kleine Ding mit Fell. Viel Fell. Überall. Und es ist niedlich. Vlt ausgesetzt, weil eine Promenadenmischung? Abstammung unklar.
Auf jeden Fall anders als herkömmliche Kätzchen.

6 Monate später

Er chillt im Beutel, während sie mit dem Rad zur Arbeit fährt. Er hasst den Wind der Nordseeinseln. Der zerzaust sein Fell. Er gehört da nicht hin. Noch mehr hasst er es aber, allein zu sein. Also fährt er mit.
Ja. Auch in der Bahn. Was soll‘s. Hätte er gewusst, dass die Fahrt zum Impfen geht, hätte er sich das vlt anders überlegt. Hat sie ihm also vorher nicht verraten.
Er ist offenbar versöhnlicher als herkömmliche Katzen.

9 Monate später

Ein Hund beißt ihn in die Schulter. Sie ruft den örtlichen Flugplatz an, organisiert eine 8-Mann Maschine, packt ihn in seinen Beutel, fährt mit dem Rad zum Flugplatz, stellt fest, dass der Stoff des Beutels nicht saugfähig ist als das Motorengeräusch der Propellermaschine die Blase des Tieres übermannt, erreicht mit Katzenpipi auf der Hose die Nachbarinsel, fährt mit dem Taxi zur Praxis und legt das zitternde, ebenfalls nasse und verletzte Bündel auf den Tisch. Nur knapp kann sie verhindern, dass die ängstliche Tierarzthelferin den armen Kater vor lauter Schreck erwürgt. Sie hält ihn so sehr geknebelt auf dem Tisch, dass Luftholen zum Leistungssport wird.
Er ist offenbar größer als herkömmliche Katzen.


11 Monate später

Er belauert am Stubenfenster ein Reh, das in den Dünen weidet…
Er hält sich selbst offenbar ebenfalls für grösser als herkömmliche Katzen.

15 Monate später

Sie will die Insel verlassen. Ihr Wohnungsgeber ist wenig begeistert von der Idee und behält die Katze in Gewahrsam. Sie sucht die örtliche Polizei auf und schildert den Fall. Der Wohnungsgeber ist leider Insel bekannt und hatte nicht den ersten Kontakt mit der Polizei. Freude kommt auf. Der Polizist könne „die Tür nicht gewaltsam öffnen, sie aber auch nicht davon abhalten, von eventuellen Schlüsseln Gebrauch zu machen.“ Sie schließt also unter Aufsicht der Rechtssicherung die Haustür auf, flüstert einmal den Namen des mittlerweile orange schimmernden Luchsverschnitts in klein, der sogleich fröhlich angerannt kommt und in seinem gewohnten Beutel Platz nimmt. Der Polizist ist neben Ausweispapieren, die auf ihren Namen ausgestellt sind, nun vollends überzeugt, dass die geschilderten Besitzverhältnisse der Wahrheit entsprechen, als der Wohnungsgeber plötzlich nach Hause kommt. Sie schwingt sich auf ihr Rad und tritt wie eine arme Irre in die Pedale. Die Polizei schafft es, ihr einen kleinen Vorsprung zu verschaffen, kann den Verfolger jedoch nicht gänzlich hindern. Erst als der Elektromotor des Rads endlich in Gang kommt, kann der Beamte den Angreifer, der sie fast eingeholt hat, in den Graben abdrängen und verpasst ihm nach einigem Gerangel einen Stromstoß mit einem Elektroschocker. Ohne zu überlegen brettert sie, schockiert und belustigt zugleich, auf die Fähre, die planmäßig ablegt. Ohne Ticket, aber mit klopfendem Herzen setzt sie über ans Festland. Zum wiederholten Male ist sie heilfroh, dass die Fähre nur einmal täglich einen Ausweg bietet. Sie bittet ihren Vater, die 10h Fahrt auf sich zu nehmen, um die Katze schonmal nach Hause zu bringen – falls der Wohnungsgeber die frühe Fähre oder gar ein Flugzeug nähme, um die Besitzverhältnisse neu zu ordnen.
Er ist offenbar begehrter als herkömmliche Katzen.

15 Monate und 5 Tage später

Ihr Vater hat die Rückfahrt fluchend mit einer Katze als Beifahrer verbracht. Er hasst Tierhaare. Aber er hat es gemacht. Das Auto wurde ausgesaugt, der Rest ihres Krempels unter großem Aufwand und Personenschutz aufs Festland zurück in die Normalität transportiert. Der Kater lernt zum ersten Mal Gras kennen. Hier ist kein Wind. Hier gehört er schon eher her. Dennoch fragt sie sich, was sich die Natur bei einer leuchtend orangenen Katze gedacht hat. Er sticht aus der Wiese heraus.
Er ist definitiv auffälliger als herkömmliche Katzen.

