kleines wörterbuch der kundigkeit, folge sieben

Es ist Weihnachten. Ok, Weihnachten ist vorbei, wenn ich das online stelle, aber heute beginnt für Almans Weihnachten. Denn Heiligabend ist vor allem für ungläubige Nutznießer religiöser Feste und Traditionen der wichtigste Tag von allen. Wegen Geschenken und so.

Es soll hier aber nicht um Weihnachten gehen, weil Weihnachten ja, wie schon erwähnt, vorbei sein wird, wenn dieser kleine Text online geht. Außerdem müsste ich dann darüber schreiben, dass Weihnachten mich immer ein bisschen traurig-

Nein, ich habe mich entschlossen, der Welt eine Hilfestellung zu geben. Nichts Spektakuläres und auch eher aus Eigennutz, aber ich möchte, dass die Menschen mich besser verstehen können.


„Fühlst Du Dich denn nicht verstanden?“
„Nein…?!“
„Okay.“
. . .
„Okay was?!“
„Möchtest Du nicht über Deine Gefüh-?“

„NEIN!“


Mir kam jedenfalls der Gedanke, dass meine Verwendung bestimmter Begriffe einigen Mitmenschen die Kommunikation mit mir erschwert. Doch den Wissenden, den Aufmerksamen, den Kundigen (!) steht die Tür zu meinem Innersten einen Spalt weit offen. Wie weit diese Tür am Ende geöffnet werden soll, dass muss jede*r selbst entscheiden. Ein kleines Risiko, etwas zu sehen was man lieber nicht gesehen hätte, bleibt ja immer.

Denen, die einen Blick in den Spiegel wagen, die die Rote Pille nehmen, die nach Mordor aufbrechen wollen, diesen jenen welchen sei gesagt:
Ihr habt sie nicht mehr alle!

Aber bitte… ¯\_(ツ)_/¯

Herzlich willkommen zum:

kleinen wörterbuch der kundigkeit, folge sieben

Zum Einstieg dachte ich mir, klären wir mal einen Begriff, den ich in der letzten BlockpostTM mit einigem Erfolg benutzte. Erfolg? Ja, es gab immerhin 1 (!) erfreuten Kommentar dazu bei Instagramm (mit Doppel „M“ ist es keine Werbung, oder?)!

Die

(Trommelwirbel, Fanfaren, ein „Puff!“ machendes weil fehlzündendes Tischfeuerwerk)

GesichtspauseTM

GesichtspauseTM, die –

Reaktion auf ein meist unerwünschtes, mitunter jedoch erwartbares Ereignis.

Die Ausführung der GesichtspauseTM ist bereits in ihrem Namen beschrieben:
Das Gesicht pausiert, es geht also in Pausenstellung. Diese wird erreicht, in dem die Gesichtsmuskulatur die Mimik durch Einnehmen einer Neutralstellung darauf vorbereitet, den Wechsel in eine neue Haltung, gleich ob sie Freude oder Unmut ausdrücken soll, mit einem in ihrem Betrag identischen Energieeinsatz vollziehen zu können. Diese neue Haltung allerdings wird, und das ist essentiell, nicht als Antwort oder Reaktion auf das die GesichtspauseTM auslösende Ereignis eingenommen!

GesichtspauseTM, Anwendungsbeispiele

Eine GesichtspauseTM muss, einmal begonnen, auch zu Ende geführt werden. Dabei liegt die Dauer der GesichtspauseTM im Ermessen der Gesichtsinhaber*innen, sollte aber das Ausmaß des die GesichtspauseTM verursachenden Ereignisses in angemessener Weise reflektieren.

Grundsätzlich sollte auch immer die generelle Angemessenheit einer GesichtspauseTM Bestandteil der Erwägungen der Gesichtsinhaber*innen sein. Keine Sorge, das geht mit ausreichend Übung in das normale Reaktionsportfolio über! GesichtspausenTM sind nämlich spürbar, wie… ähm… also nicht wie andere… aber so ähnlich!


GesichtspauseTM – Anwendungen (Auszug)

Beispiel 1: Flachwitze

Flache Witze, also 2D-Witze, auch „Flachwitze“ genannt, sind die Hauptursache für Gesichtspausen.

Schwedische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Flachwitze für 91,8% aller GesichtspausenTM in Ländern mit mehr als 60% Abdeckung mit Highspeed Internet verantwortlich sind. Tendenz: steigend!

Beispiel 2: Kleinere Missgeschicke im Haushalt

Man sitzt an einem Küchentisch und trinkt Kaffee. Wahlweise auch Tee. Nebenbei daddelt man mit seinem SnobPhone rum. Nach einer Weile merkt man „Der Fuß ist nass.“ Stellt sich heraus, dass zum wiederholten Mal innerhalb eines kurzen Zeitraums, sagen wir… 2 Wochen, die in der Küche befindliche Waschmaschine ausläuft, dann ist das Anlass für eine GesichtspauseTM. Eigentlich ja auch für eine längere, allerdings steht das im Widerspruch zur Notwendigkeit entschlossenen Handelns im Angesicht akuter Überschwemmungsgefahr im Innenraum, was die Dauer der GesichtspauseTM doch empfindlich verkürzt.

