Pollunder und andere Kuriositäten

Sie zuckelte müde und lustlos durch den Nieselregen und betrachtete wie jeden Morgen den Hund. Er hüpfte umher und tat, als wäre es der schönste Tag seines Lebens. Weder die Nässe noch der Grauschleier, in den die Umgebung sich gehüllt hatte, schienen ihm was auszumachen. Sie hatte dieses Tier schon immer für seine Leichtigkeit bewundert. Trotz kontrastlosem Himmel und halb im Nebel versteckten Bäumen steckte er seine Nase neugierig in taunasse Grasbüschel, schleppte für eine Weile ein Stöckchen mit federndem Gang umher und schwänzelte lebenslustig um ihre Beine. Halb angeekelt vom nassen Fell, halb erfreut über die Nähe, schubste sie ihn liebevoll mit einem bestimmten „Iiiiih!“ von sich. Die Hose würde den Rest des Tages also nicht erleben und stattdessen in der Waschmaschine landen…

Wäsche waschen, aber erst die Runde zu Ende gehen. Versuchen, nicht in den Bach zu rutschen, den Hund füttern, frühstücken, die Kälte gegen Elan tauschen und dann….

Ein ungewöhnliches Geräusch unterbrach den Trott ihrer Gedanken.

„Platsch“

Was war denn das? War sie schon in den Bach gefallen? Sicherheitshalber sah sie bewusst nach. Nein. Der Morgen klebte zwar mit unzähligen Tropfen an ihrer Kleidung und in ihren Haaren, ihre Füße standen jedoch nässegesichert in lila Gummistiefeln sicher entfernt vom Ufer.

Ihr fiel beim Blick nach unten auf, dass sie der einzige Farbkleks in dieser trostlosen Sonnenaufgangssuppe war. Lila geschnürte Gummistiefel mit bunten Metallösen, ein Pullover in Sonnenblumenfeldgelb, dessen Kragen sich schützend an ihren Hals kuschelte und ihre wilden Locken auffing, eine lila Regenjacke und passende Halbfingerhandschuhe in Pastelllila, damit sie zwar gewärmt, aber nicht abgeschirmt von der Natur durch den Spaziergang kam. Einzig ihre Jeans verschwamm mit dem grauen Hintergrund und sog emsig jeden Tropfen der erwachenden Wiese und des Fells ihres vierbeinigen Freundes auf… Sie hatte förmlich darum gebettelt im Regen zu ertrinken. Die Waschmaschine war demnach ihre gerechte Strafe…

Die nasse Nase ihres Hundes stupste sie freundlich und fragend an. Die kalte Berührung riss sie erneut aus ihren Gedanken. Offenbar waren sie heute Morgen nicht allein unterwegs und ihr tierischer Begleiter wartete auf eine Anweisung für passendes Verhalten gegenüber dem Fremden. Er schien ihr genaues Gegenteil zu sein. Ein langer schwarzer Mantel, eine schwarze Mütze und schwarze Stiefel sorgten nicht wirklich für Farbenfreude.

Augenscheinlich war er bemüht, weder den Morgen noch die Natur zu berühren und so schnell es ging unauffällig zu verschwinden. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass es regnete, oder ignorierte die Tatsache gekonnt. In seiner Hand hielt er ein kleines Glas mit Schraubdeckel und Luftlöchern.

Sie wies ihren Hund an, sich ruhig zu verhalten und abzuwarten. Als der Mann außer Sichtweite war, warf sie einen Blick über die Wiese und verfolgte angestrengt die Fußspuren im tropfmüden Gras. Sie führten geradewegs zum Bach und ihr fiel das merkwürdige Geräusch ein. Hatte er etwas los werden wollen? Die beiden sahen nach.

Eine Weile starrten sie unsicher in den kleinen Bach, der sich unermüdlich durch den Nebel schlängelte. Hier und da plätscherte er vor sich hin, gurgelte unverständliche Lieder und verschluckte zischelnd die ein oder andere Note. Sie kannte und schätze seine Melodie. Ihr fiel nichts Ungewöhnliches daran auf. Auch dem Hund wurde das Warten zu langweilig und er schlenderte davon. Sie hockte noch eine Weile lauschend am Wasser, bis sie bemerkte wie unangenehm die Hose nun doch an ihr klebte. Als sie sich zum Gehen verabschiedete und der Bach mit seinen zarten, grünen Pflänzchen zum Abschied winkte, sah sie ihn.

