Das Foto


Februar…

…und das Thermometer zum ersten Mal im 2-stelligen Minusbereich. Ich gammle mit neugeborenem Kind auf der Couch umher und fühle mich einsam. Beschließe also, sobald die Kraft zurück ist, fahre ich mal wieder zur Reitstunde. Voller positiver Energie vereinbare ich sie noch und bin ruhiger.

Es ist immer noch kalt. April oder so.

Aber mittlerweile ist der Winterspeck so konstant, dass es nicht mehr so auffällt. Vor meiner Reitstunde habe ich einen Banktermin, danach will ich zu meinen Eltern. Ich brauche also ein ordentliches Outfit für den Kredit, ein schludriges für den Stall und ein möglichst tierhaarfreies für die elterliche Couch im Anschluss. Fürs Kind was Mittelwarmes für drinnen, extrem megakuschelbeheizt für draußen und irgendwas dazwischen für alle Fälle. Ich packe den halben Haushalt ein. Danach den Rest. Sicher ist sicher.

Mit Babyschale in der linken Armbeuge, dem Rucksack aufm Rücken, einer Tasche für unterwegs rechts am Arm, zwei Beuteln mit Zeug in der Hand, Autoschlüssel, Haustürschlüssel, Handy und Handschuhe irgendwie an und in meinen Fingern gebe ich ein jämmerliches Bild eines betagten Packesels ab, der sich, wenn er könnte, selbst erlösen würde. Ich bin zu müde für den frühen Termin, zu kraftlos für die Reitstunde und definitiv für die Treppe zu überladen. Mir kullert eine Träne der Anstrengung übers Gesicht, aber ich habe keine Hand, Ellenbogen oder sonstiges Körperteil frei, um sie weg zu wischen. Stattdessen also Schritt für Schritt die Stufen nach unten, die Babyschale bei jedem Schritt vor mein Knie polternd. Atemlos und am Rande des Wahnsinns unten angekommen, schleiche ich betroffen am Mahnmal der Unfähigkeit vorbei, meide Blickkontakt und rede mir ein, dass auch andere Menschen eine gestörte Beziehung zu ihren Briefkästen haben. Ich kann nicht der einzige Mensch sein, der lieber den Hinterausgang mit Umweg in Kauf nimmt, um das Ding nicht zu sehen… Leider war mir der Umweg heute zu lang. Ich wollte auf schnellstem Weg zu meinem Auto, um all das Gepäck aus meinem Aufgaben- und Kraftbereich zu entfernen. Einmal alles eingepackt, würde es sicher leichter werden.

In Gedanken an unliebsame Post – wer mir Freude machen will, sende mir etwas ohne Rechnungen!! – nähere ich mich meinem Auto. Ein grellroter Mazda aus erster Hand. Das Automatikgetriebe eingefahren vom mittlerweile verstorbenen Vorbesitzer (RIP), welcher mir unbekannt blieb. Alles was ich von ihm weiß: Es muss ein gemütlicher Mensch gewesen sein, denn den 5. Gang habe ich diesem Wagen beibringen müssen.

Als mein offiziell so richtig eigenes Auto, mit selbstbestimmtem Nummernschild (nein, keine Initialen… ein Wortspiel natürlich!) achte ich sehr darauf, weshalb es mich besonders ärgert, dass in der langen Parkreihe am Gehweg vorm Haus ausgerechnet mein Auto zugefrorene Scheiben hat. Was sollte der Scheiß? Ich hatte keine Hand frei zum Kratzen und wollte das kleine Kind keinesfalls im Kalten warten lassen, bis die Glasscheibe sich erbarmte, ihre Aussicht mit mir zu teilen. Meine Erschöpfung schlug in Wut um. So ein Dreck. Alle anderen Autos waren glasklar, nur meine olle Karre… was war das? Hatte ich vergessen die Tür zu schließen??? Ich näherte mich ungläubig.