16 Monate später

Er darf ohne Leine umherstrolchen. Bisher war sein Leben autofrei. Um sicher zu gehen, dass er nicht unter die Räder gekommen ist, verabreden sie, dass er jeden Abend nach Hause kommt. Er hält sich daran.
Er ist offenbar gelehriger als herkömmliche Katzen.


17 Monate später

Er schleicht sich in den Wintergarten der Nachbarn. Ein lautes „aaaaah, ein Fuchs“ schallt durch die Straße. Sie geht ihn lachend abholen.
Er ist offenbar unerschrockener als herkömmliche Katzen.

18 Monate und ein paar Tage

Eine Anzeige wegen Diebstahls flattert ins Haus. Sie soll eine Katze und 12tausend Euro vom Küchentisch entwendet haben. Die Anklage wird nach einem Gespräch fallen gelassen. Beweise liegen alle auf ihrer Seite. Die Tatsache, dass ein Polizist dabei war, half ebenfalls geringfügig.


19 Monate später

Der Herbst färbt die Welt in Sonnenuntergangsgelb, Kürbisorange und Tonerdenbraun. Sie versteht jetzt, was die Natur mit der Fellfarbe bezweckt hat.
Er ist jetzt unsichtbarer als herkömmliche Katzen.

21 Monate später

Er kommt abends nicht nach Hause. Sie sucht. Sie macht sich Sorgen. Sie ruft. Er antwortet. Sie folgt dem Miauen. Er hängt mit dem Halsband an einem Fahrradständer verklemmt fest. Sie befreit ihn und trägt ihn nach Hause. Er liegt die ganze Nacht an ihrem Kopf und schnurrt.
Er ist offenbar dankbarer als herkömmliche Katzen.

22 Monate später

Er kommt humpelnd nach Hause. Mit Reifenspuren auf dem Fell. Sie trägt ihn rennend zum Tierarzt. Er hat Glück gehabt. Nur gestreift. Nichts gebrochen. Sie beobachtet ein paar Tage, wie er sich der Straße hinterm Haus nähert und stellt erleichtert fest, dass er nun gehörigen Respekt vor der Straße und den Autos hat.
Er hat offenbar auch 7 Leben wie herkömmliche Katzen.


47 Monate später

Zielgerichtet springt er höchst tödlich auf einen Maulwurf, der 2 cm unter der Erde unvorsichtig umhergräbt. Der schwarze Nager hat nicht den Hauch einer Chance. Er spielt vorsichtig und mit eingezogen Krallen mit dem Wirbelschlumpi, der ein Stück Faden in der Hand hat. Auch Knuddelattacken von oben herab lässt er über sich ergehen.
Er ist beherrschter als herkömmliche Katzen, manchmal sogar liebevoll.

Was sich sonst noch verändert hat…

Seit die Katze da ist:

  • gibt es lebende Mäuse im Haus
  • muss Holly die Aufmerksamkeit teilen und findet das nur semigut
  • gehen sie zuverlässig alle zusammen spazieren. Er wartet geradezu auf die Runden.
  • rennt sie regelmäßig vor ihrer Katze weg, um Wege allein zu erledigen
  • holt er sie spielend ein und folgt ihr quer durchs Dorf
  • gibt es eine Katzenklappe in der Hauswand, die ihr Vater (ebenfalls fluchend) eingebaut hat. ♡
  • hat sie die Decke immer mal malern müssen, weil angekaute Vögel bei Fluchtversuchen Blut verloren
  • verstecken sich Mäuse in Jackenärmeln der Garderobe und werden nachts um 4 vom Bruder mit Gekreische daraus verjagt (bester Wecker für die Frühschicht den es gibt)
  • hält er sich akkurat an die Fliesengrenze der Küche, die für ihn gesperrt ist
  • ist sie nicht mehr alleine auf Toilette
  • mag sie Katzen

Auch die herkömmlichen.


© 2020 hollingtonsmum

2 Kommentare zu „Schiller – aka Chillivanilli – aka Killischilli – aka Vanillischilli

  1. Das pure Lesevergnügen und herrliche Bilder. Selbstverständlich ist das kein herkömmlicher Kater! Das kann ich, die ich schon einige Katzen und Kater hatte sehr wohl beurteilen. Keine von ihnen war herkömmlich. Selbstverständlich nicht.

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