Selbst(-mit-Leid-)Läufer

„Er läuft ja jetzt immer.“

Sagte man mir nach, als ich vor ein paar Jahren zwei- oder dreimal Laufen war. Damals wusste ich nicht, warum ich das tat.
Seit letztem Frühsommer laufe ich tatsächlich einigermaßen regelmäßig. Die Frage nach dem Warum würde ich gerne so beantworten: „Ich will nackt gut aussehen!“, und aufmerksame Leser*innen der BlockpostTM denken sich vielleicht „Da musst Du aber noch sehr oft und sehr weit laufen, ha- ha!“, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. „Ich will nackt gut aussehen.“ ist aber eben auch die Antwort von Lester Burnham auf die Frage nach seiner Motivation, Laufen zu gehen (auch wieder so eine weirde Ausdrucksweise, „Laufen“ zu „gehen“) in meinem Lieblingsfilm, den ich „dank“ meines früheren Lieblingsschauspielers leider nicht mehr anschauen kann, ohne mich angewidert zu fühlen.

Was ist also der Grund? Bin ich doch unter dem allgegenwärtigen Selbstoptimierungsdruck eingeknickt? Möchte ich meiner Waschmaschine (die jetzt einen Namen* hat!) regelmäßige Arbeit mit Sportsachen verschaffen? Haben mich Bonusprogramme der Krankenkasse dazu animiert? Trainiere ich für die kommenden lokalen Sportereignisse oder bereite ich mich auf die nahende Zombieapokalypse vor?

Letztgenanntes kommt der Wahrheit wohl am nächsten und scheint mir auch der sinnvollste Zweck  zu sein. Wir alle wissen ja aus Filmen, dass Zombies nicht schnell aber ausdauernd sind. Was nützt es also, mit Highspeed davonzurennen, aber nach zwei-, dreihundert Metern schlapp zu machen? Da lob ich mir Leidensqualitäten auf Langstrecken.
Hilft auch in anderen Bereichen des Lebens,

zum Beispiel

bei

Gef-



Weshalb laufe ich dann?

Depressionen. So. Da. Ich hab’s zugegeben, ich hab Depressionen. Das heißt nicht, dass ich dauernd als Trauerkloß durch die Gegend schleiche oder mich von jeder Brücke stürzen will.
Ganz im Gegenteil, denn ich mag Brücken nur so mittel. Höhenangst und so. Ist auch ‘ne richtig coole Angst, wenn man als Techniker auf Leitern klettern muss.
Was halt richtig dumm ist, ist die in Depri-Episoden nur noch marginal verfügbare Fähigkeit zu sozialer Interaktion. „Welche Fähigkeit, ha-ha?!“, fragen sich einige und oh Wunder, zurzeit ist sowas tatsächlich auch im Bereich meines nur begrenzt appaturenTM Skillsets vorhanden.

Gestern zum Beispiel habe ich den besonders dummen Menschen nicht aus der Vorstellung im Theater geworfen, obwohl er es ob seiner lauten und habe ich schon „dumm“ erwähnt Kommentare nicht anders verdient gehabt hätte. Seeehr sozial von mir! Oder es lag daran, dass der Typ sich derart geschickt an der Grenze benahm, dass ein Rauswurf nur bedingt zu rechtfertigen gewesen wäre…

Was das alles mit Laufen zu tun hat? Relativ viel, denn ein Teil des Depri-Problems ist, dass sich das in Overdrive mit Deepem Shit befasste Hirn auf seiner Mission, mein Selbst in den völligen Wahnsinn zu treiben, nicht durch mentale Tricks allein aus seinem IchMachDichFertigDuBistScheisse-Modus bringen lässt.
Ja, ich könnte meine Selbstzweifel und überflüssige Hirnzellen mit Alkohol wegsaufen, wie jeder normale Mensch. Bin aber nicht normal, denn am Ende säuft man sich nicht nur die falschen Hirnzellen aus der Birne, sondern auch noch die richtigen Leute aus seinem Leben.

Ausgerechnet der Wirt (!) meines Vertrauens brachte mich dazu, es nochmal mit Laufen als Teil des Umgangs mit meiner Matschbirne zu versuchen. Ok, er ist nicht der Wirt meines Vertrauens, er ist ein Top Freund, der zufällig auch Wirt ist. Das sollte hier unbedingt erwähnt sein.

Ich dachte nur „So wie bisher geht’s nicht weiter, also muss ich was ändern.“, und Sport ist eine Veränderung, den hatte ich nämlich vor 20 Jahren zuletzt regelmäßig.
Und siehe da, während des Laufens hat das Hirn einfach (fast) keine Kapazitäten für selbstzerstörerisches Verhalten, es ist mit anderen Dingen beschäftigt als Schmerz. Ok, es ist mit Schmerz beschäftigt, nur ist dieser Schmerz halt physischer Natur.

Was das Laufen für mich noch bringt: Ich lerne Stück für Stück, Schmerz (wieder) auszuhalten, ihn zu überwinden und, ganz wichtig, ihn nicht definieren zu lassen, wer oder wie ich bin.

Es wäre aber auch zu schön, wenn das immer so funktionierte. Macht es aber nicht, denn manch ein Schmerz sitzt zu tief, manche Wunde wird immer wieder aufgerissen und nicht alles lässt sich auf 10, 11 oder gar 12 Kilometern heilen oder auch nur bandagieren.

Immerhin habe ich mittlerweile eine Vorstellung, woher all diese Wunden kommen. Doch dazu später vielleicht mehr. Für heute bin ich gleichermaßen verstört und froh.
Verstört, weil ich wohl etwas mehr preisgegeben habe, als man vermutlich sollte. Aber ok, das Bildmaterial in diverser BlockpostTM gibt auch mehr preis, als Mann vielleicht sollte.

Froh bin ich aber darüber, dass ich inzwischen, nicht zuletzt dank des Laufens, tatsächlich…
…nackt (etwas) besser aussehe.

Zwinkersmiley


© 2020 albert sadebeck

Ein Kommentar zu „Selbst(-mit-Leid-)Läufer

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