Von Eidechsen, Monstern und einem Karussell


Ich habe die meiste Zeit keine Ahnung, was ich als Mutter tue. Ich frage mich, ob die Meinungen über meine Lösungsansätze gerechtfertigt sind, wie viele Fehler ich mache und was mein Kind seinem Therapeuten später über sein Verhältnis zum Elternhaus erzählen wird.
Ich mute meinem Kind Umzüge und Veränderungen zu, obwohl ich selbst Ruhe und Beständigkeit suche. Ich habe manchmal keine Lust auf dem Boden mit Autos zu spielen und manchmal keine Zeit, um die dritte Runde Buchvorstellung durchzuführen, bis das passende Vorleseexemplar gefunden ist.

Dennoch höre ich manchmal, ich sei besonders geduldig, was meinen Sohn angehe.
Ein Beispiel:

August 2020

Wir besuchen ein Aquarium. Auf dem Weg zum Eingang stehen wir Schlange. Mein Kind sieht ein Kinderkarussell und fragt, ob es drauf darf. Ich finde die Fahrt mit fünf Euro pro Runde zu teuer, bin mir auch nicht sicher, ob er mit seinen zweieinhalb Jahren wirklich da sitzen bleibt, in Anbetracht des bevorstehenden Mittags im Imbiss und der möglichen Souvenirs drinnen verneine ich.
Er ist enttäuscht, aber die Schlange bewegt sich weiter und die Aussicht auf Fische lenkt ab. Wir werden begleitet von zwei weiteren Kindern. Das Gebäude ist geschickt angelegt, sodass man schon beim Eingang an allen erdenklichen Spielsachen vorbeimuss. Kuscheltiere, Schlüsselanhänger, Blöcke, Stifte, alles.
Teuer.
Naja.
Eines der anderen Kinder entdeckt eine Eidechse in XXL. Sicher 1 Meter lang. Es will sie haben. Das zweite Kind schließt sich an… wir beschwichtigen mit „eventuell danach“ …jetzt erstmal rein da. Ohne Echse!

Wir verbringen den halben Tag im Aquarium, es läuft gut, die drei Kinder machen gut mit. Hören im Gedränge, interessieren sich für die Tiere, schauen und zeigen viel. Nach einer Stärkung verlassen wir das Gebäude durch den Kinkerlitzchen-Ein-und-Ausgang.
Die Kinder haben die Plüschtiere nicht vergessen, rasen zum Ständer und betteln. Sie bekommen ihre Wunschfarbe. Um Streit im Nachgang zu verhindern (zwei Stunden gemeinsame Autofahrt), frage ich meinen Sohn, ob er auch will. Er wählt eine kleinere Variante. Mit Bauchschmerzen frage ich erneut: nicht lieber, wie die anderen Kinder, die Große? Er nickt (gleichgültig??). Die drei Reptilien werden eingepackt und wir verlassen den Shop. Und los geht’s. Mein Kind hat auf diesen Moment gewartet. Das Karussell! Er hat es nicht vergessen. Aber es ist kalt und der Hunger noch nicht vollends gestillt. Ungeduld der anderen drängt zum Weitergehen. Ich sehe, dass er wirklich gern fahren möchte. Biete an, ihn zum Auto zu tragen. Er verneint und beginnt zu weinen. Die anderen gehen weiter…

Panik steigt in mir auf. Mein Kind weint mitten auf dem Platz, eine Riesenechse im Arm. Was müssen die Fremden hier denken? Und wieso warten die anderen meiner Gruppe nicht?! Verdammt! Atmen. Hinknien. Erstmal schauen.

Er ist traurig, dass er nicht fahren darf. Die Echse ist ihm tatsächlich kein Trost, die war nie sein eigener Wunsch. Ich höre zu, ich nicke, ich erkläre, dass die anderen warten, die Fahrt zu lange dauert, verstehe seine Tränen und drücke ihn. Er sieht mich an, zieht einen Flunsch, fragt, ob ich ihn doch tragen kann und beginnt auf meinem Arm von den großen Welsen zu erzählen. Die Tränen sind versiegt. Das Karussell abgeschlossen. Er ist nicht mehr traurig und wir sind zeitgleich mit den anderen am Auto.

Etwas später belächelt mich das andere Elternteil. So ein Muschibubu gäbe es bei ihnen nicht. Ich verhätschle mein Kind… aber es bewundere meine Geduld.

Hier meine später in Textform verfasste Antwort*

Mal ‘ne kurze Sichtweise: er ist 2,5 Jahre alt und er wollte, seit er es gesehen hat, mit diesem Karussell fahren. Auch im Aquarium hat er davon gesprochen. Es ist doch vollkommen klar, dass er losheult, wenn wir gehen und er nicht drauf darf. Was erwartest du von ihm? Das er reflektiert genug ist zu sagen, hm doof jetzt aber nicht zu ändern? Er ist 2,5 und war traurig. Und das ist völlig ok. Es ist auch voll ok, dass er nicht damit fahren durfte. Aber er wird doch wohl sagen dürfen, wie es ihm damit geht. Machst du doch auch den ganzen Tag. Sehr deutlich… das Ganze hat keine 5 Minuten gedauert. Und die Echse hat nicht geholfen, falls du das jetzt denkst. Er wollte die Echse nicht haben. Er wollte Karussell fahren und war einfach nur traurig, dass es nicht ging. Ist das so schwer zu verstehen? Das hat nichts mit Geduld zu tun. Ich bin so ziemlich der ungeduldigste Mensch der Welt.
Ich hätte sein Heulen sicher auch ohne Muschibubu beenden können… Mit welchem Effekt? ‚Halt die Fresse, mich interessieren deine Gefühle nicht‘. Bravo. Richtig guter Lerneffekt. So erzieht man gesunde, psychisch starke Kinder, die später mit ihren Emotionen klarkommen.