Einen kleinen flinken Fisch. Er schien schneller zu schwimmen als alle anderen im Bach. Aufgeregt flitze er mal mit, mal gegen den Strom, schwamm Zickzack und Kreise und kam nicht zur Ruhe. Ihr dämmerte es. Er gehörte hier nicht hin. Seine Schuppen schillerten nicht, auch sonst wirkte er abgesehen vom rasanten Schwimmstil eher matt. Das ihr bereits bekannte Es-ist-viel-zu-früh-zum-aufstehen-grau zierte auch seinen Körper und anders als ihr Hund schwamm er alles andere als lebensfroh umher. Sie beobachtete ihn noch eine Weile und erkannte den Anlass der matten Färbung. Verzweiflung. Der Fremdling hatte den armen Fisch hier in den kalten Bach gekippt. Ausgesetzt wie einen Tannenbaum nach Weihnachten. Sie sprach eine Weile zu den sich kräuselnden Wellen und der Fisch begann in größeren Kreisen, und ruhigeren Linien zu schwimmen. Sie erzählte ihm vom Wind, den er unter Wasser nicht spürte, vom Tau, den er nie sah und beschrieb so gut sie konnte die Umgebung, in der er nun festsaß. Sie entschuldigte sich für den tristen Eindruck, den alle lieferten und versicherte, dass es durchaus auch lauschige Ecken, fröhliche Blümchen und knallige Farben auf der Wiese gäbe, sowie die Sonne sich durch die Wolkendecke gekämpft hätte. Er müsse nur Geduld haben. Sie berichtete von den anderen Spaziergängern, die regelmäßig am Ufer entlang flanierten, und ihren verschiedenen Absichten hinter dem immer gleichen Weg dieser Menschen. Hunderunde, Anwohner, Gartenpächter, Burnout Kandidaten auf der Suche nach dem Fluss des Lebens und innerem Gleichgewicht. Sie versprach ihm, am Abend noch einmal nach ihm zu sehen, sollte er sich entscheiden für eine Weile hier zu bleiben.

Das verwaschene bunte Mädchen mit den braunen Locken verschwand, nachdem es Uhrzeiten und Schritttempo der nun folgenden Besucher angekündigt hatte. Und sie behielt Recht. In von ihr vorhergesagter Reihenfolge erschienen die Menschen entlang des Ufers und würdigten den Bachlauf keines Blickes. Einer der Pächter pumpte illegal Wasser aus dem sowieso ums Überleben kämpfenden Bächlein und schmälerte das zur Verfügung stehende Wasser, um seinen Salat zu gießen, um eine beträchtliche Menge. Er schwamm ein Stück mit jedem Menschen, der vorbei huschte. Niemand bemerkte seine Anwesenheit. Müde von all der Ignoranz kuschelte er sich in eine Alge und wartete auf den Abend. Sie hatte versprochen zurückzukommen.

Beim Abendessen schmierte sie zwei Brote mehr als üblich. Niemand am Tisch stellte Fragen, überraschender Besuch war keine Seltenheit im Leben ihrer Tochter. Doch heute wollte sie besuchen. Sie hüpfte konzentriert über all die Maulwurfshügel und Mäuselöcher, um nicht der Länge nach im Kleebett zu landen, welches sie schon so oft mit einem vierten Blatt beglückt hatte. An der Stelle von heute Morgen angekommen, krümelte sie vorsichtig eines der beiden Sandwiches ins Wasser und tatsächlich, der bisher fremde kleine Fisch kam und lutschte an den Bröckchen herum.

Als er so vor sich hin mümmelnd still hielt, erkannte sie, dass der Neuzugang bibberte. Er zitterte am ganzen Körper und schien fürchterlich zu frieren. Sie bot an, ihm eine kleine Jacke zu organisieren.
Er nickte eifrig und freute sich über den seltsam salzigen Geschmack im Maul.
„Erdnussbutter“ erklärte sie und verschwand.

