Krümel, Schokoladenpapier und … Fragen

Es ist Samstag und ich behalte die Uhr im Auge. Nicht, weil ich es besonders spannend fände wie die Zeiger sich immer gleich im Kreis drehen, eher, weil sie mir – nach endlos langen Überlegungen – zeigen, wie lange ich noch habe bevor ich das Auto irgendwo abstellen muss, um die neue BlockpostTM zu lesen. Für 15 Uhr war sie angekündigt, ich konnte meine Route aber nicht vor oder nach den Nachmittag schieben und muss die Fahrt daher nun unterbrechen. Pausen tun dem Hirn ja sowieso gut. 7 Minuten… ich versuche zu berechnen wie viele Kilometer ich bei 130 km/h in 7 Minuten komme und ob der ausgeschriebene Parkplatz in Reichweite liegt, oder vielleicht noch einer drin wäre…

… ich verdrehe die Augen, setze den Blinker und fahre auf den Rastplatz… was weiß ich, wieviel 7 Minuten sind.


Schätzt mal!*

(Taschenrechner benutzen ist laaaaangweilig!)

*) Zwischenbemerkung des kleinkünstlers


Da ist sie also. Die neue BlockpostTM. Ein neues Stück Gedankenwelt, Hirngespinste, Seelenfarbenspiel (ok, das war FellbällchenkotzigTM) des Herrn Kleinkünstlers, der so gern mit dem Kopfkino seiner Leser spielt, Wörter verdreht und Zeitformen genutzt gehabt haben werden kann. Ich überfliege die Einleitung und möchte direkt like drücken:

Seid keine Nazis! Wählt keine Nazis! Unterstützt keine Nazis! Wählt keine Unterstützer von Nazis! Unterstützt keine Wähler von Nazis! Lasst Euch nicht von Nazis unterstützen!

Helft Menschen in Not, auch wenn sie Nazis sind und/oder unterstützen! *

*) Das ist nämlich höchst appaturTM! 🙃

What he said!!! ☝🏻


Ich lese, nicke, schmunzle, fühle mich angesprochen, finde ich nehme mich zu wichtig, rätsle noch so vor mich hin, als plötzlich ein eindeutiges: Hallo! Geht an dich! Im Text steht.

Das Wort Türstopper springt mich an. Es leuchtet förmlich aus dem Textblock heraus und zeigt mit dem digitalen Finger auf mich: ha, damit hat er dich gemeint!

„Wozu braucht man Türstopper eigentlich wirklich“

Ich lasse mein Telefon sinken. Schaue mich langsam um. Ein Auto voller Krümel, Schokoladenpapier und Fragen. WOZU tja Herr Kleinkünstler. Hier der Versuch einer Antwort.


Türstopper also.

Jeder kennt sie, jeder hat sie mal gesehen, viele besitzen sie, der ein oder andere ist vielleicht schonmal über einen gestolpert.

Sie sind praktisch, sie sind unauffällig und sie sind günstig. Es gibt sie in verschiedenen Formen und Farben. Es gibt die schweren kleinen Metall Zylinder, die die Türen davon abhalten gegen die Wand zu donnern. Oder aber die kleineren Varianten die an der Wand kleben. Weiße Halbkreise, die unermüdlich die Türklinken abfangen.

Scheint erstmal logisch. Zweckentfremdete Helferlein, die man nebenbei in der Wohnung verteilt, vielleicht ungeliebte Figuren oder Stehrümmchen, die man emotional noch nicht loslassen kann, die aber eben auch zu hässlich für die Vitrinen sind. Oder es hängen Erwartungen daran. Wenn Tante Anne-Liese zu Besuch kommt und das Geschenk nicht im Sichtfeld steht, entstehen sonst unschöne Situationen und das Erbe gerät in Gefahr. So mancher Türstopper wandert also unfreiwillig in den Besitz über. Und dann gewöhnt man sich daran. Man tritt kontinuierlich davor, oder läuft routiniert jeden Morgen verschlafen dran vorbei und nickt ihm beiläufig, halb genervt, halb anerkennend zu. Immerhin hält er die Tür kommentarlos in Position. Die Wand, die Tür, das Schloss… alles zuknallsicher.

Die Wohnung ist dann ebenfalls schön leise. Gepuffert. Keine störenden Geräusche, bei denen man zusammenzuckt oder aus dem Schlaf hochfährt, völlig verwirrt vom Tag(traum), unklar welches Jahrhundert gerade zu Ende geht.

Abgesehen vom rein praktischen Nutzen, ist es auch mental sehr angenehm, dieses Stück almane Sicherheit zum Schutze des Mobiliars zu haben. Man muss nicht aufmerksam jede Bewegung der Tür beobachten, kann sich darauf verlassen – der Türstopper bremst sie schon. Überschwingliche Ausrutscher Richtung Wand werden automatisch verhindert. Die Tür wird nie aus dem Rahmen fliegen solange sie dermaßen konstant abgestoppt wird. So pendelt sie im vorgegebenen Radius vor sich hin und her, erlebt nichts, erfährt keine Ausreißer aus der Routine, hängt gesichert umher.

Sicherheit. Man braucht Türstopper also für ein gewisses Maß an Sicherheit. Man kann sich hinter ihrer unscheinbaren Präsenz herrlich ausruhen und so tun als hätte man alles im Griff. Gerade die Tür wähnt sich gern in Kontrolle, hängt der Griff doch an ihr. Solange sie sich auf Altbewährtes verlassen kann, es klare Strukturen gibt und die Wand in sicherer Entfernung wohnt, schwingt alles seinen Gang.