*Ich war zu müde, um auch noch diesen emotionalen Kampf auszufechten und für meine Ansichten einzustehen.
Es ist anstrengend, bewertet zu werden.


Ich nehme mir vor, weniger auf Meinungen anderer zu hören. Habe dank fehlendem Partner keine zweite Sicht, die mein Kind wirklich kennt. Ich möchte nichts falsch machen, höre daher manchmal hin. Und dann komme ich ins Grübeln. Wann ist es denn außer Mode gekommen, einem Kind Gefühle, Überforderung und grundlos schlechte Laune – sprich menschliche Züge – zuzugestehen? Wieso müssen Kinder funktionieren und wieso sagt man ihnen, wie sie sich wann und wie lange zu benehmen haben? Wieso dürfen sie nicht weinen, sollen schnell die Tränen trocknen und werden abgelenkt von dieser Emotion? Statt zu sagen: Ach guck, so ist man traurig, das sind wir alle manchmal, das darfst du auch. Woher soll ein Kind wissen, wie man damit umgeht, wenn es nicht damit umgehen darf?

…schreibt sich in Rage…

Und wo ich gerade dabei bin: der nächste Mensch, der mir sagt, mein Kind muss alleine schlafen lernen, den lade ich auf meine Kosten zu ‘ner Therapiesitzung ein und dann schauen wir mal, wie ausgeprägt sein eigenes Urvertrauen und seine Wertschätzung sich selbst gegenüber sind. Dann gehen wir mal dem Gefühl von Angst auf den Grund und den Evolutionsphasen unseres Gehirns. Dem zeige ich wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Hirn noch im Höhlenmodus funktioniert und den erinnere ich an die Dunkelheit, die ihm als Kind eine Heidenangst eingejagt hat. Mein Kind ist mittlerweile fast 3. Das muss nicht alleine schlafen lernen. Das habe ich nicht mit Nähe verwöhnt. Und wenn doch, dann freue ich mich, dass es weiß, dass jemand kommt, wenn es ruft. Dass es sich gelassen darauf verlässt, nicht allein zu sein. Dass es keine Ängste ausstehen muss oder Monster unter seinem Bett sieht. Denn das ist unser Bett, und das Monster will ich sehen, das es wagt, eine Mutter anzugreifen.


Schlafen kann man nicht lernen.

Kinder kann man nicht mit Nähe verziehen.

Man kann Kindern nicht zu lange versichern, da zu sein.

Man kann ihnen nicht zu sehr auf Augenhöhe begegnen.

Man muss ihnen nicht sagen, wie es ihnen zu gehen hat.

Sie wollen nicht gelobt, sondern verstanden werden.


Was wäre es für eine Welt, in der Kinder aufwachsen, die gelernt haben zu sagen, wie es ihnen geht, was sie gerade brauchen, Grenzen zu respektieren und Kommunikation als Lösung erlernt haben. Empathische Wesen, die sich selbst wertschätzen, weil andere es taten, als sie noch klein waren und es nicht anders kennen. Menschen, die nicht voller Angst und Enttäuschung Nacht für Nacht im Bett lagen, während ihre Eltern sich ein Bett teilen. (Ha was da los?! Wollten die nicht alleine im Zimmer schlafen?!!) ….

Wenn mir das nächste Mal jemand sagt, ich hätte meinem Kind beigebracht, nicht allein schlafen zu können, höre ich nicht hin. Ich bin verunsichert genug und habe alle Mühe, auf mein Gefühl zu vertrauen. Also schickt eure eigenen Kinder allein ins Bett und lasst mich in Ruhe. Und wenn eure Kinder dann aufgegeben haben euch zu rufen und schlafen, dann forscht doch mal, wo diese „Strategien“ herkommen… richtig, aus den 1930er Jahren. Und jetzt überlegt ihr in dieser ruhigen Minute bitte, wieso es wichtig war, Kinder emotional abzugrenzen und sie nicht zu bestärken. Wieso soll ich auf Ratgeber hören, die für Kriege und anderes menschenverachtendes Zeug verfasst wurden? Ich möchte das nicht. Ich mag mein Familienbett. Und es wird mir fehlen, wenn mein Kind irgendwann groß genug ist und sagt: Ich habe keine Angst, alleine einzuschlafen. Gute Nacht, Mama.

‚Ich kann aber nicht schlafen, wenn mein Kind die ganze Nacht neben mir zappelt!‘ … das ist völlig ok. Dein Kind schläft also, seit es 4 Monate alt ist, in seinem Bett. Ok. Wieso muss meins das auch?! Ich kann prima neben ihm schlafen. Also…

Lass mich.


© 2021 hollingtonsmum

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