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Raureifwurzeln

Weihnachten… der Versuch, ALLE Erwartungen und Emotionen in 3 Tage zu packen und bei Verstand zu bleiben.

Dieses Jahr fühlt es sich an wie eine buschige Nordmanntanne zwischen ’ne Kommode und ein Sideboard in die dunkelste Ecke der Stube gequetscht. Eigentlich zu groß, kein rechter Platz dafür, muss aber halt – also mit Gewalt. Die brechenden Äste unten werden unter den Teppich gekehrt. Wird schon. Weil man das eben so macht.

Mein Herz wird schwer die Tage, wenn ich an die Teile der Familie denke, die Heiligabend nicht mit in großer Runde sitzen. Das nun schon zweite Jahr, in dem man abwägen muss, ob das Risiko die gemeinsame Zeit überwiegt?? Der Weihnachtsbaum bekommt kompensierend eben ein paar Glitzerkugeln.

Wenn es nicht grad die Pandemie ist, die Schwierigkeiten in den Weg ballert, kommt noch ein bisschen Schichtarbeit in die bunte Mischung des Planungswahnsinns. Nicht jeder kann zu jeder Zeit am selben Tag irgendwo eintrudeln… also los, entscheide dich, Herz wer wann gesehen wird… oder häng erstmal zur Beruhigung Lametta in den Baum.

Mein Wirbelschlumpi, der seinen Weihnachtsabend nicht bei mir verbringt.

Den Tränenstrom beim Gedanken daran kann nicht mal die hell leuchtendste Lichterkette trocknen. Dennoch wird sie an den Baum geklöppelt. Ist ja nur ein Abend, also hab dich nicht so, Herz. Wer hat denn da so viele Erwartungen, dass er jetzt daran zerbricht? Mein Gott, wird es halt dieses Jahr kein gemeinsames Fest! Stirbt auch keiner.

Sicher? Ich bin es mir nicht. Die Leere, die der Gedankenstrudel hinterlässt, hält sich hartnäckig. Ich feiere nicht allein, irgendwann ist die längste Schicht vorbei und man kann spät abends zusammensitzen, ich habe so viele liebe Menschen in meinem Leben, dass ich die drei Tage BRAUCHE, um alle mal kurz zu sehen, und die Post hat eine Überraschung nach der nächsten in meinen Dezember überbracht. So viel Liebe hat mein Briefkasten bisher selten erlebt. Und trotzdem scrolle ich durch Amazon, um eine Decke für unter den Christbaum zu ordern.

Die legt man vorher drunter. Halt die Klappe, Hirn! Ich mache das nicht für dich und Herz ist egal, wann man die wo hinlegt.

Ob des Einwands schließe ich die App dennoch und öffne zur alternativen Ablenkung eine Social Media Plattform. Menschen dekorieren, verlosen, backen und wetteifern, wer es wohl gemütlicher hat und ich werde immer missmutiger, weil es meine perfekte Vorstellung dieser Tage in der Form nie geben wird. Während ich also halb vor Wut, halb vor Enttäuschung heulend umher swipe fällt, mein Blick plötzlich auf die Storyslides einer Seele die, obwohl sie so weit weg wohnt, dennoch oft sehr nah scheint. Dieser Mensch ist es diesmal auch, der mich aus dem pandemisch geprägten Gedankenkarussell reißt. Auch ihr machen die Maßnahmen, die eisige Kälte in der Gesellschaft, der Virus und seine gesundheitlichen, aber auch emotionalen Folgen zu schaffen. Sie verabschiedet sich über die Feiertage vom Schaufenster in ihr Leben und kündigt nur einen kurzen Einblick in ihre persönliche Weihnachtstradition an. Eine Wildtierweihnacht. Mein Herz hört auf, sich theatralisch zu winden und wischt sich mit seinem Ärmel über die verquollenen Augen.

„Eine was?“, fragt es vorsichtig.

Eine Wildtierweihnacht. Diese zwei wunderbaren Menschen gehen über Weihnachten in den Wald und bringen Äpfel, Nüsse, Möhren und andere Leckereien zu ihnen bekannten Wildwechselstellen.

Ich sitze wie gelähmt vor meinem Telefon und erkenne: DAS fühlt sich gut an.

Diese Form des Zelebrierens könnte die erlernte Tradition, die sich den Umständen ergeben muss, ersetzen. Der Gedanke an einen stillen Winterwald zur Nachmittagsstunde, der meine Leere auffängt, tröstet so sehr. Als würde mein Herz Vogelfutter und Sonnenblumenkerne passend in seine Risse puzzeln und sie so von innen stopfen. Statt eines einsamen Filmemarathons, bis das Treffen mit lieben Menschen los geht, ein Spaziergang durch die wilde Schönheit des nahegelegenen Waldes. On top auch noch die Futterüberraschung und der tröstende Gedanke einer Sinnhaftigkeit hinter diesem Ausflug. Ihre Idee fängt mich so sehr auf, dass es zum ersten Mal nicht vollkommen sinnlos erscheint, dieses Weihnachtsfest ohne Schlumpi überhaupt zu begehen. Eine Waldweihnacht nur für mich und die Wildtiere, denen herzlich schnurz ist, ob der Baum in meinem Wohnzimmer nun auf einem Deckchen steht oder nicht.

Es ist ok. Ich brauche keine anderen Bräuche mehr, um zu dieser Zeit doch ein bisschen weihnachtlich gestimmt zu sein. Der Baum muss meine Traurigkeit nicht mehr übertünchen. Der Gedanke an ein Draußen sein, nichts erfüllen müssen und danach gemeinsam essen und erzählen können, tröstet mich über die Abwesenheit meines Kindes. Die Wildtierweihnacht wird dafür sorgen, dass ich beruhigt weiterschlagen kann. In meinem Rhythmus. In meiner Wohlfühlumgebung. Es fühlt sich nach Trost an.

Ich weiß nicht, ob ihr klar ist, wie sehr ihre Idee, einfach mal etwas komplett anderes, so sehr natürliches und selbstloses zu machen, mich fängt. Allein der Gedanke an die Gartenäpfel, die ich in den Wald tragen werde, lässt mich besonnen und ruhiger werden. Kalte Winterluft, die meine brennenden Erwartungen an mich selbst kühlt und ein bisschen zwischen den alten Riesen umherwandern, die mit ihren kraftvollen Wurzeln Beständigkeit in diese verrückte Zeit bringen.

Ich freue mich nun schon beinahe, meinen Rucksack zu packen und nach dem Verteilen von Kleinigkeiten für die Tiere eine warme Tasse Tee zu Fuße eines Baumes zu trinken. Gewärmt und geerdet. Für die restlichen Stunden Weihnacht, die dieses unberechenbare Jahr mit sich bringt.

Seine Abwesenheit wird dann an den restlichen Tagen mit vielen Knuddelattacken, Umhergetrage und Klammern meinerseits heilegepflastert werden, bis die Narben verblasst sind. Hoffentlich erinnert sich Hirn an den Schmerz, wenn es das nächste Mal aus nichtigen Gründen lospoltern will.

Habt alle ein Weihnachten, das euch erfüllt. Danke, ihr lieben Menschen, die mich einladen zu gemeinsamen Stunden.

Danke, du Powerfrau, für deine fabelhafte Idee, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Der Trost darin ist unsagbar.

Hier eine Liste von Dingen, die ich machen kann, WEIL das Kind nicht da ist:

– im Wald umher stromern, Glühwein trinken, bis spät in die Nacht mit Familie zusammensitzen, ungestört und ohne Verantwortung viel zu spät noch einen Film schauen, alle Kekse selber essen, in aller Ruhe am 24. noch Geschenke einpacken…


© 2021 hollingtonsmum

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Nebelbegegnung


Es klingelt.

Sie hebt ihren Blick vom Tisch.
Es klingelt erneut.

Die darauffolgende Stille ist beinahe greifbar.

Ein Klopfen an der Tür.

Sie legt ihren Kopf einige Millimeter schief.

„Hallo?“ ruft eine männliche Stimme von draußen.

„Hallo!“ antwortet sie freundlich, aber unbestimmt.

„Würden Sie bitte die Tür öffnen??“

Ein sehr genervtes Klopfen unterstreicht die Ungeduld in seiner Stimme.

„Warum?“

Sie ist sich WIRKLICH nicht sicher.

