In der Mitte die Höhe


Muss das sein?

Ja.

Das ist voll anstrengend.

Ja, weil du die ganze Zeit jammerst.

Ich wollte ja auch nicht, dass es so anstrengend wird.

Achso… haste gedacht, du ratterst einfach weiter im Kreis, reibst dich auf, lässt mich nicht schlafen und schämst dich fremd bis an dein Lebensende, weil das halt gewohnter Stress ist und weniger anstrengend?

Ja.

Vergiss es. Wer wochenlang jammert, muss halt auch mit den Konsequenzen leben.

Du nervst.

DU NERVST!

Heul doch…


… 4 Uhr, ich packe den Wirbelschlumpi ins Bad, ziehe im Verschlafen 3 Schichten Klamöttchen über, koche Tee und Suppe, fülle beides in getrennte Thermoskannen (bin stolz darauf, es nicht zusammengekippt zu haben), verfrachte Hund, Kind, Rucksack und mich selbst ins Auto. Ziehe Kind dann eine Schicht Klamöttchen wieder aus, weil die Autoheizung es ernst meint…


Naja, aber so schlimm wars doch eigentlich nicht.

Ach nein?

First World problems.

Nein.


Foto: Hollingtonsmum

Er freut sich total auf den „Auslud“ und erträgt geduldig die endlos scheinende Autofahrt. Die Sonne zeigt sich zaghaft am Horizont, wir haben uns darauf geeinigt, diesmal ausnahmsweise meine Musik zu hören und ich fühle mich so frei wie lange nicht. An der Tanke hole ich Füllung für Tank und Thermobecher. Voll erwachsen. Naja. Es ist Kakao, an dem ich mich verbrenne. Trotzdem zählt der Becher zu „Erwachsenen Dingen“. Wir fahren quietschvergnügt gemeinsam Autobahn. Ich bin erstaunt, wie geduldig dieses Kind ist. Das hat er nicht von mir. Auch Holly liegt tiefenentspannt auf dem Rücksitz, glücklich, dabei sein zu dürfen. 45 min vor Ziel kippeln dem Wirbelsturm die Augen zu.
Yes. Das ist eine perfekte Schläfchenzeit, kürzt die Fahrt für ihn ab und kommt vor dem großen Abenteuer genau richtig. Es wird ein guter Tag, ich fühle es.


Vielleicht kannst du ja einfach öfter mal nichts sagen?

Dann hab ich bald gar nichts mehr zu sagen.

Naja, du sollst ja nicht immer schweigen.

Nur bei den Dingen, die mich stören, ja?

Ja.

Empfiehlst du mir gerade wirklich, die Klappe zu halten, weil dir eine Veränderung zu anstrengend ist?!

Ja?

Hirn, du bist echt zu nichts zu gebrauchen.


Wie sollte es anders sein, verfahre ich mich auf den letzten Metern und rolle auf den verkehrten Parkplatz… erkenne meinen Fehler aber schnell, denn Chronoreport schrieb 7 min vor meiner vermeintlichen Ankunft, sie erwarte mich bereits am Ziel. Mist … schnell die Koordinaten erneut gecheckt, und tatsächlich, 3 min am Ziel vorbei gefahren…
Mit 10 min Verspätung erreichten wir endlich das Tal, das wir heute erkunden wollen, und die strahlende Chronoreport. Sie erkundigt sich nach Fahrt und versichert erstaunt, dass dieser Parkplatz sonst nie leer sei. Dass die Woche über furchtbares Wetter herrschte und sie kaum glauben könne, dass gerade die Sonne zu uns lacht.

Mich erstaunte das alles nicht. Das heute war MEIN Tag. Ich wusste es.

Wir wurschtelten zwischen den Bäumen und ersten Felschen hindurch und dann sahen wir sie:
Die Gebirgszacken und Formen aus Stein in riesiger Höhe. Beeindruckend mit lustigen Namen, die unsere bewanderte Führerin alle benennen konnte. Hund und Kind hüpften fröhlich um die Wette, mein Herz schrie immer lauter: Guck!!!!! So!!!!!


Ach was, das hat doch keine Ahnung.

