Nebelbegegnung


Es klingelt.

Sie hebt ihren Blick vom Tisch.
Es klingelt erneut.

Die darauffolgende Stille ist beinahe greifbar.

Ein Klopfen an der Tür.

Sie legt ihren Kopf einige Millimeter schief.

„Hallo?“ ruft eine männliche Stimme von draußen.

„Hallo!“ antwortet sie freundlich, aber unbestimmt.

„Würden Sie bitte die Tür öffnen??“

Ein sehr genervtes Klopfen unterstreicht die Ungeduld in seiner Stimme.

„Warum?“

Sie ist sich WIRKLICH nicht sicher.

„Weil ich, wie postalisch angekündigt, Ihren Wasserstand ablesen muss.“

Schweigen.

Wasser brauchen die Pflanzen auch mal wieder. Ich sollte sie gleich gießen. Die Gießkanne war…

Längeres Schweigen.

Er entschließt sich, erneut zu klopfen.

„Herein!“, antwortet sie überrascht.

„Sie müssen die Tür ÖFFNEN!!!“

Himmelarschundzwirn“, denkt er sich. Für so einen Quatsch hat er an diesem Nachmittag keine Zeit.

Langsam bahnt sie sich ihren Weg durch gestapelte Post, tropfnasse Blumentöpfe und ein paar Backsteine, die sie von ihrem letzten Spaziergang mitgebracht hat. Wofür fällt ihr gerade nicht ein.

Was für ein schöner Flur. Wer hier wohl wohnt?

Das erboste Klopfen reißt sie aus ihren Gedanken.

Was war das?? Erschrocken blickt sie sich um. Vielleicht ist sie nicht allein? Die Angst weicht mehr und mehr ihrer Wut. Wut über die Unfähigkeit sich zu erinnern, sich zu orientieren. Warum nur weiß sie nicht, ob sie gerade allein ist?

„Lassen Sie mich jetzt meine Arbeit machen, oder soll ich gehen?“

Ah, da ist jemand an der Tür. Zielstrebig steuert sie auf die Türklinke zu, entschlossen, diesmal nicht zu versagen.

„Wo ist denn die Wasseruhr?“, fragt er mürrisch beim Eintreten…

Etwas unwohl wird ihm bei dem Anblick der seltsam gestalteten Diele. Nichts liegt an Orten, die dafür vorgesehen sind. Eine Zahnbürste hängt am Schlüsselbrett, statt Schuhen liegen Steine verschiedener Größen im Schuhschrank. Ein hellgelber Bademantel hängt in der Garderobe. Wie kann man so chaotisch leben?

Die Stille, in der er sich umsieht, wird ihr unangenehm.

„Möchtest Du Kuchen?“ Mit großen Augen blickt sie den Fremden im Blaumann an.

„Ehm… nein, ich möchte viel lieber die Zähler ablesen. Wo ist denn Ihr Bad?“

Langsam dämmert ihm, dass er es hier mit keiner normalen Omavonnebenan zu tun hat. Seine Uhr vibriert, er hätte bereits jetzt zum nächsten Haushalt gemusst. So würde das wohl nichts werden.

„Wo ist denn Ihre Toilette?“, wiederholt er seine Frage mit anderem Wortlaut.

Sie nestelt mit ihren Fingern aufgeregt an ihrem lila Überjäckchen.

Das sollte ich sicher wissen? Er schaut als müsste ich die Antwort kennen.

Sie wird traurig ob ihrer Unwissenheit. Sie kann es nicht. Sie kann sich nicht erinnern, wo ihr Bad ist.

„Ich wohne hier nicht.“, erklärt sie sich selbst und dem Mann, um ihre Unfähigkeit, den Weg zu beschreiben, zu rechtfertigen.

„Es gibt hier kein Bad.“, schießt sie vorsichtshalber hinterher.

 Ungläubig legt er seine Stirn in Falten.

„Oh oookay?! Darf ich mich mal umsehen?“, fragt er.

Mit einem Schritt zur Seite gibt sie den Blick in die Wohnung frei. Er öffnet behutsam zwei Türen, bis er das Bad vor sich hat.

Ausgeblichene Klebezettel „nicht öffnen“ am Fenstergriff, „Vorsicht heiß“ am Föhn, und viele mehr solcher Erinnerungsbrücken, vorsortierte Wäschepakete mit den jeweiligen Wochentagen beschriftet, diverse Tablettendöschen, aber auch Bücher in der Badewanne… all das leuchtet dem Monteur mehr oder weniger ein. Eines jedoch versteht er beim besten Willen nicht…

„Warum haben Sie den Spiegel über Ihrem Waschbecken verhangen?“

Panisch blickt sie sich um.

„Da wohnt eine alte Frau“, erklärt sie.

„In Ihrem Spiegel??“ Verwirrt muss er kurz darüber nachdenken.

Sein Telefon klingelt. Ein blechernes CherryCherryLady ertönt im Bad. Sie beginnt zur Melodie zu schunkeln,

 während er das Gespräch annimmt.

„Ja. Jaja, ich weiß. Nein, ich schaffe die Route heute nicht. Es ist etwas dazwischengekommen.
… Ja, hänge ich hinten dran. Ja. Ok.“

„Jakob mag Musik sehr. Und was können wir tanzen!“, erzählt sie gerade dem Duschkopf, als er sie mit Telefon am Ohr aus den Augenwinkeln beobachtet.

„Wenn er gleich vom Einkauf zurückkommt, schwingen wir mal wieder ein flottes Bein.“ Sie kichert vergnügt.

Er legt auf und bereut keine Sekunde, die anderen Termine vernachlässigt zu haben.