„Weil ich, wie postalisch angekündigt, Ihren Wasserstand ablesen muss.“

Schweigen.

Wasser brauchen die Pflanzen auch mal wieder. Ich sollte sie gleich gießen. Die Gießkanne war…

Längeres Schweigen.

Er entschließt sich, erneut zu klopfen.

„Herein!“, antwortet sie überrascht.

„Sie müssen die Tür ÖFFNEN!!!“

Himmelarschundzwirn“, denkt er sich. Für so einen Quatsch hat er an diesem Nachmittag keine Zeit.

Langsam bahnt sie sich ihren Weg durch gestapelte Post, tropfnasse Blumentöpfe und ein paar Backsteine, die sie von ihrem letzten Spaziergang mitgebracht hat. Wofür fällt ihr gerade nicht ein.

Was für ein schöner Flur. Wer hier wohl wohnt?

Das erboste Klopfen reißt sie aus ihren Gedanken.

Was war das?? Erschrocken blickt sie sich um. Vielleicht ist sie nicht allein? Die Angst weicht mehr und mehr ihrer Wut. Wut über die Unfähigkeit sich zu erinnern, sich zu orientieren. Warum nur weiß sie nicht, ob sie gerade allein ist?

„Lassen Sie mich jetzt meine Arbeit machen, oder soll ich gehen?“

Ah, da ist jemand an der Tür. Zielstrebig steuert sie auf die Türklinke zu, entschlossen, diesmal nicht zu versagen.

„Wo ist denn die Wasseruhr?“, fragt er mürrisch beim Eintreten…

Etwas unwohl wird ihm bei dem Anblick der seltsam gestalteten Diele. Nichts liegt an Orten, die dafür vorgesehen sind. Eine Zahnbürste hängt am Schlüsselbrett, statt Schuhen liegen Steine verschiedener Größen im Schuhschrank. Ein hellgelber Bademantel hängt in der Garderobe. Wie kann man so chaotisch leben?

Die Stille, in der er sich umsieht, wird ihr unangenehm.

„Möchtest Du Kuchen?“ Mit großen Augen blickt sie den Fremden im Blaumann an.

„Ehm… nein, ich möchte viel lieber die Zähler ablesen. Wo ist denn Ihr Bad?“

Langsam dämmert ihm, dass er es hier mit keiner normalen Omavonnebenan zu tun hat. Seine Uhr vibriert, er hätte bereits jetzt zum nächsten Haushalt gemusst. So würde das wohl nichts werden.

„Wo ist denn Ihre Toilette?“, wiederholt er seine Frage mit anderem Wortlaut.

Sie nestelt mit ihren Fingern aufgeregt an ihrem lila Überjäckchen.

Das sollte ich sicher wissen? Er schaut als müsste ich die Antwort kennen.

Sie wird traurig ob ihrer Unwissenheit. Sie kann es nicht. Sie kann sich nicht erinnern, wo ihr Bad ist.

„Ich wohne hier nicht.“, erklärt sie sich selbst und dem Mann, um ihre Unfähigkeit, den Weg zu beschreiben, zu rechtfertigen.

„Es gibt hier kein Bad.“, schießt sie vorsichtshalber hinterher.

 Ungläubig legt er seine Stirn in Falten.

„Oh oookay?! Darf ich mich mal umsehen?“, fragt er.

Mit einem Schritt zur Seite gibt sie den Blick in die Wohnung frei. Er öffnet behutsam zwei Türen, bis er das Bad vor sich hat.

Ausgeblichene Klebezettel „nicht öffnen“ am Fenstergriff, „Vorsicht heiß“ am Föhn, und viele mehr solcher Erinnerungsbrücken, vorsortierte Wäschepakete mit den jeweiligen Wochentagen beschriftet, diverse Tablettendöschen, aber auch Bücher in der Badewanne… all das leuchtet dem Monteur mehr oder weniger ein. Eines jedoch versteht er beim besten Willen nicht…

„Warum haben Sie den Spiegel über Ihrem Waschbecken verhangen?“

Panisch blickt sie sich um.

„Da wohnt eine alte Frau“, erklärt sie.

„In Ihrem Spiegel??“ Verwirrt muss er kurz darüber nachdenken.

Sein Telefon klingelt. Ein blechernes CherryCherryLady ertönt im Bad. Sie beginnt zur Melodie zu schunkeln,

 während er das Gespräch annimmt.

„Ja. Jaja, ich weiß. Nein, ich schaffe die Route heute nicht. Es ist etwas dazwischengekommen.
… Ja, hänge ich hinten dran. Ja. Ok.“

„Jakob mag Musik sehr. Und was können wir tanzen!“, erzählt sie gerade dem Duschkopf, als er sie mit Telefon am Ohr aus den Augenwinkeln beobachtet.

„Wenn er gleich vom Einkauf zurückkommt, schwingen wir mal wieder ein flottes Bein.“ Sie kichert vergnügt.

Er legt auf und bereut keine Sekunde, die anderen Termine vernachlässigt zu haben.

„Möchtest Du Kuchen?“ Fragt sie erneut. Er nickt diesmal.

Wie er am Tisch der vergesslichen Dame sitzt, lächelt er zum ersten Mal seit Tagen wieder. Mal belustigt ihn der neue Name, den sie ihm verpasst, mal die Kleinigkeiten, die ihr aus ihrem Leben plötzlich einfallen. Er beobachtet, wie sie auf dem Weg zum Wasserkocher vergisst, dass sie Kaffee kochen wollte und stattdessen ein Weilchen in sich gekehrt vor sich hinstarrt. Die Küche riecht nach Zimt und Rosmarin. Eine grausige Mischung in seiner Nase. Dennoch schmeckt der tiefgefrorene Käsekuchen, den sie serviert. Etwas sperrig liegt der Klumpen unaufgetautes Gebäck in seinem Mund, ähnlich wie die Konversation, die durch fehlende Handlungsstränge nicht in Gang kommt. Immer wieder bricht sie mitten im Satz die Antworten ab. Und sie möchte oft frühstücken.

Er hilft ihr beim Frühstück um 14.30 Uhr und auch eine Stunde später um 15.30 Uhr deckt er, ohne zu murren, die Marmelade zur Butter auf den Tisch. So oft hat er noch nie an einem Tag gefrühstückt. Sie freut sich zu wissen, dass man am Morgen Marmelade isst und genießt ihren Triumph über die Hilflosigkeit.

„Und Jakob ist einkaufen?“ Verwundert nimmt er zur Kenntnis, dass seit dieser Aussage bereits 3 Stunden vergangen sind.

„Ja“, versichert sie beinah bockig.

Sein Plan zu warten, bis Jakob zurückkommt, löst sich Sekunde für Sekunde in Luft auf. Nachdem er den Nachmittag damit verbracht hat, der Frau beim Vergessen zuzusehen, ärgert er sich ein bisschen über sich selbst. Er hätte wissen sollen, dass es keine Garantie für einen einkaufenden Jakob gibt. Dennoch bringt er es nicht übers Herz, die Frau unbeaufsichtigt ihrer Welt zu überlassen.

Seine Gegenwart schien die Einsamkeit der Frau nicht zu lindern, im Gegenteil. Sie vergisst zwischen den Gesprächsfetzen, dass sie sich in Gesellschaft befindet und erschrickt, wenn sie aufsieht. Oder er kann beobachten, wie sie fieberhaft ihr Hirn nach möglichen Gründen für den Mann am Tisch gegenüber durchsucht. Gefangen in einer Welt ohne Uhrzeit, ohne Logik oder intakte Erinnerungen, schluckt sie ab und zu verunsichert. Sollte ich den kennen? Er kocht ihnen eine Kanne Fencheltee und stellt sie zwischen sich auf den Tisch.

Plötzlich dreht sich ein Schlüssel in der Tür.

„Hallo Mama, ich bin zurück. Der Arzt hatte wieder unmögliche Wartezeiten aber…“

Ihre Tochter erschrickt bei seinem Anblick, um sich dann ausgiebig zu entschuldigen. Sie habe vergessen, dass der Termin heute sei. Schön, dass er dennoch die Zähler abgelesen habe.

