Wie aus dem Nichts

It’s always darkest before the dawn.

Ein Topf knallt ihm ins Gesicht. Einmal, zweimal, ein drittes Mal…
Wie oft muss man gegen den Topf in seiner Hand laufen, bis man sich von selbstgedachten Plattitüden befreit hat?

Der Schweiß, der ihm von der Stirn läuft, kribbelt auf seiner Wange. Beinahe ein angenehmes Gefühl, immerhin aber… ein Gefühl. Ja, ein oberflächliches, aber auch ein Anfang.
Wenn er dazu fähig wäre, er würde dieses Kribbeln wütend aus seinem Gesicht wischen, denn er verdient kein angenehmes Gefühl. Denkt er. Glaubt er.

So aber wischt er sich das Kribbeln nahezu völlig emotionslos aus dem Gesicht. Reflexartig schaut er auf seinen Handrücken, auf dem sich eine rotbraune Spur abzeichnet. Er sieht sich den Topf an, der einen ähnlich rotbraun gefärbten Fleck an seiner Unterseite hat.
Es kribbelt wieder auf seiner Wange, obwohl ihm gar nicht so heiß ist. Erneut fährt er mit dem Handrücken über seine Wange, die rotbraune Spur auf seiner Hand wird noch etwas dunkler.

Die Blutspur, die er auf dem Weg ins Bad hinterlässt, ist nicht sonderlich beeindruckend. Trotzdem freut er sich jetzt schon nicht darauf, später den Boden wischen zu müssen. Wenigstens ist seine Kleidung verschont geblieben, denn er trägt keine. Ganz praktisch, wenn man so völlig unvorbereitet unter die Dusche muss.

It’s always darkest before the dawn.

Hätte er nicht gleich auf die Idee kommen können, sich diesen Kalendersprüche Kalender-… Spruch nicht aus dem Kopf schlagen zu wollen, sondern ihn eiskalt weg zu duschen?

Er hatte gelesen, dass kalte Duschen nicht nur für den Körper gut seien, sondern auch das mentale Wohlbefinden steigern sollen. Er merkt davon allerdings gar nichts, als das eiskalte Wasser auf seinen Körper trifft.
Atemnot soll also gut sein, denkt er sich fast. Fast, weil er nicht mehr denken kann, nicht mal Kalendersprüche.

Immerhin keine Platzwunde, stellt er nach kurzer Untersuchung der Stirnpartie fest. Schon die Vorstellung, in der Ambulanz erklären zu müssen, wie er sich die Platzwunde zugezogen hat, ist ihm ein Graus. Und wie hätte er seine Kleidung fleckenfrei anlegen können, wo er doch nicht mal ein Fingerpflaster im Haus hat? Zu seinem Glück muss er all das nicht herausfinden, denn es ist wirklich nur eine oberflächliche Wunde, eher aufgerieben als aufgeplatzt.

Eine Wunde, die ohne Pflaster heilt. Einfach so…

Doch was ist mit den anderen Wunden, denen, die man nicht sieht?

Noch bevor dieser Gedanke vollständig geformt ist, überkommt ihn ob dieses schwülstigen Gedankens das unglaubliche Verlangen, den Topf zu holen. Und während er darüber nachdenkt, dass er sich erst abtrocknen müsse, um nicht das ganze Bad und den halben Flur zur Küche unter Wasser zu setzen, wird er sich der Absurdität rationaler Erwägungen bezüglich irrationaler Handlungen bewusst. Und er muss lachen.

Nein, er lacht nicht wirklich. Aber er muss lachen, wenn er sich irgendwie aus diesem… Nichts befreien will.

Will er das?

Was, wenn er einfach bliebe? Hier, in der ungesättigten Blässe. Alles auf null. Kein Ärger, kein Schmerz, alles egal.

Sein Selbst mit Leid beginnt, ihn zu langweilen. Sein Selbstmitleid auch.
Außerdem weiß er, dass er nicht unbedingt lachen muss, wenn er… aus dem Nichts herausfinden will, ohne Fehler zu machen? Ist das nicht ein bisschen arg viel verlangt, keine Fehler zu machen?

Ok, denkt er sich, ganz langsam. Ein Gedanke nach dem anderen, nicht alles auf einmal…

Lachen ist wohl nur auf den ersten Blick die richtige Antwort. Weil… Lachen ist ja toll, nicht wahr? Menschen, denen es gut geht, die lachen, oder? Gute Laune und so.
Natürlich weiß er, dass Lachen nur funktionieren kann, wenn er… unangenehme Empfindungen-

Jetzt nenn die Dinge doch mal beim Namen!

Schmerz. Ja, es geht um Schmerz. Und darum, dass man den nicht bewältigt, in dem man ihn ignoriert.

Man soll ihn „zulassen“.

Aha.

Und dann?

Dachte ich mir.
Ich soll also „Schmerz zulassen“, denn der „gehört“ ja irgendwie „zum Leben“, habe aber keine Ahnung, was dieses „Bewältigen“ sein soll.
Toll.
Denkt er sich.

„Stück für Stück“

Ihm fällt eine weitere Lebensweisheit ein, die er heute nicht glauben kann. Er hat aber ausreichend Selbstzweifel, um seinem Urteilsvermögen Fehlbarkeit zu unterstellen. Hoffnung kann er daraus zwar (noch) nicht schöpfen, aber da der Nachweis des Nichtfunktionierens von „Stück für Stück“ noch nicht erbracht ist, ist er gewillt, diesem Handlungskonzept (erneut) eine Chance zu geben.

Sein Kopf brummt. Könnte mit der Mehrfachkollision mit einem Kochtopf zusammenhängen. Oder es sind Ermüdungserscheinungen von zu viel einseitiger Hirnaktivität, man weiß es nicht genau. Dummerweise hat er nicht nur kein Pflaster, sondern auch keine Schmerztabletten im Haus. Wenn man so darüber nachdenkt, Vorsorge scheint nicht direkt seine Stärke zu sein…

Er steht noch immer in der Dusche. Nein, er steht nicht in der Dusche, er steht in der Wanne.
Für eine Dusche hat es in seiner Behausung nämlich nicht gereicht. Er kann also nicht einmal dramatisch auf dem Boden seiner Dusche in sich zusammensacken und das Wasser auf sich hinabprasseln lassen, weil er in einer Wanne den Duschkopf in der Hand behalten muss.
Kein Duschvorhang.
Wie dumm ist es eigentlich, sich in eine Wanne zu setzen, wenn gar kein Wohlfühlgedönsbad eingelassen ist?
Fragt er sich und bemerkt, Sitzen wird es aufgrund der Enge auch nicht. Eher Hocken.

Da hockt er nun, ein Arm über dem Kopf, lässt das kalte Wasser über seinen Körper laufen und weiß nicht so richtig, ob er lachen oder weinen soll. Und platt, wie er nun einmal ist, schleicht sich der Satz zurück in seinen Kopf…

It’s always darkest before the dawn.


© 2020 albert sadebeck

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