Sonntagskind

Sonne gibt es in dem kleinen Hof an der Nordseite des dreigeschossigen Hauses so gut wie nie. Nur im Hochsommer fallen am Nachmittag ein paar Strahlen auf die noch jungen Bäume, unter denen hin und wieder ihre Mutter im Liegestuhl etwas Ruhe zu finden versucht.

Heute jedoch ist der Liegestuhl leer und er bliebe es selbst dann, wenn die Mutter zuhause wäre, denn eine schwere Hitze liegt über dem Hof. Fast, als hätte sich ein ganzer Sommer nur in diesen kleinen Hof gelegt, denkt das Mädchen, das hier mit ihren großen Brüdern spielt.

Und wie sie spielt! So glücklich ist sie selten, aber heute ist sie ein Sonntagskind, denn ihre Brüder lassen sie mitspielen!
Da ist es egal, wie heiß es unten im Hof ist. Es gilt jeden Moment auszukosten, denn bald wird der Vater zum Mittagessen rufen und wer weiß, ob sie nach dem anschließenden Mittagsschlaf noch einmal die Gelegenheit bekommt, mit ihren großen Brüdern zu spielen.
Meist gehen die ja nachmittags zu ihren Freunden und spielen lieber mit denen. Na ja, sie sind halt nicht mehr so klein, das weiß das Mädchen.

In diesem Hof gibt es für ein kleines Mädchen weit mehr zu entdecken, als die Augen der großen Menschen sehen können. Da ist zum Beispiel diese Treppe, die zum Haus hinaufführt. Eine Art Rampe direkt daneben, über die die Fahrräder und irgendwann auch mal der alte Motorroller des Vaters in den Hof gekommen sind, erscheint in ihren Augen als der schönste Abhang eines riesigen Berges, den es im Winter hinunter zu rodeln gilt.
Wenn sie sich umdreht, fällt ihr Blick auf eine alte Backsteinmauer. Doch obwohl ihr immer ein bisschen schaudert, wenn sie auch nur einen Blick in den dunklen Schuppen daneben wirft, würde sie zu gern wissen, welche Geheimnisse hinter der Backsteinmauer lauern.
Unmittelbar vor ihr gibt ein Schacht den Blick auf das Fenster zur im Keller gelegenen Waschküche frei, die viel zu groß dafür ist, dass sie nur eine einzige Waschmaschine beherbergt. Wenn das Mädchen nach oben schaut, kann es von ihrer Position aus zwar nicht das Fenster zur Küche im zweiten Stock sehen, dennoch verraten das Klappern der Töpfe und das einigermaßen regelmäßige „klock, klock“ des Küchenmessers, dass bei offenem Fenster gekocht wird. Zwei Fenster weiter rechts könnte sie direkt ins Schlafzimmer sehen, wenn sie auf das Dach der Backsteinmauer käme. Aber sie ist zu klein und nicht mal kräftig genug, um auf einen Baum klettern zu können, da würde sie die etwa 3,50 Meter hohe Mauer nie erklimmen können. Und die Mutter ist ja nicht da, um ihr hinter dem Schlafzimmerfenster zuwinken zu können. Ob sie auch einen leckeren Sonntagsbraten bekommt, da wo sie ist?

Ein Geräusch reißt das Mädchen aus ihren Gedanken, das Flattern eines Vogels oder ein Windstoß vielleicht?
Sie sieht sich um. Keiner ist da. Wo sind ihre Brüder hin?
Eins ist sicher, ihre Brüder verschwinden nicht einfach, mir nichts dir nichts. Sie müssen ja noch ihre Schwester befreien.
Heute spielen sie nämlich Indianer und die Krieger eines feindlichen Stammes haben die Tochter des Häuptlings entführt! Nun wird sie im Lager der Feinde gefangen gehalten, gefesselt an einen Zaun.

„Wir spielen Indianer.“, haben die Brüder gesagt.
„Du darfst mitspielen, wenn Du nicht nervst.“, haben die Brüder gesagt.

Nein, sie würde nicht nerven. Sie möchte doch mit ihren Brüdern spielen! Stolz sollen sie auf das Mädchen sein, wie gut es die entführte Häuptlingstochter spielt!

„Die Feinde fesseln Dich am Zaun, damit Du nicht fliehst.“, haben die Brüder gesagt.

Sie will fragen, ob Indianer überhaupt Zäune hätten, während ihre Hände mit einem Strick an das Geländer vor dem Waschküchenfensterschacht gebunden werden. Doch sie sagt nichts. Um nicht zu nerven.

Jetzt sind ihre Brüder verschwunden. Offenbar haben sie sich versteckt, als das Mädchen einen Moment lang durch die Gedanken an die Mutter abgelenkt war.
Bestimmt wollen sie ihr nur einen Schreck einjagen, aber diesen Triumph will das Mädchen ihren Brüdern nicht gönnen. Immerhin haben sie ihre kleine Schwester im Stich gelassen! Dabei wollten sie sie doch retten!
„Wir überfallen das Lager der Feinde und befreien Dich.“, haben die Brüder gesagt.