Gelangweilt bläst die verstaubte Heizung Trübsal in die Luft. Mit aller Kraft zerrt die alte Frau an verblichenen Erinnerungen und kippt Fencheltee neben ihre Tasse. Während andere Menschen ihres Alters eigene Momente und Personen wie Wolken am Himmel beobachten, hängen ihre Lebensmomente fest am Boden verhakt, weigern sich zu fliegen. Statt fröhliche Wattewölkchen nur Nebelbegegnungen. Emotionen, die sich im Dunst verstecken, nichts als Schwaden. Unsicherheit, Fehler zu begehen, die ihr selbst nicht mehr auffallen. Andere zu verletzen mit Nichtgewusstem. Verloren in den Lücken ihrer Sinne.

Meine Tochter hat sicher einen schönen Namen. Welcher es wohl ist… fragt sie sich, beinahe beiläufig, um im nächsten Moment den Gedanken vergessen zu haben.

„Und Mutter, hast Du Dich gut unterhalten?“

„Mit wem?“

„Na, mit dem Mann vom Wasserwerk.“

„Hier war kein Mann. Aber die Blumen, die brauchen Wasser.“

„Nein Mutter, die Blumen haben wir erst vorhin gegossen. Aber Besuch, den hattest Du.“

„Nein. Hier war nur Nebel“

„In der Küche?“

„In meinem Kopf.“

„Ich geh dann mal“, flüstert er vorsichtig. „Grüßen Sie Jakob.“

Der Blick der jungen Frau wird traurig.

„Oh, das wird nicht möglich sein. Mein Vater ist vor 2 Jahren gestorben.“

Verdammt, diese Möglichkeit hatte er nicht in Betracht gezogen.

„Das tut mir sehr leid, ich dachte… Ihre Mutter…“

„Ist er wieder einkaufen?“, unterbricht sie ihn mit einem erschöpften Lächeln.

„Ja…“

Er denkt kurz nach.

„Wie schaffen Sie das?“

„Sie ist meine Mutter.“

Draußen nimmt er sein Telefon und wählt hastig.

„Hallo Mama, ich musste gerade an Dich denken… Nein, wirklich nur mal so! Wie geht es Dir?“


© 2021 hollingtonsmum

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Blockpost™ was so passiert

Holy Sh**!


Es ist Weihnachten und ich fahre nach Hause. Wie es sich gehört, rieselt der Schnee leise und die Tore sind weit. Die Straßen sind voll, die Gemüter überraschend sanft. Es ist der besondere Zauber dieser Zeit, oder liegt es vielleicht einfach nur am blechernen Klingeln der Glöckchen übers Radio?

🔔🔔

Alle Jahre wieder kommt morgen der Weihnachtsmann und die Kinder wissen, es wird was geben.

🎁

Ich hatte dieses Jahr eine ernsthafte Unterhaltung mit dem Kurzen, wollte er Weihnachten doch vorrangig über Geschenke definieren. So nicht mein Lieber… so nicht…

Wir haben also in der Weihnachtsbäckerei alles mit Zimt gepimpt, beobachtet wie am Weihnachtsbaum die Lichter brennen und natürlich unser Herz dieses Jahr ausschließlich Wham! geschenkt. Zugegeben, auch Mariah Carey durfte das ein oder andere Duett darbieten.

(Duett, fragt sich der wissende Musikfan nun… jahaaa. Ganz richtig, ich singe das auch! Süßer die Klassiker nie klingen… schwöre!)

🎤🤶🎶

Spätestens nachdem wir bei Oma angekommen sind, versteht das junge Menschenkind den ganzen Zauber um diese bedächtige Zeit. O Tannenbaum, wie schön sind deine Trilliarden bunten Kugeln, die Oma über Jahrzehnte zusammengesammelt und behütet hat. Auch die Krippe mit dem Kind steht hier stilecht umher. Da wir‘s mit dem Glauben jedoch nicht gar so christlich halten, hallt das ein oder andere „Kommet, Ihr Hirten“ durch die Stube, wenn der Schlump ein Wettrennen gegen die Esel und Schafe inszeniert.

🏎

Ein wundervoller Traum ist es, den ich in meiner Kindheit leben durfte. Eine reichlich gedeckte Tafel, ein laut geträllertes „Ihr Kinderlein, kommet“ und die unendlichen Minuten vor der Wohnzimmertür, in denen wir uns wünschten, Santa würde sich mal ein bisschen beeilen auf dem Weg durch den Kamin.

🎅

Natürlich stand für mich als Kind auch der Moment des Geschenkeauspackens im Vordergrund und in der stillen Nacht vor der Bescherung ging kaum ein Auge zu. Dennoch weiß ich heute, ein paar Jahre später, dass der Heilige Abend bereits viel früher beginnt und von all den Emotionen getragen wird, die meine Familie damals wie heute gelebt hat. Schon meine Mama hat von einer weißen Weihnacht träumend Keksladung um Keksladung gebacken, während sie die Titelmelodie von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ summte.

🌰🌰🌰

Alles, was ich mir zu Weihnachten wünsche, ist, dass das Kind versteht, dass Weihnachten nicht an der Höhe des Geschenkebergs gemessen wird, sondern an der Qualität der eigenen Gedanken und Mühen. Seien es kleine Postkarten, eine liebe Nachricht an länger nicht gesprochene Menschen, eine warme Decke für jemanden, der friert oder welche Geste auch immer einen demütig dankend zur Besinnung kommen lässt. Sieh hin Kapitalismus, wenn der Schlumpi seiner Oma eine hässliche, selbstgebastelte Karte übergibt… da kannst du noch einiges lernen. Oh du fröhliche Shoppingzeit, da kann selbst ein diamantbesetztes Diadem nicht mithalten…

Wenn du der Geschenke Verzweiflung nah bist, renn nicht kopflos im Kaufrausch durch die Center dieser komischen Welt. Denk daran, dass gemeinsame Zeit oft das wertvollste Geschenk ist, früher war eh mehr Lametta. In diesem Sinne: Mögen die Lichterketten dir die Weihnachtszeit erhellen und „Have yourself a merry little Christmas“ … 🎄


© 2021 🌠 hollingtonsmum

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Das Foto


Februar…

…und das Thermometer zum ersten Mal im 2-stelligen Minusbereich. Ich gammle mit neugeborenem Kind auf der Couch umher und fühle mich einsam. Beschließe also, sobald die Kraft zurück ist, fahre ich mal wieder zur Reitstunde. Voller positiver Energie vereinbare ich sie noch und bin ruhiger.

Es ist immer noch kalt. April oder so.

Aber mittlerweile ist der Winterspeck so konstant, dass es nicht mehr so auffällt. Vor meiner Reitstunde habe ich einen Banktermin, danach will ich zu meinen Eltern. Ich brauche also ein ordentliches Outfit für den Kredit, ein schludriges für den Stall und ein möglichst tierhaarfreies für die elterliche Couch im Anschluss. Fürs Kind was Mittelwarmes für drinnen, extrem megakuschelbeheizt für draußen und irgendwas dazwischen für alle Fälle. Ich packe den halben Haushalt ein. Danach den Rest. Sicher ist sicher.

Mit Babyschale in der linken Armbeuge, dem Rucksack aufm Rücken, einer Tasche für unterwegs rechts am Arm, zwei Beuteln mit Zeug in der Hand, Autoschlüssel, Haustürschlüssel, Handy und Handschuhe irgendwie an und in meinen Fingern gebe ich ein jämmerliches Bild eines betagten Packesels ab, der sich, wenn er könnte, selbst erlösen würde. Ich bin zu müde für den frühen Termin, zu kraftlos für die Reitstunde und definitiv für die Treppe zu überladen. Mir kullert eine Träne der Anstrengung übers Gesicht, aber ich habe keine Hand, Ellenbogen oder sonstiges Körperteil frei, um sie weg zu wischen. Stattdessen also Schritt für Schritt die Stufen nach unten, die Babyschale bei jedem Schritt vor mein Knie polternd. Atemlos und am Rande des Wahnsinns unten angekommen, schleiche ich betroffen am Mahnmal der Unfähigkeit vorbei, meide Blickkontakt und rede mir ein, dass auch andere Menschen eine gestörte Beziehung zu ihren Briefkästen haben. Ich kann nicht der einzige Mensch sein, der lieber den Hinterausgang mit Umweg in Kauf nimmt, um das Ding nicht zu sehen… Leider war mir der Umweg heute zu lang. Ich wollte auf schnellstem Weg zu meinem Auto, um all das Gepäck aus meinem Aufgaben- und Kraftbereich zu entfernen. Einmal alles eingepackt, würde es sicher leichter werden.

