Ein Samenkorn im Regen


previously on „Das Chancenlos™“

… dieses Chancenlos™ (…) hat allerdings einen Haken: Es ist unzuverlässig. Meeega unzuverlässig. Die Chancen werden nämlich nicht nach einem nachvollziehbaren Muster oder Rhythmus verteilt (von „gerecht“ ganz zu schweigen), sondern totally random. (…) Da passiert jahrelang nichts, und dann, so ohne jede Ahnung oder Vorwarnung, bekommt man (…) einen Medizinball an den Kopf geworfen und soll im Bruchteil einer Millisekunde die richtige Entscheidung treffen. Er ist schon damit überfordert, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, und dann soll es auch noch „die richtige“ sein!
Fangen / Ducken / Gehirnerschütterung – was für grandiose Optionen!

and now … the conclusion!


So etwa eine Stunde musste er noch ausharren, bis der Lärm der letzten Neujahrsböller verhallte, dann konnte er endlich schlafen. Als er nach wieder mal zu wenig Schlaf dennoch erstaunlich ausgeruht erwachte, fühlte er das erste Mal seit Jahren so etwas wie … Balance. Alles schien im Gleichgewicht und auch wenn sie natürlich nicht wie durch Wunderhand hinweggewischt worden waren, seine Sorgen wogen gerade nicht so schwer, dass sie ihn zu erdrücken drohten. Plötzlich fiel ihm dieser Medizinball in fünf Zentimeter Abstand vor seiner Nase ein.

Und es war gut. Die Panikattacke blieb aus. Ja, es waren nun nur noch fünf Tage, bis er eine Antwort bekäme.

Fangen / Ducken / Gehirnerschütterung

Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass sich sein Chancenlos™ einen weiteren Aufschub leistete. Doch das würde ihn nicht aus der Bahn werfen. Geduld scheint eine der Eigenschaften zu sein, die er im Laufe der Jahre hat trainieren können. Er würde einfach … warten. Zugegeben, es besteht bei einem Chancenlos™ immer auch die Möglichkeit, dass es sich bei besonders lang andauernder Chancenlosziehung™ nicht in Wohlgefallen, sondern einfach in Nichts auflöst. Der Gedanke daran machte ihn durchaus traurig, aber er hatte keine Angst vor seiner Traurigkeit. Sie durfte sein und das nahm ihr den Schrecken.

Völlig frei von Zweifeln war er natürlich trotzdem nicht. Würde er seine Stärke im Moment der Entscheidung behalten? Bliebe seine Stimme fest, sein Blick offen, seine Haltung aufrecht? Hätte er die Kraft … nein, das ist nicht der richtige Ausdruck… hätte er den Mut, den Pfeil zu werfen und dem in diesem Moment wieder auf ihn zurasenden, nur noch fünf Zentimeter entfernten Medizinball nicht ausweichen zu wollen? Er wusste, nein… fühlte, wenn er sich duckte, würde er den Wurf versemmeln, seinen einzigen Versuch, und der Pfeil verfehlte sein Ziel mit Sicherheit.

Die Zeit hatte wohl beschlossen, das Warten etwas spannender zu machen, denn diese fünf Tage dehnten sich und zogen sich wieder zusammen, völlig ohne erkennbaren Rhythmus oder gar Grund. Möglicherweise bildete er sich das auch nur ein, er weiß es nicht mehr genau.

Als dann dieser unzählbare Countdown plötzlich und endlich zugleich abgelaufen war, dehnte sich die Zeit noch einmal ins Unendliche. Er hielt den Pfeil in der Hand, den Blick verdeckt und natürlich waren auch sie plötzlich da, seine Ängste und tropften auf ihn herab wie Regentropfen in Slow Motion.

„Schnell, nimm einen Schirm! Du hast keinen? Dann stell Dich irgendwo unter! Lauf weg, so schnell es geht! Du wirst doch sonst klatschnass!“, riefen ihm Erinnerung und Fluchtinstinkt, der Wunsch nach Unversehrtheit, ja, auch seine Feigheit zu. Anstatt jedoch, wie in unzähligen Momenten dieser oder auch nur ähnlicher Art, alle Muskeln, sein ganzes Sein und Nichtsein an- und damit zu verspannen, ließ er den Regen einfach zu. Es war ok, dass es regnete. Seine Ängste durften sein. Sie störten nicht, sie waren kein Grund mehr, zu fliehen.

Sie kam um die Ecke, beinahe zögerte er noch einmal, doch dann war er in der Luft, der Pfeil. Ein Blinzeln, ein einzelner Herzschlag, und er hielt ein Samenkorn in seiner Hand, das eben noch ein großer, schwerer Medizinball gewesen sein könnte.

„Hi…“, sagte er. „Ich wollte Dir etwas sagen.“

Und sie blieb stehen. Und sie hörte zu.


Alle Personen, Handlungen und Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind unbeabsichtigt und rein zufällig. Keine Tiere kamen im Zusammenhang mit der Produktion dieser Blockpost™ zu Schaden. Der Kaffee ist kalt. Die Jalousien sind unten.


© 2022 albert sadebeck

2 Antworten zu “Ein Samenkorn im Regen”

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