Zaghaft beginnt das Mädchen, nach ihnen zu rufen. Keine Antwort.
Und so sehr sie auch dagegen ankämpft, sie kann sich nicht dagegen wehren, dass langsam und unaufhaltsam die Angst in ihr emporsteigt. Die Rufe nach ihren Brüdern werden lauter und da, sie kann ihre Stimmen hören!
Hoffnung glimmt in ihr auf und sie ruft noch lauter. Warum kommen sie nicht? Sie können ihre Rufe doch hören. Hat nicht einer von ihnen sogar ihren Namen gesagt? Sie ist sich nicht sicher, denn seine Stimme verschwindet im Gelächter der anderen.
Allmählich dämmert ihr, dass sie sich über sie lustig machen. Sie hat es auch nicht anders verdient. Was will sie denn? Glaubt sie allen Ernstes, dass die großen Jungs sie plötzlich nicht mehr nervig finden? Als sie Raumschiff gespielt hatten, durfte sie auch nur mitmachen, wenn sie hinten im Passagierbereich saß und nicht nervte. Also nicht sprach. Mucksmäuschenstill war.
Sie war nur eine dieser Puppen, die irgendwas nachplapperten, wenn man sie nach vorne oder hinten kippte. Und die alle irgendwann nervte.

Sie sah nach unten und der Schacht zur Waschküche war verschwunden, nein, er war verwandelt! Sie sah sich selbst oder besser ihr Spiegelbild in den Augen eines riesigen unterirdischen Ungeheuers, eines Monsters, das sie in die Tiefe zu ziehen drohte.
Verzweifelt rief sie immer wieder um Hilfe, aber war ihre schwächer werdende Stimme überhaupt noch zu hören? Beinahe hätten ihre tränengetränkten Rufe den Klang der nahenden Rettung gleich mit erstickt. Oben aus dem Küchenfenster drang nämlich die donnernde Stimme des Häuptlings:
„Was zögert Ihr? Auf Eure Rappen und rettet des Häuptlings Tochter!“
Sie hörte den dumpfen Donner der Pferdehufe auf dem Boden der Prärie und die Hoffnung kehrte langsam zurück.

Ihre Brüder standen endlich vor ihr und brabbelten irgendwas von „War nur Spaß“ und „Hab Dich nich immer so“, während sie die Fesseln des Mädchens lösten.

Das Ungeheuer war verschwunden. Vor ihr lag wieder der harmlose Schacht zum Waschküchenfenster. Mit einem Geländer davor, damit man nicht hinunterstürzt.
Und sie dachte noch einmal an den Ruf des Häuptlings, der in ihrer Erinnerung plötzlich anders zu klingen begann. Ganz tief horchte sie in sich hinein, um die Stimme genau zu erkennen. Es war die Stimme ihres Vaters. „Was soll das hier? Das nervt, das Geplärre. Jetzt holt eure Schwester hoch, es gibt gleich Essen!“

Einige Jahre später hat das Mädchen leidlich gut gelernt, wie es nicht nervt. Vor allem, dass man am Abend nicht nervt, wenn der Häuptling diesen Geruch verströmt. Diesen Geruch, der von Sachen kommt, die nur die Großen trinken dürfen.
An einem Sommerabend beschließt der Häuptling, dass seine Tochter eine Mutprobe bestehen muss. Der Häuptling hat wieder diesen Geruch, der keinen Widerspruch duldet und das Mädchen weiß, sie darf nicht nerven. Ihre Mutter, die zurzeit nicht im Krankenhaus ist, kann ihr nicht helfen, denn sie hat selbst lernen müssen nicht zu nerven.
Sie soll vom Fenster auf das etwa1,50 Meter tiefergelegene Dach der Backsteinmauer springen. Ein Sprung ohne Anlauf, denn es gibt nur den Fenstersims und die Fensteröffnung ist nach links noch gut 1 Meter entfernt. Schafft sie den Sprung nicht, stürzt sie etwa 5 Meter in die Tiefe. Wagt sie den Sprung nicht, dann…

Angst steigt in ihr empor. Sie kennt diese Angst, seit sie in die Augen eines Ungeheuers starrte, zurückgelassen von ihren Brüdern, Blutsbrüdern, ihrem Stamm.

„Ich werde nicht nerven.“, denkt sie und schließt ihre Augen. Auf dem Fenstersims stehend nimmt sie innerlich Anlauf. 10 Meter! Noch 5, 4, 3, 2, 1 Meter…
Sie öffnet ihre Augen und stößt einen Schrei aus, der jedes Ungeheuer dieser Welt in die Flucht schlagen würde.

Und springt.


© 2019 albert sadebeck

2 Kommentare zu „Sonntagskind

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