In Gedanken an unliebsame Post – wer mir Freude machen will, sende mir etwas ohne Rechnungen!! – nähere ich mich meinem Auto. Ein grellroter Mazda aus erster Hand. Das Automatikgetriebe eingefahren vom mittlerweile verstorbenen Vorbesitzer (RIP), welcher mir unbekannt blieb. Alles was ich von ihm weiß: Es muss ein gemütlicher Mensch gewesen sein, denn den 5. Gang habe ich diesem Wagen beibringen müssen.

Als mein offiziell so richtig eigenes Auto, mit selbstbestimmtem Nummernschild (nein, keine Initialen… ein Wortspiel natürlich!) achte ich sehr darauf, weshalb es mich besonders ärgert, dass in der langen Parkreihe am Gehweg vorm Haus ausgerechnet mein Auto zugefrorene Scheiben hat. Was sollte der Scheiß? Ich hatte keine Hand frei zum Kratzen und wollte das kleine Kind keinesfalls im Kalten warten lassen, bis die Glasscheibe sich erbarmte, ihre Aussicht mit mir zu teilen. Meine Erschöpfung schlug in Wut um. So ein Dreck. Alle anderen Autos waren glasklar, nur meine olle Karre… was war das? Hatte ich vergessen die Tür zu schließen??? Ich näherte mich ungläubig.

Die Hintertür der rechten Seite schien nicht vollkommen geschlossen, seltsam. Vielleicht war sie nicht ins Schloss gefallen, als ich, sicher wieder nur mit der Hacke, weil überladen vom Gepäck und Kinderschale, die Tür mit einem Seufzer zu gekickt hatte. Verdammt. War also meine Schuld, dass ich nun nicht pünktlich loskam. In mich grummelnd schichtete ich meine Habseligkeiten wackelig neben das zum Glück liebe Kind auf den Gehweg und bereitete mich mental auf das Einfrieren der Finger vor. Ich konnte gar nicht so viel theatralisch ausatmen, wie ich genervt war. Ich öffnete also die Tür, die ja eh nicht verriegelt war, um das Kind schonmal in das Fahrgestell zu verfrachten und nicht auf dem Boden erfrieren zu lassen und erstarrte…

Da lag jemand…

„Das glaubt mir kein Schwein.“

– Da haste recht, mach ’n Foto!!!!!!

Als geübte Neugeborenen-Fotografin, zu der ich mich in den letzten Monaten entwickelt hatte (naja mutiert bin…), war der Griff in meine Hosentasche, Entsperren, Kamera-App starten und auf den Auslöser drücken zu einer meiner leichtesten Übungen, fast schon größten Hobbys geworden. Ich hielt als pflichtbewusste Mutter jede Sekunde doppelt fest, sicher ist sicher, man könnte ja was verpassen. Meine Kamera hätte ich nachts um 4 aus dem Tiefschlaf starten können – „Tief“-was??? … Klappe Hirn!

Hätte ich gewusst, dass das monatelange Training für diesen Moment Gold wert war… wäre ich vielleicht nicht so erschrocken gewesen.

Ein erwachsener Mann in Arbeitsklamotte hatte den Fahrersitz ganz nach hinten gedreht, sodass sein Gesicht, welches auf Höhe der Rückbank lag, mich direkt anschaute. Während ich mein Telefon zückte, richtete er sich auf, und die Pose, die auf dem Beweisfoto abgebildet wurde, hätte lässiger nicht werden können. Wer von uns beiden mehr verdutzt aus der Wäsche glotzte lässt sich dank fehlender Aufnahme meines Ausdrucks nicht mehr feststellen… Meine Wut wurde zu Erstaunen.

Hirn ratterte auf Hochtouren und brachte immerhin:

„Ähm… das ist mein Auto!“ zustande.

Wahnsinn.  Mich machste in einer Tour fertig und da musst du Schlagfertigkeit erst noch googlen?!!!

– oh, schlagen wäre auch eine Alternative gewesen…

Gesichtspause™.

Der in seinem Schläfchen empfindlich gestörte Mann, rappelte sich auf, verließ meinen Mazda durch die Fahrertür und torkelte bergauf die Straße von dannen.

Hirn!!! Was machen wir jetzt?

Sag die Reitstunde ab! Das schaffen wir nicht mehr! …

…“Hi, sorry, aber ich werde zu spät kommen heute… ne, nichts passiert… ein Fremder hat mein Auto aufgebrochen und drin übernachtet… was die Polizei dazu sagt? Die ist noch nicht da… ja, genau deswegen dauerts hier noch… Danke, bis später“

Polizei! Genau…


Während ich darauf warte, dass die Ordnungshüter eintreffen, wird mir klar, dass es kein Frost ist, der mir die Sicht nimmt. Die Scheiben sind von innen angelaufen. Jemand hat mein Auto vollgeatmet.  Bäh… mein Erstaunen wandelt sich in Ekel.

„Können Sie den Mann beschreiben.“

„Nun… nein, aber vielleicht hilft das Foto von ihm weiter?“

Ungläubige Blicke.

„Sie haben ein Foto??“

„Also, ja…“
Ich zücke mein Telefon und halte den lässig in meinem Auto hängenden Kerl Richtung Beamten.

„Ok, das ist hilfreich. Aber das hätte auch derbe schief gehen können. Stellen Sie sich mal vor, der Mann wäre wütend geworden!“

„Ich hab‘ das sehr schnell gemacht. Eigentlich kaum drüber nachgedacht. Mach ich nicht wieder.“

…siehste Hirn, das war ‘ne dumme Idee!!!!


September.

Ich bekomme einen Anruf meiner Eltern. Papa ist am Telefon. Das kann nichts Gutes heißen… mir wird warm…

„Hier ist Post für Dich. Vom Gericht.“

„Fuck“, denke ich…

„Mach mal auf!“

„Die Anzeige wurde fallen gelassen. Der Mann in Deinem Auto hat keine Meldeadresse und kann nicht belangt werden. Bekommst keine Kohle. War ja klar.“

Puh… immerhin hab ich noch das Foto.


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Anmerkungs-Blockpost™ mit Grinsen


Da gab es also diese Schreibpause. Und offenbar begann die so abrupt, dass sich hier im Speicher noch bereits geschriebene Texte versteckt hielten. Tja. Was machen mit den getippten Gedanken? Einfach mal raushauen. AABER nicht komplett unkommentiert: der bereits 1 Jahr alte Beitrag…

Wie bitte, wie lange hast du nichts verfasst? Schämt dich!

Klappe Hirn.

Genau, Klappe Hirn! (Anm. v. Herrn S.)

Also, der eingestaubte Beitrag, den gibt es und das Ereignis dazu gab es auch. Aber, und das ist jetzt spannend.

Sagt wer? ….

Die Wut, die gibt’s nicht mehr. Über einige scharf formulierten Sätze muss ich heute grinsen und würde sie so vermutlich nicht mehr tippen. Ein Jahr ist vergangen und ich habe aufgehört zu kämpfen, einige Schichten Schutz von mir gerissen, gelernt, weniger zu explodieren und mehr zu atmen. Wie kommt‘s?

Am Yoga liegts nicht, das machste ja nie.

Hirn… du nervst.

Trinkst du heimlich? Alkohol macht gleichgültig.

Macht Alkohol nicht streitsüchtig?

Ahaaa, streiten wir grade, oder was?!

Gesichtspause™

Wut. Wut ist ein guter Indikator, um mal zu schauen wo‘s weh tut und wieso eigentlich. Und Wut ist die einzige Emotion, die es schafft, dass ich freiwillig renne. Ich spüre die Welle an Emotion so körperlich, dass ich irgendetwas damit anstellen muss. Und um nicht Godzilla artig das Umfeld in Schutt und Asche zu legen, renne ich los. So lange, bis der Drang zu schreien meine Füße nicht mehr antreibt.

Ich gebe zu es gab bisher nur wenige Ereignisse in meinem Leben bei denen ich vor Wut gerannt bin.

…kommt daher eigentlich das Sprichwort „rasend vor Wut“?

… öh wäre möglich…

Na, du wärst sicher kein Maßstab dafür. Bei dir hieße es …

Klappe Hirn!

