fünfundzwanzig

Wir sitzen im silbernen Passat. Die Sonderausgabe mit Blue Emotion. (Die Anzeige des Tachos leuchtet in hellem Blau. Die Werbung verspricht damals, blau mache glücklich, sie hatte recht.) Wir fuhren wortlos, aber nicht unangenehm schweigend. Einem Paralleluniversum gleich schirmte der Wagen mich von der Außenwelt und ihrer Realität ab. Ein Paralleluniversum, das nach Vanilleduftbäumchen und Autoamatur duftet.

Ich hatte mich wie immer auf dem Beifahrersitz eingekuschelt und keine Erwartungen an unser Ziel. Hauptsache wir fuhren. Ab und zu kicherten wir über die Namen der Ortschaften. Poppenhausen stand immer hoch im Kurs. Seinen Humor mochte ich sehr. Nicht unbedingt die Inhalte, aber die Art und Weise wie er verschmitzt lächelte, sein Gesicht zu leuchten begann und sich über banale Dinge freute. Dass er lächelte zählte eher zu den seltenen Momenten.

Er mag eher die Berge. Das Meer ist ihm zu voll, zu sandig, zu unordentlich. Auch auf Tiere kann er in seinem Alltag gern verzichten. Sie fusseln und schnuppern an ihm rum. Er ist von breiter, trainierter Statur und stemmt, wenn es sein muss, mal eben Bauteile für unser Haus oder aber unseren Alltag. Er besitzt ein Etikettiergerät und hat es etikettiert.

Als Kind durfte ich in den Sommerferien Inliner in seiner Betriebshalle fahren. Diese Erinnerung ist mein Inbegriff von Sorglosigkeit. Sorglosigkeit auf 8 Rollen, abgesichert von diversen Schützern an Knie und Handgelenk und seinem wachsamen Blick. Über 20 Jahre arbeitete er dort, um die Familie zu ernähren, um die Dinge am Laufen zu halten. Über 20 Jahre Pendeln, über 20 Jahre Wochenendswillkommens und Montagsabschiede. Die Beständigkeit zierte sein starkes Kreuz und umgab ihn wie die stete Mischung aus Zuversicht und Sorge.
Als es die Möglichkeit gab, überraschte er mich mit Spontanität, die seinesgleichen sucht. Kündigung. Umzug quer durchs Land. So richtig. Von Süd nach Nord. Gemeinsames Arbeiten, gemeinsame Spaziergänge am Strand in der Mittagspause. Gemeinsamer Ausflug in die Therme. Vor allem aber ein gemeinsames nach Hause gehen. Umzug zurück in die Heimat, die er bis dahin immer nur als Reisender besuchte.


Wir laufen über einen Feldweg und schnattern. Ununterbrochen quillen die Wörter aus ihr. Sie tanzen zwischen uns, bevor sie sich auf den langen Weg zur Erinnerungszentrale machen. Die Natur beginnt Kraft für den Sommer zu sammeln und schickt erste grüne Anzeichen, dass es nun bald wieder voller Energie in die langen Tage geht. Frühling umgibt uns. Und die Geschichte, die kein Ende, dafür 25 Zwischenebenen kennt. Ich kann sie mir merken, kenne ihren Erzählstil und freue mich über all die Details, die sie in dieses eigentlich unaufgeregte Ereignis einbaut. Ihre Augen glühen und ihre Zunge tanzt einen Quickstep. Unterbrochen wird sie von sich selbst. Wie so oft musst sie plötzlich pullern. Es ist eigentlich kein echter Spaziergang, wenn sie nicht wenigstens einmal zwischendurch pullern war.

Sie liebt das Meer. Die Wärme der südlichen Strände ist ihr eigentliches Habitat. Es kann gar nicht lässig genug zugehen. Einen frischen Ananasshake in der Hand, eine Hängematte im Schatten zweier Palmen und sie ist der glücklichste Mensch auf Erden. Sie liebt Tiere. Die ein oder andere Nahtoderfahrung haben wir in ihrem Auto dank fremder Pferde, die wichtiger waren als der Blick auf die Straße nur knapp überlebt.