Wieso?

Immer wenn du auf das olle Ding hörst, heulste am Ende wieder.

Ach ja? Und du gibst bessere Ratschläge?

Jaaaa?!!!!

Es tut mir leid, aber Herz hat diesmal recht.

Pah. Bisschen verbiegen… das wirst du doch wohl schaffen. Es geht dir doch gut hier…


Zum ersten Mal seit Tagen ging es mir wieder gut. Die Luft, die Aussicht, das flitzende Kind und der leichtpfotige Hund ließen mich beschwingt und fröhlich Meter für Meter aus meinem grauen Alltag und tiefer in die Schluchten verschwinden. Chronoreport übertraf sich selbst mit Geschichten von goldenen Kekstrollen, die unsere Sonne aus Versehen erschaffen haben und wir selbst steuerten die Nachtplätzchen dazu, die sich in ihrer zimtigen Schokoladigkeit gegen Abend vor den grossen Haferkeks schieben.  (Wieso schreiben wir eigentlich kein Kinderbuch?!


Weil du unfähig bist und das niemand lesen wollen würde.

Ja, aber Chronoreport kann das doch-

Die schreibt das auch ohne dich, die braucht da keine Hilfe von dir.

Danke Hirn.)


Eine grandiose Szene bot auch das Gesicht des völlig fassungslosen Schlumpis, als einer der Felstrolle plötzlich auf seine Rufe antwortete.


Vlt hast du auch einfach zu hohe Ansprüche.

Findest du?

Naja man kann ja nicht jeden Tag durch nicht vorhandene Schluchten klettern.

Nein. Aber man muss auch nicht nur auf den Abend warten und hoffen, dass der Tag schnell um ist.

Machstes dir halt im Alltag auch schön.

Das geht aber nicht, wenn man im Kreis diskutiert.

Kinkerlitzchen.


Plötzlich hält Chronoreport inne. Zum ersten Mal sehe ich so etwas wie Irritation in ihrem Blick. Ich suche den Grund dafür, finde ihn aber nicht. Es täte ihr Leid, normalerweise sei dieses Tal von Instatouris überrannt und sie hatte nicht gedacht, hier heute tatsächlich mit uns langzulaufen. Sie hatte also nicht bedacht, dass wir eine Leiter klettern mussten. Ihr Blick fiel auf Hollington. Sie hatte wohl geschlussfolgert, hier mit Hund nun festzustecken… aber meine verrückte Herde wäre nicht verrückt, würde der Hund nicht auch Leitern klettern können. Senkrecht die Wand rauf führte uns der Weg und ich war stolz wie Bolle auf meine beiden Chaoten.
Chronoreport lachte, nickte und stellte vergnügt fest, dass ich es ernst meinte, als ich in der Anfrage „wanderfest“ schrieb.

So dermaßen mit der Natur um uns und den Felsen neben uns verbunden bemerkte ich nicht, dass wir Stück für Stück höher wurschtelten. Selbst als wir oben ankamen, war ich so sehr geerdet, dass ich mich ohne mit der Wimper zu zucken zu einem Selfie an den Abgrund gesellte. (Chronoreport wollte ein Selfie mit mir, ich wäre dafür auch über die Klippe gesprungen.)

Selbst ganz erstaunt von dieser Ruhe kam ich am Gipfel an.
Geschafft. In meiner Mitte machte mir die Höhe nichts aus. Ich genoss die Aussicht, das Gefühl, hier selbst hochgekraxelt zu sein und alles, was ich brauchte, in einen Rucksack gesteckt zu haben.
Die beiden anderen Flitzpiepen tollten ausgelassen im alten Burgdings umher und ich hatte vergessen, dass ich Höhenangst habe. Unglaublich.


Naja gut…

Was?

Dann zieh halt aus.

Sag ich ja.

Und weiter?

Keine Ahnung.

Nicht dein Ernst?!

Klappe.

Unglaublich


Text: © 2020 hollingtonsmum
Fotos (bis auf da, wo was anderes dransteht ☝️🤓): © Juliana Socher (Chrononauts Photography)

3 Kommentare zu „In der Mitte die Höhe

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