Aber es gab sie. Das Thema Kind im Bett ließ mich nie joggen, hatte aber Triggerpotenzial, sodass ich die ein oder andere Diskussion impulsiver ausficht als vielleicht nötig.

Ausficht? Was ‘n das für ‘n Wort?? Gibt’s das??

Keine Ahnung, wird Herr S. uns schon mitteilen.

“Ausfocht“, verehrte Hollingtonsmum, „ausfocht“.
„Ausficht“ gibt’s schon auch, gehört aber zum Indikativ der 3. Person, Singular.
(Anm. von Herrn S.)

Druck erzeugt ja bekanntlich Gegendruck, und so sehe ich heute (ein paar Monate nach meinem Text) ein, dass es wohl wenig bringt, Menschen mit Wut zu begegnen. Dass ich heute keinen Drang habe mit Menschen zu diskutieren, die Familienbett blöd finden, liegt wohl zum Teil auch daran, dass ich im Alltag keine Gründe habe, das zu verteidigen. Und ein Alltag ohne tägliche Kämpfe lässt [mich] entspannter und klarer denken. Ich muss es im inneren Kreis nicht rechtfertigen, also kann mir der äußere Rest egal sein. Wie angenehm. Stellt euch bei dem Text ‘ne Katze in einem Karton vor.

Schrödingers Katze? (Zwischenfrage v. Herrn S.)

Cooles Bild.
Schrödingers Katze: Man weiß wirklich nicht, ob man lebt oder tot ist.
Wahrscheinlich überlebt man in diesem Straßenkarton.
Aber sollte das wirklich das Ziel dieses Lebens sein?
Schrödingers Katze. Schon doch auch.
(Anm. d. Autorin zur Zwischenfrage)

Der* liegt zwar gratis und leicht zu erreichen auf der Straße, aber Kinder treten davor, sticheln mit Fingern nach dem Kätzchen und stänkern.

*) der Karton (Anm. v. Herrn S.)

Heute chillt die Miez gelassen im Baum und wer sich die Mühe macht da hochzukraxeln, kommt selten, um zu zanken.

Ps: tippe diesem Text mit links*, weil auf dem rechten Arm der wirbelwind sanft gebettet vor sich hin schnarcht. Seine locken kitzeln in meiner Nase und ich bin froh das ich den Karton mit viel Kraft hinter mir liess.

*) Deshalb bleibt diese Passage auch unlektoratatiert (oder wie das heißt).
Und weil es witzig ist.
Außerdem bin ich von Deinen Links-Tipp-Skills amazed. (Anm. v. Herrn S.)

PPS: Musste feststellen, dass es zwar blöd ist, joggen zu müssen, wenn man keinen Bock hat, aber nicht joggen zu dürfen, wenn man wütend ist … boar…


© 2021 hollingtonsmum

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Von Eidechsen, Monstern und einem Karussell


Ich habe die meiste Zeit keine Ahnung, was ich als Mutter tue. Ich frage mich, ob die Meinungen über meine Lösungsansätze gerechtfertigt sind, wie viele Fehler ich mache und was mein Kind seinem Therapeuten später über sein Verhältnis zum Elternhaus erzählen wird.
Ich mute meinem Kind Umzüge und Veränderungen zu, obwohl ich selbst Ruhe und Beständigkeit suche. Ich habe manchmal keine Lust auf dem Boden mit Autos zu spielen und manchmal keine Zeit, um die dritte Runde Buchvorstellung durchzuführen, bis das passende Vorleseexemplar gefunden ist.

Dennoch höre ich manchmal, ich sei besonders geduldig, was meinen Sohn angehe.
Ein Beispiel:

August 2020

Wir besuchen ein Aquarium. Auf dem Weg zum Eingang stehen wir Schlange. Mein Kind sieht ein Kinderkarussell und fragt, ob es drauf darf. Ich finde die Fahrt mit fünf Euro pro Runde zu teuer, bin mir auch nicht sicher, ob er mit seinen zweieinhalb Jahren wirklich da sitzen bleibt, in Anbetracht des bevorstehenden Mittags im Imbiss und der möglichen Souvenirs drinnen verneine ich.
Er ist enttäuscht, aber die Schlange bewegt sich weiter und die Aussicht auf Fische lenkt ab. Wir werden begleitet von zwei weiteren Kindern. Das Gebäude ist geschickt angelegt, sodass man schon beim Eingang an allen erdenklichen Spielsachen vorbeimuss. Kuscheltiere, Schlüsselanhänger, Blöcke, Stifte, alles.
Teuer.
Naja.
Eines der anderen Kinder entdeckt eine Eidechse in XXL. Sicher 1 Meter lang. Es will sie haben. Das zweite Kind schließt sich an… wir beschwichtigen mit „eventuell danach“ …jetzt erstmal rein da. Ohne Echse!

Wir verbringen den halben Tag im Aquarium, es läuft gut, die drei Kinder machen gut mit. Hören im Gedränge, interessieren sich für die Tiere, schauen und zeigen viel. Nach einer Stärkung verlassen wir das Gebäude durch den Kinkerlitzchen-Ein-und-Ausgang.
Die Kinder haben die Plüschtiere nicht vergessen, rasen zum Ständer und betteln. Sie bekommen ihre Wunschfarbe. Um Streit im Nachgang zu verhindern (zwei Stunden gemeinsame Autofahrt), frage ich meinen Sohn, ob er auch will. Er wählt eine kleinere Variante. Mit Bauchschmerzen frage ich erneut: nicht lieber, wie die anderen Kinder, die Große? Er nickt (gleichgültig??). Die drei Reptilien werden eingepackt und wir verlassen den Shop. Und los geht’s. Mein Kind hat auf diesen Moment gewartet. Das Karussell! Er hat es nicht vergessen. Aber es ist kalt und der Hunger noch nicht vollends gestillt. Ungeduld der anderen drängt zum Weitergehen. Ich sehe, dass er wirklich gern fahren möchte. Biete an, ihn zum Auto zu tragen. Er verneint und beginnt zu weinen. Die anderen gehen weiter…

Panik steigt in mir auf. Mein Kind weint mitten auf dem Platz, eine Riesenechse im Arm. Was müssen die Fremden hier denken? Und wieso warten die anderen meiner Gruppe nicht?! Verdammt! Atmen. Hinknien. Erstmal schauen.

Er ist traurig, dass er nicht fahren darf. Die Echse ist ihm tatsächlich kein Trost, die war nie sein eigener Wunsch. Ich höre zu, ich nicke, ich erkläre, dass die anderen warten, die Fahrt zu lange dauert, verstehe seine Tränen und drücke ihn. Er sieht mich an, zieht einen Flunsch, fragt, ob ich ihn doch tragen kann und beginnt auf meinem Arm von den großen Welsen zu erzählen. Die Tränen sind versiegt. Das Karussell abgeschlossen. Er ist nicht mehr traurig und wir sind zeitgleich mit den anderen am Auto.

Etwas später belächelt mich das andere Elternteil. So ein Muschibubu gäbe es bei ihnen nicht. Ich verhätschle mein Kind… aber es bewundere meine Geduld.

Hier meine später in Textform verfasste Antwort*

Mal ‘ne kurze Sichtweise: er ist 2,5 Jahre alt und er wollte, seit er es gesehen hat, mit diesem Karussell fahren. Auch im Aquarium hat er davon gesprochen. Es ist doch vollkommen klar, dass er losheult, wenn wir gehen und er nicht drauf darf. Was erwartest du von ihm? Das er reflektiert genug ist zu sagen, hm doof jetzt aber nicht zu ändern? Er ist 2,5 und war traurig. Und das ist völlig ok. Es ist auch voll ok, dass er nicht damit fahren durfte. Aber er wird doch wohl sagen dürfen, wie es ihm damit geht. Machst du doch auch den ganzen Tag. Sehr deutlich… das Ganze hat keine 5 Minuten gedauert. Und die Echse hat nicht geholfen, falls du das jetzt denkst. Er wollte die Echse nicht haben. Er wollte Karussell fahren und war einfach nur traurig, dass es nicht ging. Ist das so schwer zu verstehen? Das hat nichts mit Geduld zu tun. Ich bin so ziemlich der ungeduldigste Mensch der Welt.
Ich hätte sein Heulen sicher auch ohne Muschibubu beenden können… Mit welchem Effekt? ‚Halt die Fresse, mich interessieren deine Gefühle nicht‘. Bravo. Richtig guter Lerneffekt. So erzieht man gesunde, psychisch starke Kinder, die später mit ihren Emotionen klarkommen.