Die Hintertür der rechten Seite schien nicht vollkommen geschlossen, seltsam. Vielleicht war sie nicht ins Schloss gefallen, als ich, sicher wieder nur mit der Hacke, weil überladen vom Gepäck und Kinderschale, die Tür mit einem Seufzer zu gekickt hatte. Verdammt. War also meine Schuld, dass ich nun nicht pünktlich loskam. In mich grummelnd schichtete ich meine Habseligkeiten wackelig neben das zum Glück liebe Kind auf den Gehweg und bereitete mich mental auf das Einfrieren der Finger vor. Ich konnte gar nicht so viel theatralisch ausatmen, wie ich genervt war. Ich öffnete also die Tür, die ja eh nicht verriegelt war, um das Kind schonmal in das Fahrgestell zu verfrachten und nicht auf dem Boden erfrieren zu lassen und erstarrte…

Da lag jemand…

„Das glaubt mir kein Schwein.“

– Da haste recht, mach ’n Foto!!!!!!

Als geübte Neugeborenen-Fotografin, zu der ich mich in den letzten Monaten entwickelt hatte (naja mutiert bin…), war der Griff in meine Hosentasche, Entsperren, Kamera-App starten und auf den Auslöser drücken zu einer meiner leichtesten Übungen, fast schon größten Hobbys geworden. Ich hielt als pflichtbewusste Mutter jede Sekunde doppelt fest, sicher ist sicher, man könnte ja was verpassen. Meine Kamera hätte ich nachts um 4 aus dem Tiefschlaf starten können – „Tief“-was??? … Klappe Hirn!

Hätte ich gewusst, dass das monatelange Training für diesen Moment Gold wert war… wäre ich vielleicht nicht so erschrocken gewesen.

Ein erwachsener Mann in Arbeitsklamotte hatte den Fahrersitz ganz nach hinten gedreht, sodass sein Gesicht, welches auf Höhe der Rückbank lag, mich direkt anschaute. Während ich mein Telefon zückte, richtete er sich auf, und die Pose, die auf dem Beweisfoto abgebildet wurde, hätte lässiger nicht werden können. Wer von uns beiden mehr verdutzt aus der Wäsche glotzte lässt sich dank fehlender Aufnahme meines Ausdrucks nicht mehr feststellen… Meine Wut wurde zu Erstaunen.

Hirn ratterte auf Hochtouren und brachte immerhin:

„Ähm… das ist mein Auto!“ zustande.

Wahnsinn.  Mich machste in einer Tour fertig und da musst du Schlagfertigkeit erst noch googlen?!!!

– oh, schlagen wäre auch eine Alternative gewesen…

Gesichtspause™.

Der in seinem Schläfchen empfindlich gestörte Mann, rappelte sich auf, verließ meinen Mazda durch die Fahrertür und torkelte bergauf die Straße von dannen.

Hirn!!! Was machen wir jetzt?

Sag die Reitstunde ab! Das schaffen wir nicht mehr! …

…“Hi, sorry, aber ich werde zu spät kommen heute… ne, nichts passiert… ein Fremder hat mein Auto aufgebrochen und drin übernachtet… was die Polizei dazu sagt? Die ist noch nicht da… ja, genau deswegen dauerts hier noch… Danke, bis später“

Polizei! Genau…


Während ich darauf warte, dass die Ordnungshüter eintreffen, wird mir klar, dass es kein Frost ist, der mir die Sicht nimmt. Die Scheiben sind von innen angelaufen. Jemand hat mein Auto vollgeatmet.  Bäh… mein Erstaunen wandelt sich in Ekel.

„Können Sie den Mann beschreiben.“

„Nun… nein, aber vielleicht hilft das Foto von ihm weiter?“

Ungläubige Blicke.

„Sie haben ein Foto??“

„Also, ja…“
Ich zücke mein Telefon und halte den lässig in meinem Auto hängenden Kerl Richtung Beamten.

„Ok, das ist hilfreich. Aber das hätte auch derbe schief gehen können. Stellen Sie sich mal vor, der Mann wäre wütend geworden!“

„Ich hab‘ das sehr schnell gemacht. Eigentlich kaum drüber nachgedacht. Mach ich nicht wieder.“

…siehste Hirn, das war ‘ne dumme Idee!!!!


September.

Ich bekomme einen Anruf meiner Eltern. Papa ist am Telefon. Das kann nichts Gutes heißen… mir wird warm…

„Hier ist Post für Dich. Vom Gericht.“

„Fuck“, denke ich…

„Mach mal auf!“

„Die Anzeige wurde fallen gelassen. Der Mann in Deinem Auto hat keine Meldeadresse und kann nicht belangt werden. Bekommst keine Kohle. War ja klar.“

Puh… immerhin hab ich noch das Foto.


© 2021 hollingtonsmum

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