Das Chancenlos™


Alles auf einmal – das ist der Modus, in dem bei ihm häufiger als wirklich nötig Denkprozesse ablaufen. Oder wie nennt man das, wenn man dieses Drücken und Ziehen und Pumpen in der Herzgegend zu erklären sucht, das sich mit einer alles verschlingen wollenden Slo-Mo-Implosion in der Magengegend gepaart hat?

„Cry your heart out, it’ll clean your face“, säuselt ihm Adele in die Ohren.

“When you’re in doubt, go at your own pace”

Er hat keine Zeit für doubts und irgendeine Art von pace, die sich slow anfühlt oder ist oder scheint oder gar nicht existiert. Denn er hat das große Chancenlos™ gezogen. Und was ist es? Was?! Es ist eine Niete, na klar! Er ist chancenlos mit seinem Chancenlos™. Schade eigentlich. Aber so ist das eben mit Lotterien, entweder gewinnst du oder… nicht. Lose kennen kein „vielleicht“, auch wenn Chancenlose™ so tun als ob.

Alle haben wohl so ein Chancenlos™, welches sie mit ihrer Geburt ausgehändigt bekommen. Für manche ist es bestimmt auch cool, wirft es ihnen doch immer wieder Gelegenheiten, nein, Chancen (!) zu, die ihr Leben angenehmer machen (können). Beim Einkauf-mit-10-EUR-für-die-nächsten-7-Tage einen Zwanni finden zum Beispiel, oder ganz unverhofft den*die Traumpartner*in kennenlernen…
Die Sache, also dieses Chancenlos™, hat allerdings einen Haken: Es ist unzuverlässig. Meeega unzuverlässig. Die Chancen werden nämlich nicht nach einem nachvollziehbaren Muster oder Rhythmus verteilt (von „gerecht“ ganz zu schweigen), sondern totally random. Es ist die pure Willkür. Da passiert jahrelang nichts, und dann, so ohne jede Ahnung oder Vorwarnung, bekommt man so ein kleines Zettelchen zugest- … ne.
Man bekommt einen Medizinball an den Kopf geworfen und soll im Bruchteil einer Millisekunde die richtige Entscheidung treffen. Er ist schon damit überfordert, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, und dann soll es auch noch „die richtige“ sein!
Fangen / Ducken / Gehirnerschütterung – was für grandiose Optionen!

Noch krasser an Chancenlosen™ ist das Timing, womit nicht der Zeitpunkt der … nennen wir es „Ziehung“ gemeint ist, sondern… die Gültigkeitsdauer. Manche Chancenlose™ gelten nur einen Augenblick, was die Entscheidungsfindung Fangen / Ducken / Gehirnerschütterung auf das absolut notwendige Minimum reduziert. Oder einem einfach die Entscheidung abnimmt, je nach dem. Andere Chancenlose™ wiederum haben eine absurd lange Gültigkeitsdauer, was sie deswegen aber nicht leichter zu handhaben machen muss. Denn der eigentliche Moment der Entscheidung bleibt genau das: ein Moment.


Sein Chancenlos™ gilt noch knapp zwei Wochen. Zwölf Tage, um genau zu sein. Doch woher weiß er, dass es eine Niete ist?
„Schonmal probiert, einen Medizinball zu fangen, der fünf Zentimeter vor Deiner Nase auftaucht?“, fragte er in die Leere, völlig ahnungslos, dass ihm ein allwissender Erzähler zuhört. Das Leben, das Schicksal, die Vorsehung oder, was er für viel plausibler hält, der Zufall, dieser kleine Schlawiner, hat ihm also eine Chancenlosziehung™ vor die Nase gesetzt, mit der er schlicht nicht umzugehen weiß. Ja, eine Ziehung im klassischen Sinne, da würde er… ne. Da würde er auch nicht bestehen, aus dem Alter ist er raus. Er ist in einem Alter, in dem man einem Medizinball höchstens dann ausweichen könnte, wenn der*die Werfer*in den Wurf zuvor unmissverständlich ankündigte.
„Ja, ja. Aber was steht denn nun auf seinem Chancenlos™?“, meint der allwissende Erzähler seine allmählich ungeduldig werdende Leser*innenschaft fragen zu hören?