Am nächsten Morgen stand sie am Ufer und hatte sämtliche Utensilien eines Schneiders dabei. Sie vermochte nur grob, seine Größe zu schätzen, pflückte mal hier, mal da eine Wasserpflanze und knüpfte halbwegs geschickt etwas zusammen.
Der Hund kam dazu und wedelte.
„Es tut mir leid kleiner Fisch. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man Ärmel für Flossen flechtet. Damit du nicht untergehst hier also ein Pollunder, der dich wärmt“

Voller Freude schlüpfte der Fisch in das Gewand aus Bachkräutern und schwamm vor Dankbarkeit einen Salto. In dieser Nacht fanden beide lächelnd in den Schlaf und auch ihr Hund schnaufte zufrieden. Die Zeit verging, die Wiese wurde sattgrün und saftiger, wilde Blumen sprossen empor und der Bach wärmte sich an den sommerlich anklingenden Tagen. Das gemeinsame Abendessen festigte sich und die Besuche mit Sandwiches waren die strahlendsten Momente für den kleinen Fisch aus weiter Ferne. Auch der Hund wurde über den Frühling zum Freund und schubste vergnügt Zweige in die Strömung, die der Fisch sofort zurück brachte.

Als der Sommer seine heißesten Tage auspackte erlebte das Mädchen eine große Überraschung.

Ob der großen Hitze wärmte sich auch das Wasser im Bach um einige Grad auf und ihr kleiner Freund begann zu schwitzen. Eines Tages kam sie wie immer mit Abendessen im Gepäck zur Biegung des Wassers, als sie ihren Augen kaum traute. Der Fisch hatte den Pollunder abgelegt und entblößte seine neu gewonnene Farbe.

Hätte er sprechen können, hätte er ihr erzählt, wie sehr sie ihn gerettet hatte. Nicht nur mit den Erdnussbutter Sandwiches und dem Pollunder, sondern auch mit ihren Geschichten und ihrer Zuversicht, dass der Sommer kommen würde. Wie recht sie hatte! Der Bach hatte sich in ein lebendiges buntes Zuhause verwandelt und als Zeichen der Verbundenheit wählte er ihre Farben als neues Schuppenkleid.

Seither schwimmt ein kleiner gelber Fisch mit lila Punkten in ihrem Garten umher und ist trotz der Freiheit pünktlich zum wöchentlichen Abendessen anwesend.


MitmachanklickgedönsTM

So. Jetzt wollte wissen, wie der kleine Fisch wirklich aussieht? Kein Problem. Zeichnet, knetet, verkleidet Euch, etc… laut der Beschreibung im Geschichtchen und sendet Eure Version an:

platsch@sadebeck.net

Als Dankeschön bekommt Ihr das Originalabbild des kleinen Platschs digital zurück gesendet 🙂

Viel Spass


© 2020 hollingtonsmum

4 Kommentare zu „Pollunder und andere Kuriositäten

  1. Eine sehr schöne Geschichte 🤗
    Für mich ist es total faszinierend…-> ich ertappe mich immer wieder dabei zu grübeln über das Geschriebene 😅
    Bin erstens erstaunt (das aber schon bei allen Deinen Beiträgen) wie Du um die Ecke denken kannst + Dich dauernd von Deinen eigenen Gedanken ablenken lässt!-> Das kenne ich ja schon vom Kleinkünstler 🙈 und seine Geschwister können‘s auch😬
    Dann zweitens beschäftigt mich: welcher Teil im Text Erinnerung ist, welcher Trau und wo Fantasie alles Vermischt…🤔
    Vllt sollte ich einen Fisch basteln und Dir schicken-> eine echtes DigiFoto bringt evtl etwas Klarheit.
    PS.: Deine „bachverschwommenen“ Selfis sind echt gut gelungen!

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke dir sehr für dein Feedback, auch wenn ich erst heute zum antworten komme. Der Alltag war etwas unalltäglich in letzter Zeit.
      Tatsächlich gibt es viel wahres in der Geschichte, aber wie du korrekt erkannt hast ist nicht alles real.

      Über deine Version des kleinen Freundes würde ich mich freuen.
      Von einem echten Foto als Antwort war aber nie die Rede 😉

      Gefällt 1 Person

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