Beispiel 3: Größere Katastrophen

So, liebe*r Leser*in, jetzt stell Dir mal vor, Dein Auto wird zerstört. Nicht bei einem normalen Unfall, sondern durch… ein abstürzendes Flugzeug. Jetzt wird es moralisch schwierig, aber nicht unmöglich, eine GesichtspauseTM zu verwenden.

Handelt es sich bei der die Zerstörung des Autos verursachenden Flugzeugkatastrophe um ein Ereignis mit… Personenschäden, dann verbietet sich natürlich eine GesichtspauseTM ob des in Schutt und Asche gelegten Cabrios, da das Leid der anderen selbstverständlich als schwerwiegender einzustufen ist. Unter bestimmten Umständen kann es aber gerechtfertigt sein, das Nichtverwendendürfen einer GesichtspauseTM aus moralischen und/oder ethischen Gründen selbst mit einer GesichtspauseTM zu kommentieren.

Kommt es im vorgenannten Beispiel aber zu keinen Personenschäden, weil zum Beispiel eine Transall ohne Passagiere an Bord abstürzt, deren Crew sich vollzählig mit Fallschirmen retten konnte, man selbst kann aber in Zeitlupe zuschauen, wie eines der Triebwerke den geerbten Wartburg 311 unter sich begräbt und anschließend in Flammen aufgehen lässt, dann hat man unmittelbar und sehr lange, mindestens aber bis zum Eintreffen der Feuerwehr, das Recht auf eine GesichtspauseTM.

Beispiel 4: Dumme Menschen

Man reserviert als Mitarbeiter eines kleinen Theaters einen Sitzplatz, zum Beispiel für aufsichtführendes Personal oder einen mobilitätseingeschränkten Gast. Ein anderer Gast, für den der Platz nicht reserviert ist, entfernt das entsprechende Schild und legt es auf einen anderen Platz. Kommentar des Gastes: „Da war doch nicht wirklich reserviert?!“

Neeeeein, natürlich nicht! Warum sollte man ein „Reserviert“-Schild auf einen Platz legen und es auch noch ernst meinen? Viel wahrscheinlicher ist ja, dass das Schild zum Spaß da liegt! Bist Du dumm?

Möchte man sagen, entscheidet sich aber für die subtilere Lösung einer GesichtspauseTM zum Zurechtzupfen des eigenen Nervenkostüms und ein darauffolgendes, emotionsloses, aber unmissverständliches „Doch.“

Beispiel 5: Zwischenmenschliche Beziehungen

Man macht was. Kommt relativ häufig vor, ich weiß. Ich meine sowas wie… puh… ehm…

Sich gegenüber einer Person, die einen ganz offensichtlich mag oder sehr mag, verhalten als würde sie das nicht tun. Die auf diese Weise guilt getrippte Person kann eigentlich nur mit einer GesichtspauseTM reagieren. Jeder darüber hinaus gehende Aufwand wäre Unsinn, da eine wohlgesetzte GesichtspauseTM in diesem Zusammenhang dieselbe, wenn nicht sogar eine bessere Wirkung wie und als ein(es) Schlag(s) auf den Hinterkopf entfaltet. Und sie ist obendrein gewaltfrei. Win-Win!

Auch als Reaktion auf liebgemeinte, aber völlig danebene Nachrichten ist eine GesichtspauseTM durchaus legitim. Erhält man beispielsweise elektronische Weihnachtspost, die der/die Absender*in ausgewählt hat, um einen damit zu erfreuen, gleichzeitig mit der Motivwahl aber ausdrückt, wie wenig er/sie den/die Adressat*in tatsächlich kennt… GesichtspauseTM!


Anmerkungen (nachts, 4:37 Uhr)

Natürlich gibt es noch eine ganze Menge an Situationen, in denen eine GesichtspauseTM eine angemessene und zielführende, vor allem aber kundige Kommunikationsstrategie darstellt. Sie sind aber nicht immer leicht zu erkennen. Solltet Ihr also unsicher sein ob eine Situation mit einer GesichtspauseTM zu kommentieren ist, so könnt Ihr mir gerne die entsprechende Situation beschreiben und ich gebe Euch einen Tipp. Oder Ihr seid mutig und probiert es einfach mal aus!

Übrigens: GesichtspausenTM lassen sich notfalls auch ganz bequem mittels Emoji (auf allen gängigen SnobPhones verfügbar) darstellen. Die geschriebene GesichtspauseTM ist jedoch von zeitloser Eleganz und daher zu bevorzugen.

© 2019 albert sadebeck

10 Kommentare zu „kleines wörterbuch der kundigkeit, folge sieben

  1. Großartig beschrieben! Made my day! Ich habe bisher quasi täglich mehrfach Gesichtspausen™ verwendet, aber konnte ihnen bislang keinen Namen geben. Dabei gehören sie essentiell zu meinem Leben, vor allem wegen Beispiel 4. Denn – sie, denen man sagen will „Entschuldigung, sind sie dumm?!“ – sind überall!!

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