KENN‘N-LERN‘N?!

„Okaaay… was kennenlernen?“

„…“

Wen kennenlernen?!“

„Hm?“

„Hm?!“


Passiert in eben unregelmäßigen Abständen (und nie, wenn er darauf vorbereitet wäre!), dass er mal jemanden trifft, den er interessant findet. Und mit „jemanden“ meint er „sie“ und in diesem Bruchteil dieses kleinstmöglichen Moments fliegt ihm die Sicherung um die metaphorischen Ohren, die normalerweise verhindert, dass er alles auf einmal denkt.
Es ist nicht gut, wenn er alles auf einmal denkt.
Es verbraucht zu viel Energie, wenn er alles auf einmal denkt.
Es ist völlig unnütz, alles auf einmal zu denken. Denn höchstens ein Teil eines Teils hypothetischer Szenarienentwurfsvorschlagsthesenversuche materialisiert sich auch nur als bloße Ahnung dessen was tatsächlich passiert gehabt haben worden hätte wollen. Oder doch „passiert gehabt haben hätte werden sollen“?

Was ist da nur passiert?

Nun, die Umstände, unter denen sie sich… hm, „trafen“ wäre übertrieben. „Begegneten“? Ja, „begegneten“ beschreibt es am besten. Diese Umstände waren nun also nicht dergestalt, dass Ort und Anlass der Begegnung zum direkten Kennenlernen gedacht seien. Ein typischer Zufall eben. Nur mit Termin. Also ganz anders eigentlich. Weil geplant. Aber ohne es gewusst zu haben. Egal.

Sie hatte gar nicht viel zu erzählen und er war auch nicht der Adressat des Gesagten. Aber ihre sparsam und wohlbedacht gesetzten Worte waren nicht nur klug, sondern auch von einer Klangfarbe, die…
Er ist sehr empfänglich für Sprache und den Klang der Stimme. Erregten die von ihr gewählten Worte seine Aufmerksamkeit und auch seine bewundernde Zustimmung, so empfand er die Wärme und Klarheit ihrer Stimme beinahe schon bezau-

„KENN‘N-LERN‘N?!“

… klatschte ihm unvermittelt irgendwer oder irgendwas, vermutlich einfach nur „das Leben“, dieses Chancenlos™ ins Gesicht. Schön ‘ne Backpfeife links, ‘ne Backpfeife rechts und…

Nööö… das war’s erstmal. Zwei Backpfeifen reichen ja auch für den Anfang.
Dachte er. Und irrte gewaltig, denn es gab noch eine dritte, und zwar in Form von Regeln:

1 Ort
1 Sekunde
1 Versuch

Und weil „drei“ eben nicht „aller guten Dinge“ sind, klebte die Terminplanung noch eine willkürliche Wartezeit von zwei Wochen (jetzt noch zwölf Tage) dran.

Er hatte sofort Fragen.

1) Warum?
2) Was?
3) Was?!
4) Aber… aber… wiesooo?!

Wie gut, dass er so ein selbstreflektierender Mensch ist. Blöd natürlich, dass er sich nicht als homogenes Ganzes sehen kann. So kommt bei all seiner Selbstreflektion eine aus tausenden und abertausenden Mosaiksteinchen bestehende Mehrfachreflexion heraus. Macht die Sache nicht unbedingt übersichtlicher. Allerdings erkannte er, geübt wie er ist, recht zügig „weil sie interessant ist“ als Antwort auf, vermutlich, die Frage nach dem „Was?“. Oder war es doch „Warum?“ oder gar „Was?!“, hm…
Jedenfalls, er wurde sofort von noch mehr Fragen gelöchert.

„Warum findest Du sie interessant? Du findest sie gut, oder? Findest Du sie schön? Willst Du was von ihr? Du willst sie heiraten und fünf Kinder?! WTF?!“

„Was zur Hölle…?“, dachte er, als versuchte einzuordnen, ob das wirklich seine Fragen waren oder er in vorrauseilendem und wohltrainiertem Selbstverteidigung-ohne-Angriff-Modus die von noch niemandem geäußerten Zweifel an der Ehrhaftigkeit seiner Motive zu entkräften suchte.

