Först Reisen, Bedenken säcknt

Vor kurzem feierte die Große Geburtstag. Kindergeburtstag, der Traum eines jeden Elternteils. 8 Kinder, gepusht von Aufregung und Capri-Sonne. Der Überlebensinstinkt flüstert leise: Irgendwo draußen, irgendwo weit weg, irgendwas mit Programm… die Küche atmet erleichtert auf, als beschlossen wird: Ein Ausflug in einen Streichelzoo der näheren Umgebung. Schneller als mir lieb ist finden wir uns also zwischen Alpakas, Hüpfburgen und XXL-Bausteinen wieder, der Papageienkuchen kämpft um seine bestreuselte Glasur, die sich in der Sonne gehen lässt. Die Dekoblume rutscht vom Nutellamuffin.

Highlight der ganz Kleinen: Ein betagtes Karussell mit 3 Pferden. Im echten Leben hätten sie wahrscheinlich bereits Gnadenbrotalter erreicht. Da sie hier aber keine Wehwehchen äußern konnten, drehten sie mit abgeblättertem Lack Runde um Runde. Krux: Sie trabten nur mit einem eingeworfenen Euro knarzend los. Als ich nach 9 Runden versuchte zu erklären, dass mein Münzgeld leider aufgebraucht war, war die Enttäuschung groß. So groß, dass die Kleinen (clever sind sie ja) umstehende Fremde nach „ein Geld“ fragten. (Gar nicht peinlich…)

Folgender Dialog entstand:

Mini: Hallo, wir brauchen ein Geld.

Fremder: Hallo, dann fragt mal eure Mama.

Mini: Mama hat nicht ein Geld.
(Danke mein Kind, das muss man ja nun nicht jedem…)

Fremder: Das ist der Grund, warum Mama dann arbeiten geht. Dann bekommt sie wieder Geld.

Mini: Mama muss auf Arbeit?!
(panisch suchende Blicke, ob ich das Gelände verlassen haben könnte)

Fremder: Heute scheinbar nicht. Aber normalerweise geht Mama doch arbeiten. Und dann kann sie euch schöne Sachen und Urlaube kaufen, weil sie Geld hat und dann seid ihr glücklich.

Mini: Und hast du jetzt ein Geld?

Fremder: Na gut, eine Runde
(Fun Fact: Sein Kind kletterte in dem Moment mit auf die Rösser. So großmütig war die Geste also nicht…)

Während die Kinder quietschend karussellierten, hallten die Worte dieses Fremden in meinem Kopf nach. Der Kapitalismus aus seinem Vortrag sprang mich an und halb ärgerte ich mich, dass er meinem Kind gerade erklärt hat, dass man Geld braucht, um glücklich zu sein.

Die glücklichsten Momente verbrachten wir immerhin Low Budget in Thailand, lachend im Wald, barfuß im Sandkasten und hüpfend auf dem Trampolin. In dem Moment wurden die Hippiestimmen im Kopf laut.
Es ist an der Zeit, mal wieder einen Rucksack zu packen und dem Kind zu beweisen, dass es eben genau nicht auf Geld ankommt.
Natürlich sollte man ein Geld haben, um das Finanzamt zu besänftigen, aber wirklich glücklich macht das jetzt nicht.

Wie bringt man einem Kind also in einer kapitalistischen Gesellschaft bei, bitte nicht das neueste AppleYTZ zu hypen, sondern eine Eiche von einer Buche unterscheiden zu lernen?
Dass die beste Zeit meines Lebens eine Zeit ohne Kohle, ohne fließend Wasser und ohne Strom an einem kleinen Costaricanischen Strand war? Umgeben von Natur, mit nichts weiter als einer Matratze, einem Moskitonetz, einem Tisch und Gallo Pinto. Mit harter Arbeit, dafür aber süßen Schildibabys?

Arbeit. Es gab sie in Costa Rica. Sie war körperlich manchmal grenzüberschreitend, aber so sinnvoll wie bisher kaum etwas in meinem Leben. Und nun? Nun arbeite ich auch. Im feinen Stöffchen, entgegen meinen Überzeugungen… Ich wäre auch in einer Kommune glücklich. Ich gehe arbeiten, um einen Kindergartenplatz finanzieren zu können, den ich ohne Arbeit nicht bräuchte…
Wait, what?
Ok, ich brauche noch ein bis zwei Geld mehr, um meine Fixkosten zu decken, etwas Arbeit muss also sein. Aber mein Lebensinhalt ist die Arbeit schon lange nicht mehr. Vielleicht auch, weil es nicht das ist, was mich erfüllt? Hoffen wir mal das Kind gestaltet sich einen intelligenten Alltag, in dem er nicht vom Job abhängig ist, sondern von dem Leben kann, was ihm wirklich Spaß macht. Nebenbei zwei Geld verdient und ansonsten frei und glücklich ist, wie der Einjährige, der damals in Thailand barfuß den Sommerregen entdeckt hat ♡, und vielleicht fällt mir auch irgendwann mal ein, was ich mag und sogar so gut kann, dass mir jemand Geld dafür geben würde.

P.S.: Vlt packe ich auch wieder meinen Rucksack, wenn irgendwann ein Geld am Monatsende übrigbleibt. Bis dahin muss das Karussellpony die Laune aufrechterhalten. Immerhin soll es ja schön sein, dieses Leben. Denkt dran, Ihr habt nur das eine und wisst nicht, wie lange.


© 2020 hollingtonsmum

4 Kommentare zu „Först Reisen, Bedenken säcknt

  1. Wow…!…Du kannst so schön ausdrücken, was auch mir aus dem Herzen spricht!
    Ich wünsch mir so oft: ich hätte in der Vergangenheit meinem Leben mehr Freiheit gegeben und nicht ganz so viel der Erarbeitung von ein/zwei Geld fürs Leben gewidmet😔
    Jetzt wo ich um etwas Lebenserfahrung + einige Arbeitsfolgen gealtert bin, ziehe ich den Hut vor Deiner weisen Einstellungen, zu der ich erst viele Lebensjahre später gekommen bin😌

    Gefällt 2 Personen

  2. Geld wird völlig überbewertet. Was die Leute heute nicht mehr können ist das Glück barfuß auf einer Wiese zu finden. Ja, man braucht Geld, aber glücklich macht es einen nicht. So schön hast du das geschrieben. Und wunderbar wenn deine Kinder von dir lernen, das man zwar Geld braucht, aber sein Glück ganz woanders findet. Im Duft der Gänseblümchen, im Lieder der Amseln und sonstwo..

    Gefällt 2 Personen

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