Sie hasst Autofahren. Es stresst sie ohne Ende zu lenken, zu schalten, zu blinken und rechts vor links zu beachten. In diesem Paralleluniversum klammere ich mich ängstlich an den Türgriff und hoffe, es steht keine rote Ampel im Weg. Lachend kämpfen wir uns zum Ziel und schnaufen erleichtert als wir es unversehrt geschafft haben. Ein Merkmal, welches sie auszeichnet wie niemand anderen. Sie schafft es. Egal wie. Egal was. Sei es der Alltag, den es mit drei Kindern allein zu managen gilt, die Seminarfacharbeit, die 20 Minuten vor Abgabe gebunden werden muss oder aber die Ausbildung, zu der sie sich nebenbei entscheidet. Die Wochenenden als Lichtblick des Wiedersehens. Auftanken für die neue Woche mit grossen und kleinen Katastrophen, die sie rettet.

Die zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben sind so verschieden wie es nur sein kann.

Autofahren, Urlaubsziel, Tiere, Ordnung, Kochen, ausgehen … die Liste ist endlos. Während es die eine in die Welt zieht, will der andere lieber den gewohnten Alltag, den Rahmen, den er kennt. Fragt man ob Rollo rauf oder runter, man bekommt definitiv beide Antworten zu hören.

Und dennoch haben ausgerechnet diese beiden zueinander gefunden. Seit mittlerweile 25 Jahren entscheiden sie sich tagein tagaus füreinander und finden Kompromisse. Die Tiere, die sie mag, achten die Grenzen, die er braucht (sie dürfen ins Haus, aber nicht in die Küche, nicht ins Schlafzimmer).

Manchmal ergänzen sich diese Gegensätze auch ganz fantastisch: Sie hasst es zu kochen. Er tut es gern. Einige Probleme von allein gelöst.

Das wichtigste dabei: Sie wollen es beide. Sie haben sich füreinander entschieden und seither stehen sie dazu. Sie kommunizieren auf ihre eigene Art und Weise, harmonieren unscheinbar. Die Belastungsproben, die sie gemeinsam aushielten hätte jede Fassade in Stücke gesprengt. Diese beiden hat es zusammen geschweißt. Wie Kaugummi der in Haaren klebt. Untrennbar. Entscheidungen treffen sie gemeinsam, von Problemen berichten sie sich. Ihre Stärke ist ihre Treue. Die Basis, die sie sich geschaffen haben, ein seltenes Paradebeispiel wie man es richtig macht.

Meine Kindheit wurde zu einem Ort des Friedens, das Gefühl gewollt und geliebt zu sein umgab uns wie eine Aura aus Feenglanz. Sie wurden nie müde mit uns zu spielen, Geschichten für uns zu entdecken, mit uns Höhlen zu bauen und Magie aus dem Gewöhnlichen zu kitzeln. Umgeben von Beständigkeit und Sorglosigkeit. Sie trugen die Verantwortung ohne zu murren, versteckten Sorgen hinter Falten vor uns und hielten Probleme weit von unseren Kinderseelen. Ihre Liebe zueinander spiegelte sich in uns wider, die Gewissheit, sie sind für uns da, ließ uns friedlich schlafen. Wie selbstlos sie unser behütetes Aufwachsen begleiteten, wird mir erst sehr viel später bewusst. Ihre ehrliche Freude und die Entscheidung zu uns zu stehen fühlte ich jedoch als Kind schon mit jeder Pore. Ich kann mir nun nur noch vorstellen wie viele Tränen, Sorgen, Alpträume und Ängste sie aushielten und Blicke selbst mit Tränen der Dankbarkeit zurück auf das was sie geschafft haben. Zusammen. Gemeinsam. So oft getrennt, so oft mit verschiedenen Komfortzonen und dennoch mit demselben Ziel. 25 Jahre schauen sie sich an und brauchen nicht viel sagen. 25 Jahre regen sie sich manchmal auf und lachen dann darüber. 25 Jahre basteln Sie ein Heim für ihre Familie das so viel mehr ist als 4 Wände und ein Dach. Gemeinsam haben sie einen Ort geschaffen, der Zuflucht bietet. Ich habe leider schon testen müssen, wieviel Zuflucht er tatsächlich erträgt und war jedes Mal geplättet von der wahrhaftigen Herzlichkeit. Kein Fehltritt wurde angekreidet. Und sagen wir mal, Fehltritte kann ich… Oft habe ich Enttäuschungen nach Hause getragen. Dennoch wurde mir der Kopf gestreichelt und eine Lösung gefunden. 25 Jahre Liebe.