„Nicht daaa, Du Trottel! Das ist schließlich kein Speed-Dating-Abend! Einen anderen Ort gibt’s aber nicht. Sorry-not-sorry ¯\_()_/¯, heul‘ nicht, mehr als ‘ne Sekunde brauchste eh nich‘, um Dich bis aufs Hemd zu blamieren. Dafür brauchste also weder mehr Zeit noch mehr Gelegenheiten, savvy?“

Die nächste Gedankenwelle war nicht gerade ermutigend oder auch nur ansatzweise hilfreich bei dem Versuch, nun endlich herauszufinden, was da eigentlich mit ihm los war.

KENN‘N-LERN‘N?!

Auf gewisse Weise war ihm natürlich klar, dass er die ersten Symptome eines Crush zeigte. Oder es war einfach Neugier.

Was aber, wenn es doch ein Crush sein sollte? So ein Crush kann einen echt fertigmachen. Hence the name… Nun, noch kannte er sie zum Glück / leider / nicht überraschenderweise … nicht.

Ein Name schoss ihm durch den Kopf. Nicht ihrer, nein. Stattdessen:

„Adelinde!“

Wie gesagt, das war nicht ihr richtiger Name. Aber er dachte an „Adelinde“ und irgendwas mit „Rotwein zum Frühstück“ und auch wenn sie ganz anders hieß, „Vielleicht ist das Adeline?“, formte sich unvermittelt diese Frage in den Untiefen seiner Gedankenexplosion.

was macht sie froh / was macht sie traurig / mag sie regen / trinkt sie rotwein / isst sie eis / liebt sie tauben / hasst sie laubbläser / ah, sie hat ‘ne tochter / mütter sind die coolsten / können krasse sachen / oder mag sie lieber rum / wie steht sie zur frage der umverteilung von vermögen zum schutz von klima und zur herstellung von sozialem frieden

Gedankenexplosion (Auszug)

Sehr gut, noch knapp zwei Wochen (inzwischen nur noch elf Tage), dann wird ihn dieses Schwarze Loch an hypothetischen Gef- … realen Gedankenfetzen auf der anderen Seite ausspucken und dann darf er sich endlich entscheiden:

KENN‘N-LERN‘N?!

– Oder soll man es lassen?

Spricht er sie an oder… nicht?

Fangen / Ducken / Gehirnerschütterung

Wobei, der Vergleich mit dem Medizinball ist ein wenig unvollständig. Darts! Genau, es ist ein bisschen wie bei Darts. Er hat jetzt also knapp zwei Wochen (elf Tage), bis er ohne vorheriges Training einen Wurf auf die Dartscheibe hat und das Bulls-Eye treffen muss. Während ihm jemand einen Medizinball zugeworfen hat, der nur noch fünf Zentimeter von seiner Nase entfernt ist.

Er kann nur verlieren, das ist ihm klar. Schon allein deswegen, weil man mit einem Medizinball direkt vor der Nase die Dartscheibe nicht einmal unscharf sehen kann. Blind soll er also werfen. Toll. Genau diese Art von Herausforderung, die er so liebt. Dann fällt ihm ein, dass Schwarze Löcher nichts „auf der anderen Seite“ ausspucken. Sie haben keine „andere Seite“.

Cry your heart out, it’ll clean your face

Seine Handlungsoptionen scheinen… begrenzt. Was, wenn er einfach gar nichts macht?
Außer abwarten.

When you’re in doubt, go at your own-

Bum.

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(Gehirnerschütterung)


Alle Personen, Handlungen und Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind unbeabsichtigt und rein zufällig. Keine Tiere kamen im Zusammenhang mit der Produktion dieser Blockpost™ zu Schaden. Der Kaffee ist kalt. Die Jalousien sind unten.


© 2021 albert sadebeck

2 Kommentare zu „Das Chancenlos™

  1. Ich bin ja der Meinung:
    Er sollte sich über den Inhalt des Chancenloses keine Gedanken machen….!… Manchmal im Leben ist das Wichtige daran einfach die Chance ☺️🍀 Und in so einem Moment fängt (zB) Adeline den Ball schon vorher um auch ihre Chancen zu wahren….😊

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