„Möchtest Du Kuchen?“ Fragt sie erneut. Er nickt diesmal.

Wie er am Tisch der vergesslichen Dame sitzt, lächelt er zum ersten Mal seit Tagen wieder. Mal belustigt ihn der neue Name, den sie ihm verpasst, mal die Kleinigkeiten, die ihr aus ihrem Leben plötzlich einfallen. Er beobachtet, wie sie auf dem Weg zum Wasserkocher vergisst, dass sie Kaffee kochen wollte und stattdessen ein Weilchen in sich gekehrt vor sich hinstarrt. Die Küche riecht nach Zimt und Rosmarin. Eine grausige Mischung in seiner Nase. Dennoch schmeckt der tiefgefrorene Käsekuchen, den sie serviert. Etwas sperrig liegt der Klumpen unaufgetautes Gebäck in seinem Mund, ähnlich wie die Konversation, die durch fehlende Handlungsstränge nicht in Gang kommt. Immer wieder bricht sie mitten im Satz die Antworten ab. Und sie möchte oft frühstücken.

Er hilft ihr beim Frühstück um 14.30 Uhr und auch eine Stunde später um 15.30 Uhr deckt er, ohne zu murren, die Marmelade zur Butter auf den Tisch. So oft hat er noch nie an einem Tag gefrühstückt. Sie freut sich zu wissen, dass man am Morgen Marmelade isst und genießt ihren Triumph über die Hilflosigkeit.

„Und Jakob ist einkaufen?“ Verwundert nimmt er zur Kenntnis, dass seit dieser Aussage bereits 3 Stunden vergangen sind.

„Ja“, versichert sie beinah bockig.

Sein Plan zu warten, bis Jakob zurückkommt, löst sich Sekunde für Sekunde in Luft auf. Nachdem er den Nachmittag damit verbracht hat, der Frau beim Vergessen zuzusehen, ärgert er sich ein bisschen über sich selbst. Er hätte wissen sollen, dass es keine Garantie für einen einkaufenden Jakob gibt. Dennoch bringt er es nicht übers Herz, die Frau unbeaufsichtigt ihrer Welt zu überlassen.

Seine Gegenwart schien die Einsamkeit der Frau nicht zu lindern, im Gegenteil. Sie vergisst zwischen den Gesprächsfetzen, dass sie sich in Gesellschaft befindet und erschrickt, wenn sie aufsieht. Oder er kann beobachten, wie sie fieberhaft ihr Hirn nach möglichen Gründen für den Mann am Tisch gegenüber durchsucht. Gefangen in einer Welt ohne Uhrzeit, ohne Logik oder intakte Erinnerungen, schluckt sie ab und zu verunsichert. Sollte ich den kennen? Er kocht ihnen eine Kanne Fencheltee und stellt sie zwischen sich auf den Tisch.

Plötzlich dreht sich ein Schlüssel in der Tür.

„Hallo Mama, ich bin zurück. Der Arzt hatte wieder unmögliche Wartezeiten aber…“

Ihre Tochter erschrickt bei seinem Anblick, um sich dann ausgiebig zu entschuldigen. Sie habe vergessen, dass der Termin heute sei. Schön, dass er dennoch die Zähler abgelesen habe.

Gelangweilt bläst die verstaubte Heizung Trübsal in die Luft. Mit aller Kraft zerrt die alte Frau an verblichenen Erinnerungen und kippt Fencheltee neben ihre Tasse. Während andere Menschen ihres Alters eigene Momente und Personen wie Wolken am Himmel beobachten, hängen ihre Lebensmomente fest am Boden verhakt, weigern sich zu fliegen. Statt fröhliche Wattewölkchen nur Nebelbegegnungen. Emotionen, die sich im Dunst verstecken, nichts als Schwaden. Unsicherheit, Fehler zu begehen, die ihr selbst nicht mehr auffallen. Andere zu verletzen mit Nichtgewusstem. Verloren in den Lücken ihrer Sinne.

Meine Tochter hat sicher einen schönen Namen. Welcher es wohl ist… fragt sie sich, beinahe beiläufig, um im nächsten Moment den Gedanken vergessen zu haben.

„Und Mutter, hast Du Dich gut unterhalten?“

„Mit wem?“

„Na, mit dem Mann vom Wasserwerk.“

„Hier war kein Mann. Aber die Blumen, die brauchen Wasser.“

„Nein Mutter, die Blumen haben wir erst vorhin gegossen. Aber Besuch, den hattest Du.“

„Nein. Hier war nur Nebel“

„In der Küche?“

„In meinem Kopf.“

„Ich geh dann mal“, flüstert er vorsichtig. „Grüßen Sie Jakob.“

Der Blick der jungen Frau wird traurig.

„Oh, das wird nicht möglich sein. Mein Vater ist vor 2 Jahren gestorben.“

Verdammt, diese Möglichkeit hatte er nicht in Betracht gezogen.

„Das tut mir sehr leid, ich dachte… Ihre Mutter…“

„Ist er wieder einkaufen?“, unterbricht sie ihn mit einem erschöpften Lächeln.

„Ja…“

Er denkt kurz nach.

„Wie schaffen Sie das?“

„Sie ist meine Mutter.“

Draußen nimmt er sein Telefon und wählt hastig.

„Hallo Mama, ich musste gerade an Dich denken… Nein, wirklich nur mal so! Wie geht es Dir?“


© 2021 hollingtonsmum

Eine Antwort zu “Nebelbegegnung”

  1. Ich kann mich schwer zwischen Traurigkeit weil und leichtem Amüsement trotz entscheiden. Doch eins ist, nein zwei sind ganz klar beim Lesen zu spüren: Wärme und Liebe!

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