*Ich war zu müde, um auch noch diesen emotionalen Kampf auszufechten und für meine Ansichten einzustehen.
Es ist anstrengend, bewertet zu werden.


Ich nehme mir vor, weniger auf Meinungen anderer zu hören. Habe dank fehlendem Partner keine zweite Sicht, die mein Kind wirklich kennt. Ich möchte nichts falsch machen, höre daher manchmal hin. Und dann komme ich ins Grübeln. Wann ist es denn außer Mode gekommen, einem Kind Gefühle, Überforderung und grundlos schlechte Laune – sprich menschliche Züge – zuzugestehen? Wieso müssen Kinder funktionieren und wieso sagt man ihnen, wie sie sich wann und wie lange zu benehmen haben? Wieso dürfen sie nicht weinen, sollen schnell die Tränen trocknen und werden abgelenkt von dieser Emotion? Statt zu sagen: Ach guck, so ist man traurig, das sind wir alle manchmal, das darfst du auch. Woher soll ein Kind wissen, wie man damit umgeht, wenn es nicht damit umgehen darf?

…schreibt sich in Rage…

Und wo ich gerade dabei bin: der nächste Mensch, der mir sagt, mein Kind muss alleine schlafen lernen, den lade ich auf meine Kosten zu ‘ner Therapiesitzung ein und dann schauen wir mal, wie ausgeprägt sein eigenes Urvertrauen und seine Wertschätzung sich selbst gegenüber sind. Dann gehen wir mal dem Gefühl von Angst auf den Grund und den Evolutionsphasen unseres Gehirns. Dem zeige ich wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Hirn noch im Höhlenmodus funktioniert und den erinnere ich an die Dunkelheit, die ihm als Kind eine Heidenangst eingejagt hat. Mein Kind ist mittlerweile fast 3. Das muss nicht alleine schlafen lernen. Das habe ich nicht mit Nähe verwöhnt. Und wenn doch, dann freue ich mich, dass es weiß, dass jemand kommt, wenn es ruft. Dass es sich gelassen darauf verlässt, nicht allein zu sein. Dass es keine Ängste ausstehen muss oder Monster unter seinem Bett sieht. Denn das ist unser Bett, und das Monster will ich sehen, das es wagt, eine Mutter anzugreifen.


Schlafen kann man nicht lernen.

Kinder kann man nicht mit Nähe verziehen.

Man kann Kindern nicht zu lange versichern, da zu sein.

Man kann ihnen nicht zu sehr auf Augenhöhe begegnen.

Man muss ihnen nicht sagen, wie es ihnen zu gehen hat.

Sie wollen nicht gelobt, sondern verstanden werden.


Was wäre es für eine Welt, in der Kinder aufwachsen, die gelernt haben zu sagen, wie es ihnen geht, was sie gerade brauchen, Grenzen zu respektieren und Kommunikation als Lösung erlernt haben. Empathische Wesen, die sich selbst wertschätzen, weil andere es taten, als sie noch klein waren und es nicht anders kennen. Menschen, die nicht voller Angst und Enttäuschung Nacht für Nacht im Bett lagen, während ihre Eltern sich ein Bett teilen. (Ha was da los?! Wollten die nicht alleine im Zimmer schlafen?!!) ….

Wenn mir das nächste Mal jemand sagt, ich hätte meinem Kind beigebracht, nicht allein schlafen zu können, höre ich nicht hin. Ich bin verunsichert genug und habe alle Mühe, auf mein Gefühl zu vertrauen. Also schickt eure eigenen Kinder allein ins Bett und lasst mich in Ruhe. Und wenn eure Kinder dann aufgegeben haben euch zu rufen und schlafen, dann forscht doch mal, wo diese „Strategien“ herkommen… richtig, aus den 1930er Jahren. Und jetzt überlegt ihr in dieser ruhigen Minute bitte, wieso es wichtig war, Kinder emotional abzugrenzen und sie nicht zu bestärken. Wieso soll ich auf Ratgeber hören, die für Kriege und anderes menschenverachtendes Zeug verfasst wurden? Ich möchte das nicht. Ich mag mein Familienbett. Und es wird mir fehlen, wenn mein Kind irgendwann groß genug ist und sagt: Ich habe keine Angst, alleine einzuschlafen. Gute Nacht, Mama.

‚Ich kann aber nicht schlafen, wenn mein Kind die ganze Nacht neben mir zappelt!‘ … das ist völlig ok. Dein Kind schläft also, seit es 4 Monate alt ist, in seinem Bett. Ok. Wieso muss meins das auch?! Ich kann prima neben ihm schlafen. Also…

Lass mich.


© 2021 hollingtonsmum

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Am Bett nur Mandarinen


Schlaf. Schokolade. Schlaf. Schokolade. Schlaf.


Ich müsste aufstehen und in die Küche laufen, um zur Nachtischschublade zu gelangen. Ätzend. Dazu bin ich zu müde.

Hier am Bett liegt nur ein Netz Mandarinen. Clement…manda? Wer weiß das schon.

Warum heißt es Clementine?

-gezüchtet von gleichnamiger Nonne
-Lieblingsspeise von ‘nem wichtigen Clemens
-google doch selber, Maaaann.


Clemens ist ein schöner Name. Mehr noch mag ich jedoch Clarence. Der Engel aus „Ist das Leben nicht schön?“

Every time a bell rings, an angel gets his wings.

Hach.

Schokolade.

Aber die Küche ist so weit.

Ein schöner Gedanke, dass wir den Engeln Flügel verleihen können. Sollten wir öfter machen. Aber dafür müsste man schon glauben… Glauben. Die Sache mit dem Glauben ist auch verzwickt. Wie soll man schon glauben, wenn man so viel Gegenteiliges sieht? 2021 wird ja alles besser. Jeder hat so viele tolle Vorsätze. Der nächste, der mich nach Meinen fragt, wird den Februar dieses Jahres leider nicht mehr erleben. 2020 war anstrengend genug. Wieso soll ich meinen letzten Rest Energie für so viel Veränderung verwenden, wenn ich auch einfach jedes Glöckchen in greifbarer Nähe damit anschubsen könnte.

(Nein, das war keine Frage, sondern eine Aussage. )

Oder die Schokolade aus der Küche holen.


2020 ist also vorbei. Gegangen mit einer letzten Probe, wie stabil dieses Fangnetz nun ist.
Mit 28 erneut alle Klamotten in Müllsäcken nach Hause getragen.
(Merke: aktuell passt mein Leben in einen Polo)
Als wäre das nicht kräfteraubend genug, wollte VanilliSchilli aka KillerSchiller in letzter Sekunde zusammengeflickt werden.

Mann, ich brauche dringend Schokolade. Aber, boar, diese steile Treppe. Ich schlafe erstmal ‘ne Runde und schaffe dann den Weg. Da muss man erst schlafen, um Schokolade zu essen. Wahnsinn.

Aber wie im Film auch, war dieses Jahr am Ende doch noch schön. So viele Weihnachtskarten für liebe Menschen. Der Stapel war erbaulich und hat den Blick aufs Wesentliche korrigiert. Wir haben mit Abstand die besten Freunde, die man sich für dieses verrückte Leben vorstellen kann.

Ich kann meinen Tierchen innerhalb von Sekunden lebensrettende Maßnahmen verpassen, ich kann alles, was mir am Herzen liegt, in einen Rucksack packen und mich frei klettern und die Menschen, die 2020 in mein Leben geschüttet hat, sind so dermaßen besonders, dass ich planlos, aber zuversichtlich ins neue Jahr starte. Wird schon werden.

Nur diese blöde Schokolade.
Wer holt mir die jetzt?!


© 2021 hollingtonsmum

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In der Mitte die Höhe


Muss das sein?

Ja.

Das ist voll anstrengend.

Ja, weil du die ganze Zeit jammerst.

Ich wollte ja auch nicht, dass es so anstrengend wird.

Achso… haste gedacht, du ratterst einfach weiter im Kreis, reibst dich auf, lässt mich nicht schlafen und schämst dich fremd bis an dein Lebensende, weil das halt gewohnter Stress ist und weniger anstrengend?