Was aber, wenn der Türstopper auf der anderen Seite steht und sie daran hindert ins Schloss zu fallen? Wenn er ihr sozusagen im Weg steht. (Sinnloses Verweilen im Dachgeschoss ausgeschlossen. Der Türstopper ermöglicht einen 2. Check, ob man die Schlüssel tatsächlich dabeihat.) Wenn die Tür dann plötzlich feststellt – das stört sie mehr, als es sie absichert. Wenn sie auf der Suche nach Lösungen sieht, dass es noch andere Arten Türen gibt, die keine Türstopper mehr brauchen. Was, wenn sie eine Schiebetür kennenlernt und begeistert ist von der Vorstellung, nie wieder mit diesem ohrenbetäubenden Knall zufallen zu müssen. Geschmeidiges hin und her gleiten. Elegant und appaturTM, eine Traumvorstellung von sich selbst als gelassene, in sich ruhende Variante der Raumteilung.

Wäre da nur nicht diese Angst, sich am Ende der Veränderung im Kreis zu drehen. Eine Drehtür. Puh, das wäre bitter. Oder zu fallen. Eine Falltür. Auch nicht die rosigste Aussicht. Nun also weiß sie nicht recht. Bleiben, wo sie hängt, mit den ihr vertrauten Aufgaben, gesichert und gleichzeitig blockiert vom Türstopper, der sie, so wie er auf der falschen Seite platziert ist, nicht mehr von der Wand, sondern vom Rahmen und somit von sich selbst fernhält. Oder suchen, was da noch in ihr schlummert. Sich schließen, um dann befreit und ohne Sicherung erneut dem Leben eine Öffnung zu gewähren. Ergebnis unklar.

Wie trifft man so eine Entscheidung? Wieviel Sicherheit braucht man im Leben? Was, wenn man doch gegen die Wand knallt?

Der Leser fragt sich gerade völlig zurecht, wie oft die Autorin wohl gegen die Wand geknallt sein mag, immerhin schwafelt sie von Türen mit Bewusstsein… dazu kann ich nur sagen: ich hatte diesen Türstopper rumstehen und ich habe mir mehrfach den kleinen Zeh daran gebrochen. Irgendwann habe ich versucht, etwas zu ändern und mich für die Plastikvariante entschieden, die den Griff bremsen soll. Zehsicherheit ging vor. Das diese Teile tatsächlich „Bumms“ in großer und „Bummsinchen“ in kleiner Form heißen hat mich immer sehr belustigt. Denn ausgerechnet dazu kann man sie offenbar nicht so gut verwenden….  irgendwann war ich so genervt, dass ich es gewagt habe den kleinen weißen Knubbel, der da nie wirklich hinpasste, von der Wand zu kratzen. Ein Rest Kleber wird dieses Stück Tapete wohl immer zieren. Es wird mich daran erinnern wie sehr ich an der Sicherheit hing, wie sehr ich mich für sie verbogen habe, wie sehr ich mich aufgab und in ihr verlor.

Und das bringt mich zum eigentlichen Sinn eines, meines! Türstoppers: er lässt mich überdenken wer ich bin, wo ich stehe, ob ich überhaupt stehe, gerade eher eine Schiebe- oder Drehtür bin und vor allem lehrt er mich, nicht grundlos ins Schloss zu donnern und mit diesem lauten Knall Personen zu verletzen, die nichts für meine Wut, meine Abweisungen und meine Unzufriedenheit können. Er lässt mich prüfen, ob ich zufrieden mit mir selbst bin, ob ich etwas ändern muss, um nicht mehr auf derart einengende Sicherheit angewiesen zu sein und fordert mich heraus, meiner Angst vor Ungewissem in den Hintern zu treten.

Türstopper also. Sie sind vielleicht doch nicht ganz so unwichtig, wie ich persönlich das gern hätte. Wenn ich jetzt in mein Auto steige, sehe ich all die Krümel und das Schokoladenpapier. Ich freue mich, dass es sie gibt, denn ohne den Türstopper hätte ich ein sauberes Auto und sehr viel weniger Fragen, die es zu beantworten gilt.

Dennoch werde ich nie wieder welche aufstellen oder ankleben. Soll sie doch zukrachen, die Tür. Hatte dann bestimmt einen guten Grund. Ich habe keine Angst mehr vor Kontrollverlust. Und wenn doch, schließe ich die Tür ganz bewusst.

Zusatz:

Ich entschuldige mich hiermit bei allen Türstoppern in meinem Leben. Es tut mir leid, dass ihr meine Launen, meine Abwesenheit, mein Schweigen und vor allem mein unreflektiertes Hin- und Herpendeln abfangen musstet. Der ein oder andere wurde wohl arg von mir zerdellt. (Über zerdellte Seelen soll es aber an dieser Stelle erstmal nicht gehen. Das übernimmt Alma dann mal).
Immerhin kann ich aber ruhigen Gewissens behaupten, nie vorsätzlich jemanden derart in die Wand gekloppt zu haben, dass es keine Rettung mehr für ihn gab.
In diesem Sinne:
Schwingt, dreht, fallt und schiebt euch gut durch die nächste Woche. Wir lesen uns dann hier.


© 2020 hollingtonsmum

5 Kommentare zu „Krümel, Schokoladenpapier und … Fragen

  1. Liebe Hollingtonsmum, habe deinen Beitrag mit großem Vergnügen gelesen. Zwar laufe ich jetzt den restlichen Tag, nur noch mit Türstoppern im Kopf herum und dem erschreckenden Bewußtsein, keinen einzigen zu besitzen.
    Aber mit Krümeln im Auto, kann ich mithalten.
    Wünsche mehr von dir zu lesen!

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      1. So ist es, und nicht zu vergessen die vielen Kügelchen aus zerknülltem Schokoladepapier 😅😅

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