Es wurde an einem Freitag den dreizehnten besiegelt. Es existieren genau 5 Fotos der Zeremonie. Sie trug ein schwarzes Kleid. Sie tauschten Ringe und Küsse, Blicke und Lächeln. Und das Versprechen, gemeinsam weiterzugehen. Und scheisse, sie haben es gerockt. Denke ich an Liebe, sehe ich die Blumen, die immer mal auf dem Tisch stehen, die Schokolade, die eigentlich zu teuer ist, die Gedanken, die sie sich machen, um den anderen mit Bewusstsein zu überraschen.
Sie kennen sich. Und mögen sich wirklich. Kein Abschied ohne einen kleinen, fast unscheinbaren Kuss. Kein Abend ohne ein Gute Nacht. Man muss hinsehen, um ihre Verbindung auch tatsächlich zu sehen und gleichzeitig ist sie so glasklar zu erkennen, dass man nur augenrollend „nehmt euch ‘n Zimmer“ murmeln möchte. Kein Bereuen, kein voneinander genervt sein.
In unserer Familie darf man ‘ne Macke haben, darf man schlechte Laune haben (und ja, die haben wir. Ist dann nicht witzig. Vergeht aber wieder)


Ich könnte nun hier aufhören zu schreiben und behaupten: Ihr lieben Leser habt verstanden, worauf ich hinaus will. Aber eine schrecklich schöne Geschichte habe ich vor Augen, wenn ich an meine Eltern denke. Und die gibt’s jetzt noch.

Ein Geburtstag. Irgendjemand aus seiner Familie wird älter. Man sitzt zusammen und trinkt. Der Alkohol lockert wie so oft erst die Stimmung, dann die Hirnwindungen. Es kippt und jemand aus seiner Familie beginnt auf ihr rumzuhacken. Sie sei arrogant, hätte nie um Hilfe gebeten. Eine zweite Person fällt ein. Sie sei immer schon überzeugt gewesen, dass sie nicht die richtige für ihn ist.
Sie sitzt erschrocken und mit Tränen kämpfend am Tisch und hört sich die Gemeinheiten an.
Er steht auf. Fragt, ob noch jemand ein Problem habe mit ihr. Schweigen.
Er kippt sein Glas aus, erwähnt, dass der zuvor besprochene Taxiservice nicht mehr nötig sei, nimmt ihre Hand und verlässt die Party.

Sie beginnt zu weinen. Das Zuhause ist nur 5 Kilometer entfernt, dennoch ermuntert er sie die Tränen zu stoppen. Sie seien auf einem guten Weg und fast da. Sie bleibt stehen, sieht ihn an und versichert sie weine nicht wegen der Worte. Ihre Tränen kullern aus Dankbarkeit über seine Reaktion.

Liebe Leute. Ich weiss nicht viel über Liebe. Aber eins weiss ich. Wenn Ihr jemanden findet, der euch ansieht wie er sie ansieht, haltet ihn fest.


© 2020 hollingtonsmum

5 Kommentare zu „fünfundzwanzig

  1. Wow!… einfach nur wow!!!
    Ich bin fasziniert von dem wunderschönen Beispiel von wahrer Liebe und der wunderbaren Art das zu erkennen + zu spüren. Du hast es wieder geschafft mich mit berührend geschriebenen Sätzen daran Teil haben zu lassen.

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  2. Herzzerreißend, doch nicht weinerlich!
    Liebevoll, doch nicht kitschig!
    Berührend, doch nicht schlagend!
    Großartig ge-/beschrieben… ergriffen, gerührt und auch neidisch hab ich diese wunderschönen Zeilen gelesen. Und nun schaue ich auf meinen Geliebsten (™ meiner Enkelin)… und halte ihn fest!!!

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  3. Ihr Lieben, ich war diesmal ganz besonders besorgt ob ich den richtigen Ton getroffen habe, um dieses Gefühl in Worte zu fassen. Euer liebes Feedback beruhigt und freut mich sehr 🙂 Danke dass ihr so treu wochenweise umherklickt und Zeit investiert ♡

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