Ja.

Vergiss es. Wer wochenlang jammert, muss halt auch mit den Konsequenzen leben.

Du nervst.

DU NERVST!

Heul doch…


… 4 Uhr, ich packe den Wirbelschlumpi ins Bad, ziehe im Verschlafen 3 Schichten Klamöttchen über, koche Tee und Suppe, fülle beides in getrennte Thermoskannen (bin stolz darauf, es nicht zusammengekippt zu haben), verfrachte Hund, Kind, Rucksack und mich selbst ins Auto. Ziehe Kind dann eine Schicht Klamöttchen wieder aus, weil die Autoheizung es ernst meint…


Naja, aber so schlimm wars doch eigentlich nicht.

Ach nein?

First World problems.

Nein.


Foto: Hollingtonsmum

Er freut sich total auf den „Auslud“ und erträgt geduldig die endlos scheinende Autofahrt. Die Sonne zeigt sich zaghaft am Horizont, wir haben uns darauf geeinigt, diesmal ausnahmsweise meine Musik zu hören und ich fühle mich so frei wie lange nicht. An der Tanke hole ich Füllung für Tank und Thermobecher. Voll erwachsen. Naja. Es ist Kakao, an dem ich mich verbrenne. Trotzdem zählt der Becher zu „Erwachsenen Dingen“. Wir fahren quietschvergnügt gemeinsam Autobahn. Ich bin erstaunt, wie geduldig dieses Kind ist. Das hat er nicht von mir. Auch Holly liegt tiefenentspannt auf dem Rücksitz, glücklich, dabei sein zu dürfen. 45 min vor Ziel kippeln dem Wirbelsturm die Augen zu.
Yes. Das ist eine perfekte Schläfchenzeit, kürzt die Fahrt für ihn ab und kommt vor dem großen Abenteuer genau richtig. Es wird ein guter Tag, ich fühle es.


Vielleicht kannst du ja einfach öfter mal nichts sagen?

Dann hab ich bald gar nichts mehr zu sagen.

Naja, du sollst ja nicht immer schweigen.

Nur bei den Dingen, die mich stören, ja?

Ja.

Empfiehlst du mir gerade wirklich, die Klappe zu halten, weil dir eine Veränderung zu anstrengend ist?!

Ja?

Hirn, du bist echt zu nichts zu gebrauchen.


Wie sollte es anders sein, verfahre ich mich auf den letzten Metern und rolle auf den verkehrten Parkplatz… erkenne meinen Fehler aber schnell, denn Chronoreport schrieb 7 min vor meiner vermeintlichen Ankunft, sie erwarte mich bereits am Ziel. Mist … schnell die Koordinaten erneut gecheckt, und tatsächlich, 3 min am Ziel vorbei gefahren…
Mit 10 min Verspätung erreichten wir endlich das Tal, das wir heute erkunden wollen, und die strahlende Chronoreport. Sie erkundigt sich nach Fahrt und versichert erstaunt, dass dieser Parkplatz sonst nie leer sei. Dass die Woche über furchtbares Wetter herrschte und sie kaum glauben könne, dass gerade die Sonne zu uns lacht.

Mich erstaunte das alles nicht. Das heute war MEIN Tag. Ich wusste es.

Wir wurschtelten zwischen den Bäumen und ersten Felschen hindurch und dann sahen wir sie:
Die Gebirgszacken und Formen aus Stein in riesiger Höhe. Beeindruckend mit lustigen Namen, die unsere bewanderte Führerin alle benennen konnte. Hund und Kind hüpften fröhlich um die Wette, mein Herz schrie immer lauter: Guck!!!!! So!!!!!


Ach was, das hat doch keine Ahnung.

Wieso?

Immer wenn du auf das olle Ding hörst, heulste am Ende wieder.

Ach ja? Und du gibst bessere Ratschläge?

Jaaaa?!!!!

Es tut mir leid, aber Herz hat diesmal recht.

Pah. Bisschen verbiegen… das wirst du doch wohl schaffen. Es geht dir doch gut hier…


Zum ersten Mal seit Tagen ging es mir wieder gut. Die Luft, die Aussicht, das flitzende Kind und der leichtpfotige Hund ließen mich beschwingt und fröhlich Meter für Meter aus meinem grauen Alltag und tiefer in die Schluchten verschwinden. Chronoreport übertraf sich selbst mit Geschichten von goldenen Kekstrollen, die unsere Sonne aus Versehen erschaffen haben und wir selbst steuerten die Nachtplätzchen dazu, die sich in ihrer zimtigen Schokoladigkeit gegen Abend vor den grossen Haferkeks schieben.  (Wieso schreiben wir eigentlich kein Kinderbuch?!


Weil du unfähig bist und das niemand lesen wollen würde.

Ja, aber Chronoreport kann das doch-

Die schreibt das auch ohne dich, die braucht da keine Hilfe von dir.

Danke Hirn.)


Eine grandiose Szene bot auch das Gesicht des völlig fassungslosen Schlumpis, als einer der Felstrolle plötzlich auf seine Rufe antwortete.


Vlt hast du auch einfach zu hohe Ansprüche.

Findest du?

Naja man kann ja nicht jeden Tag durch nicht vorhandene Schluchten klettern.

Nein. Aber man muss auch nicht nur auf den Abend warten und hoffen, dass der Tag schnell um ist.

Machstes dir halt im Alltag auch schön.

Das geht aber nicht, wenn man im Kreis diskutiert.

Kinkerlitzchen.


Plötzlich hält Chronoreport inne. Zum ersten Mal sehe ich so etwas wie Irritation in ihrem Blick. Ich suche den Grund dafür, finde ihn aber nicht. Es täte ihr Leid, normalerweise sei dieses Tal von Instatouris überrannt und sie hatte nicht gedacht, hier heute tatsächlich mit uns langzulaufen. Sie hatte also nicht bedacht, dass wir eine Leiter klettern mussten. Ihr Blick fiel auf Hollington. Sie hatte wohl geschlussfolgert, hier mit Hund nun festzustecken… aber meine verrückte Herde wäre nicht verrückt, würde der Hund nicht auch Leitern klettern können. Senkrecht die Wand rauf führte uns der Weg und ich war stolz wie Bolle auf meine beiden Chaoten.
Chronoreport lachte, nickte und stellte vergnügt fest, dass ich es ernst meinte, als ich in der Anfrage „wanderfest“ schrieb.

So dermaßen mit der Natur um uns und den Felsen neben uns verbunden bemerkte ich nicht, dass wir Stück für Stück höher wurschtelten. Selbst als wir oben ankamen, war ich so sehr geerdet, dass ich mich ohne mit der Wimper zu zucken zu einem Selfie an den Abgrund gesellte. (Chronoreport wollte ein Selfie mit mir, ich wäre dafür auch über die Klippe gesprungen.)

Selbst ganz erstaunt von dieser Ruhe kam ich am Gipfel an.
Geschafft. In meiner Mitte machte mir die Höhe nichts aus. Ich genoss die Aussicht, das Gefühl, hier selbst hochgekraxelt zu sein und alles, was ich brauchte, in einen Rucksack gesteckt zu haben.
Die beiden anderen Flitzpiepen tollten ausgelassen im alten Burgdings umher und ich hatte vergessen, dass ich Höhenangst habe. Unglaublich.


Naja gut…

Was?

Dann zieh halt aus.

Sag ich ja.

Und weiter?

Keine Ahnung.

Nicht dein Ernst?!

Klappe.

Unglaublich


Text: © 2020 hollingtonsmum
Fotos (bis auf da, wo was anderes dransteht ☝️🤓): © Juliana Socher (Chrononauts Photography)

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Schiller – aka Chillivanilli – aka Killischilli – aka Vanillischilli


Dieses kleine erdfarben/lehmrote Wesen findet also den Weg in ihr Leben. Sie mag keine Katzen. Sie ist eher der Hundetyp. Loyal und rudelfähig. Kein Töten aus Spaß. Kein plötzliches, unangekündigtes Kratzen oder Beißen. Dennoch ist es nun da. Das kleine Ding mit Fell. Viel Fell. Überall. Und es ist niedlich. Vlt ausgesetzt, weil eine Promenadenmischung? Abstammung unklar.
Auf jeden Fall anders als herkömmliche Kätzchen.

6 Monate später

Er chillt im Beutel, während sie mit dem Rad zur Arbeit fährt. Er hasst den Wind der Nordseeinseln. Der zerzaust sein Fell. Er gehört da nicht hin. Noch mehr hasst er es aber, allein zu sein. Also fährt er mit.
Ja. Auch in der Bahn. Was soll‘s. Hätte er gewusst, dass die Fahrt zum Impfen geht, hätte er sich das vlt anders überlegt. Hat sie ihm also vorher nicht verraten.
Er ist offenbar versöhnlicher als herkömmliche Katzen.

9 Monate später

Ein Hund beißt ihn in die Schulter. Sie ruft den örtlichen Flugplatz an, organisiert eine 8-Mann Maschine, packt ihn in seinen Beutel, fährt mit dem Rad zum Flugplatz, stellt fest, dass der Stoff des Beutels nicht saugfähig ist als das Motorengeräusch der Propellermaschine die Blase des Tieres übermannt, erreicht mit Katzenpipi auf der Hose die Nachbarinsel, fährt mit dem Taxi zur Praxis und legt das zitternde, ebenfalls nasse und verletzte Bündel auf den Tisch. Nur knapp kann sie verhindern, dass die ängstliche Tierarzthelferin den armen Kater vor lauter Schreck erwürgt. Sie hält ihn so sehr geknebelt auf dem Tisch, dass Luftholen zum Leistungssport wird.
Er ist offenbar größer als herkömmliche Katzen.


11 Monate später

Er belauert am Stubenfenster ein Reh, das in den Dünen weidet…
Er hält sich selbst offenbar ebenfalls für grösser als herkömmliche Katzen.

15 Monate später

Sie will die Insel verlassen. Ihr Wohnungsgeber ist wenig begeistert von der Idee und behält die Katze in Gewahrsam. Sie sucht die örtliche Polizei auf und schildert den Fall. Der Wohnungsgeber ist leider Insel bekannt und hatte nicht den ersten Kontakt mit der Polizei. Freude kommt auf. Der Polizist könne „die Tür nicht gewaltsam öffnen, sie aber auch nicht davon abhalten, von eventuellen Schlüsseln Gebrauch zu machen.“ Sie schließt also unter Aufsicht der Rechtssicherung die Haustür auf, flüstert einmal den Namen des mittlerweile orange schimmernden Luchsverschnitts in klein, der sogleich fröhlich angerannt kommt und in seinem gewohnten Beutel Platz nimmt. Der Polizist ist neben Ausweispapieren, die auf ihren Namen ausgestellt sind, nun vollends überzeugt, dass die geschilderten Besitzverhältnisse der Wahrheit entsprechen, als der Wohnungsgeber plötzlich nach Hause kommt. Sie schwingt sich auf ihr Rad und tritt wie eine arme Irre in die Pedale. Die Polizei schafft es, ihr einen kleinen Vorsprung zu verschaffen, kann den Verfolger jedoch nicht gänzlich hindern. Erst als der Elektromotor des Rads endlich in Gang kommt, kann der Beamte den Angreifer, der sie fast eingeholt hat, in den Graben abdrängen und verpasst ihm nach einigem Gerangel einen Stromstoß mit einem Elektroschocker. Ohne zu überlegen brettert sie, schockiert und belustigt zugleich, auf die Fähre, die planmäßig ablegt. Ohne Ticket, aber mit klopfendem Herzen setzt sie über ans Festland. Zum wiederholten Male ist sie heilfroh, dass die Fähre nur einmal täglich einen Ausweg bietet. Sie bittet ihren Vater, die 10h Fahrt auf sich zu nehmen, um die Katze schonmal nach Hause zu bringen – falls der Wohnungsgeber die frühe Fähre oder gar ein Flugzeug nähme, um die Besitzverhältnisse neu zu ordnen.
Er ist offenbar begehrter als herkömmliche Katzen.

15 Monate und 5 Tage später

Ihr Vater hat die Rückfahrt fluchend mit einer Katze als Beifahrer verbracht. Er hasst Tierhaare. Aber er hat es gemacht. Das Auto wurde ausgesaugt, der Rest ihres Krempels unter großem Aufwand und Personenschutz aufs Festland zurück in die Normalität transportiert. Der Kater lernt zum ersten Mal Gras kennen. Hier ist kein Wind. Hier gehört er schon eher her. Dennoch fragt sie sich, was sich die Natur bei einer leuchtend orangenen Katze gedacht hat. Er sticht aus der Wiese heraus.
Er ist definitiv auffälliger als herkömmliche Katzen.

16 Monate später

Er darf ohne Leine umherstrolchen. Bisher war sein Leben autofrei. Um sicher zu gehen, dass er nicht unter die Räder gekommen ist, verabreden sie, dass er jeden Abend nach Hause kommt. Er hält sich daran.
Er ist offenbar gelehriger als herkömmliche Katzen.


17 Monate später

Er schleicht sich in den Wintergarten der Nachbarn. Ein lautes „aaaaah, ein Fuchs“ schallt durch die Straße. Sie geht ihn lachend abholen.
Er ist offenbar unerschrockener als herkömmliche Katzen.

18 Monate und ein paar Tage

Eine Anzeige wegen Diebstahls flattert ins Haus. Sie soll eine Katze und 12tausend Euro vom Küchentisch entwendet haben. Die Anklage wird nach einem Gespräch fallen gelassen. Beweise liegen alle auf ihrer Seite. Die Tatsache, dass ein Polizist dabei war, half ebenfalls geringfügig.


19 Monate später

Der Herbst färbt die Welt in Sonnenuntergangsgelb, Kürbisorange und Tonerdenbraun. Sie versteht jetzt, was die Natur mit der Fellfarbe bezweckt hat.
Er ist jetzt unsichtbarer als herkömmliche Katzen.

21 Monate später

Er kommt abends nicht nach Hause. Sie sucht. Sie macht sich Sorgen. Sie ruft. Er antwortet. Sie folgt dem Miauen. Er hängt mit dem Halsband an einem Fahrradständer verklemmt fest. Sie befreit ihn und trägt ihn nach Hause. Er liegt die ganze Nacht an ihrem Kopf und schnurrt.
Er ist offenbar dankbarer als herkömmliche Katzen.

22 Monate später

Er kommt humpelnd nach Hause. Mit Reifenspuren auf dem Fell. Sie trägt ihn rennend zum Tierarzt. Er hat Glück gehabt. Nur gestreift. Nichts gebrochen. Sie beobachtet ein paar Tage, wie er sich der Straße hinterm Haus nähert und stellt erleichtert fest, dass er nun gehörigen Respekt vor der Straße und den Autos hat.
Er hat offenbar auch 7 Leben wie herkömmliche Katzen.


47 Monate später

Zielgerichtet springt er höchst tödlich auf einen Maulwurf, der 2 cm unter der Erde unvorsichtig umhergräbt. Der schwarze Nager hat nicht den Hauch einer Chance. Er spielt vorsichtig und mit eingezogen Krallen mit dem Wirbelschlumpi, der ein Stück Faden in der Hand hat. Auch Knuddelattacken von oben herab lässt er über sich ergehen.
Er ist beherrschter als herkömmliche Katzen, manchmal sogar liebevoll.

Was sich sonst noch verändert hat…

Seit die Katze da ist:

  • gibt es lebende Mäuse im Haus
  • muss Holly die Aufmerksamkeit teilen und findet das nur semigut
  • gehen sie zuverlässig alle zusammen spazieren. Er wartet geradezu auf die Runden.
  • rennt sie regelmäßig vor ihrer Katze weg, um Wege allein zu erledigen
  • holt er sie spielend ein und folgt ihr quer durchs Dorf
  • gibt es eine Katzenklappe in der Hauswand, die ihr Vater (ebenfalls fluchend) eingebaut hat. ♡
  • hat sie die Decke immer mal malern müssen, weil angekaute Vögel bei Fluchtversuchen Blut verloren
  • verstecken sich Mäuse in Jackenärmeln der Garderobe und werden nachts um 4 vom Bruder mit Gekreische daraus verjagt (bester Wecker für die Frühschicht den es gibt)
  • hält er sich akkurat an die Fliesengrenze der Küche, die für ihn gesperrt ist
  • ist sie nicht mehr alleine auf Toilette
  • mag sie Katzen

Auch die herkömmlichen.


© 2020 hollingtonsmum